1964, in einem Einfamilienhaus in Büsserach im Kanton Solothurn. Der achtjährige Bruno Jeker schleicht sich in die Stube, steckt die Lautsprecher der Stereoanlage aus und verschwindet damit in den oberen Stock. Einmal in seinem Zimmer modifiziert er den Ausgang der Kabel, zieht die billigen Kopfhörer aus seinem Taschenradio und steckt die Lautsprecher an. Von der Musik, die sich im Zimmer ausbreitet, bleibt er fasziniert. «Meine Eltern nahmen die Aktion mit Humor. Natürlich musste ich die Lautsprecher wieder an die Stereoanlage anschliessen», sagt der mittlerweile 60-Jährige mit einem Lächeln.

Jeker sitzt in seinem kleinen aber feinen Showroom an der Bremgartenstrasse 19 in Niederrohrdorf auf dem Sofa. Aus dem rot-metallisierten Lautsprecher «Absolut Reference Concerto» erklingen Klavier- und Geigentöne.

Jeker hört der Musik zu und geniesst den Moment. «Das war mein Traum, als ich 14 Jahre alt war», sagt er und blickt auf das Modell. Ein Lautsprecher, der die Instrumente und Stimmen originalgetreu im Wohnzimmer wiedergibt. «Fast 40 Jahre habe ich gebraucht, bis ich mir meinen Jugendtraum erfüllen konnte», sagt Jeker und fügt an: «Es ist aber nicht so, dass meine anderen Modelle nicht auch gut wären.»

Bruno Jeker blättert im Fotoalbum und lässt seine aktuellen Modelle erklingen.

Bruno Jeker blättert im Fotoalbum und lässt seine aktuellen Modelle erklingen.

Internationaler Testsieger im Jahr 1975

Bruno Jeker gehört zu den erfolgreichen Schweizer Entwicklern von High-end-Lautsprechern. Eines seiner ersten Modelle, «JB Studio 50 spezial», schloss an der internationalen Tonmeistertagung 1975 im Vergleich mit teureren Markenprodukten als Testsieger ab. 1988 entschied er hierzulande den Wettbewerb bei den Kleinboxenmodellen für sich. «Dass ich internationaler Testsieger wurde, macht mich noch immer riesenstolz», sagt Jeker. Nie hätte er geträumt, dass er all die Markenprodukte hinter sich lassen würde. Sein Erfolg wurde ihm erst später bewusst: Als er eines Tages einen Brief eines Giganten aus der Audiotechnikbranche erhielt. «Die US-Firma wollte die Lizenz für mein Testsiegermodell. Dafür bot sie mir rund 60 000 Franken», sagt Jeker.

Doch dann brach der Kontakt plötzlich ab: «Die Firma hat gemerkt, dass ich nur ein passionierter Lautsprecherentwickler bin und die Mittel gar nicht hätte, um sie einzuklagen.» Vier Jahre nach der internationalen Tonmeistertagung brachte die US-Firma einen nach Jekers Idee gebauten Lautsprecher auf den Markt. «Das hat mich verletzt und geärgert», sagt er. Um welche Firma es sich handelte, darf Jeker aus rechtlichen Gründen nicht sagen.

Ob er daraufhin seine Modelle zum Patent angemeldet hat? «Auf keinen Fall, das hätte nichts genützt!», sagt Jeker. Im Gegenteil, so hätte er sogar seine Baupläne preisgeben müssen. «Ich entwickle lieber im stillen Kämmerlein und überrasche die Kunden dann mit einem guten Produkt.»

Modelle in renommierten Fachgeschäften erhältlich

Den ersten Lautsprecher baute Jeker mit 14 Jahren – weil keines der Modelle in den Fachgeschäften seinen Vorstellungen entsprach. «Ich beschloss, mir das Fachwissen durch Selbststudium anzueignen.» Er verschlang Bücher und tüftelte eifrig in der Garage seiner Eltern. «Mein Erstlingswerk war gar nicht so schlecht», erinnert er sich. So kam eines Tages ein Kollege vorbei, der so beeindruckt war, dass er den Lautsprecher gleich abkaufen wollte. «Auf diese Weise nahm alles seinen Lauf.

Zu Beginn produzierte er in seiner Freizeit. Jeker absolvierte eine Lehre als Maschinenzeichner in einem Konstruktionsbüro. «Während meiner Ausbildung kamen immer mehr Anfragen. Also entschloss ich danach ein eigenes Geschäft zu eröffnen.» Neben dem Laden in Büsserach waren seine Modelle auch in diversen Fachgeschäften erhältlich, etwa bei «Musik Hug» in Zürich und Basel, bei «Bild+Ton» in Luzern und bei einem der grössten Radiohändler der Schweiz, Radio Iseli. 1989 verliess er den Kanton Solothurn und zog nach Niederrohrdorf. «Der Liebe meines Lebens folgte ich gerne ans andere Ende der Welt», sagt er mit einem herzhaften Lachen. Kurz darauf eröffnete er an der Seminarstrasse in Wettingen ein neues Hi-Fi-Studio mit Werkstatt. 1995 zügelte er damit ebenfalls nach Niederrohrdorf. Seither bedient er die Kunden jeweils am Samstag oder nach Vereinbarung in seinem Showroom gleich gegenüber der Raiffeisenbank.

Beruf steht nicht an Lohnspitze

Rund einen Monat benötigt Jeker, bis er einen Lautsprecher entwickelt hat. Mit Ausnahme des Gehäuses, die ein Künstler anfertigt, baut er alles selber zusammen. Je nach Modell und Kundenwünschen liegt der Preis im drei- bis fünfstelligen Bereich. «Viele meiner Kunden sind Akademiker, die bereit sind, für guten Ton etwas auszugeben. Oder Musikbegeisterte, die sich ihr Geld zusammengespart haben.» Es sei ihm bewusst, dass er im Hochpreissegment liege und sich nicht alle «JB»-Lautsprecher leisten könnten. «Bei mir stehen der gute Ton und die Zufriedenheit der Kunden an erster Stelle.» Es gebe nichts Herzerwärmenderes, als wenn er die Lautsprecher montiere, die Musik erklinge und der Kunde über das ganze Gesicht zu Strahlen beginne. «Auch wenn mein Beruf in finanzieller Hinsicht nicht an der Lohnspitze steht. Solche Momente erfüllen mich ganz besonders.»

Wer sein Lebenswerk dereinst weiterführen soll, darüber hat sich Jeker noch keine Gedanken gemacht. «Als leidenschaftlicher Lautsprecherentwickler gibt es kein Pensionsalter». Falls er sein Geschäft trotzdem einmal übergibt, muss sein Nachfolger jemand sein, der die Musik über alles liebt. Sein Sohn und seine Tochter scheiden aus. «Sie sind zwar künstlerisch begabt, haben aber kein Interesse, mein Geschäft zu übernehmen.»

Statt sich darüber den Kopf zu zerbrechen, tüftelt Jeker fleissig weiter: Obwohl er das «Absolut Reference Concerto»-Modell als Ideal bezeichnet, gibt er sich damit nicht zufrieden. «Ich gebe nie auf. Für mich ist nur das Perfekte gut genug.» Der Zufall will, dass er vor kurzem einem Kunden seinen eigenen Lautsprecher verkauft hatte – und nun selber keinen mehr hat. Schmunzelnd sagt Bruno Jeker: «Jetzt kann ich mir wieder einen Lautsprecher bauen.»