Ausgerechnet das kleine Theater im Kornhaus erlebte am Freitagabend eine Schweizer Uraufführung – eben jenes Stück, das auf einem Roman des Deutschen Edgar Hilsenraths basiert. Walter Küng und Verena Buss haben die 640-Seiten-Vorlage in ein Skript in eine 90-Minuten-Lesung verwandelt. Schon beim Hereinkommen des Publikums sass Verena Buss auf der Bühne, auf einem Stuhl in den oberen Stuhlreihen hatte Elina Duni Platz genommen, welche die Darbietung mit armenischen Liedern begleitete.

Und um Armenien geht es in «Das Märchen vom letzten Gedanken«, genauer um die Zeit um 1915, als die Armenier Opfer von Deportationen und Erschiessungen wurden, begangen von den Türken, in deren Reich das christliche Volk seinerzeit lebte. Als im Frühjahr 2014 von Hilsenraths Roman in Deutschland erstmals eine Bühnenfassung zur Aufführung kam, demonstrierten Türken vor dem Theater und skandierten, es habe niemals einen Völkermord an den Armeniern gegeben.

Keine Demonstranten in Baden

In Baden demonstrierte niemand. Dort erlebte das Publikum im Thik ein Bühnengeschehen, das bis zum Schluss ambivalent blieb. In ihrem minimalistischen Spiel, nur mit Skripten in der Hand auf Stühlen sitzend, changierten Küng und Buss zwischen märchenhaften Passagen und Polit-Stück. Weite Strecken über war es voll mit den Mythen, Geschichten und Geheimnissen aus einer Region, in der die Völker im Grunde nur eines wollen – friedlich zusammenleben. Warum sie das aber nicht können, wie Hass, Lügen und Zwietracht gestreut werden, um das zu verhindern, auch darum geht es. Nicht zuletzt ist das Geschehen verwoben mit den Genoziden, die folgen sollten, die das vor 100 Jahren Geschehene in den Schatten stellten, aufgeschrieben von einem Edgar Hilsenrath, der als Jude selbst nur knapp einem Völkermord entkam.

«Wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen,» heisst es bei Goethe. Dann interessiert das kaum jemanden, in der sogenannten zivilisierten Welt. Dann hat sich der Staub der Geschichte darüber gelegt. Dann wirbelt es nur Staub auf, wenn man die alten Geschichten wieder zum Vorschein holt.

Walter Küng hat es getan. «Mich hat an Hilsenraths Roman fasziniert, dass es darin um die Menschheitsgeschichte geht», sagte der Badener Schauspieler im Gespräch mit dem BT. Theater müsse Geschichten erzählen, aber auch Parabeln, lehrreich und modern zugleich, weit über das Sujet hinausreichend, das es im konkreten Fall inszeniert.