BT-Kolumne
Baden-Balladen (72): Gold Köbi

In seiner neuen Kolumne findet sich Simon Libsig im Goldrausch wieder.

Simon Libsig
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Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

B. Wylezich - Fotolia

WOLLT ihr überhaupt Gold finden?», fragte Gold-Köbi in scharfem Ton und schritt wie ein General die Linie ab, auf der unsere Kinder standen. Bibberten, vielmehr. «Ich kann euch nicht hören?» Er legte die rechte Hand an sein Ohr und liess die Truppe dreimal «Ja, Köbi» brüllen.

Wir hatten uns einen lockeren Familienausflug vorgestellt. Sechs Erwachsene, sechs Kinder. Letztes Mal waren wir im Streichelzoo. Dieses Mal wollten die Kinder unbedingt Goldwaschen. Sie hätten da eine gute Idee, schmunzelten sie. Das werde bestimmt lustig. Auf der Website hatte es idyllisch ausgesehen. «Hier draussen herrscht Krieg», fuhr Gold-Köbi fort und streckte seinen linken Mittelfinger in die Luft, dem das obere Glied fehlte. Die Dreijährige sackte bleich zusammen. «Sehr gut», sagte Gold-Köbi, «besser jetzt als nachher im Fluss.»

Dann wandte er sich an uns Erwachsene. Automatisch ging ich in Hab-Acht-Stellung. Bereit, meine Befehle zu empfangen. «Vermutlich werden es heute nicht alle schaffen», sagte er, und kam einem dabei so nahe, dass man riechen konnte, was er gefrühstückt hatte. Schnaps. «Ich korrigiere», korrigierte er sich, und fixierte mich mit seinen wässrigen Augen, «ihr werdet es GANZ SICHER NICHT alle schaffen.» Sein Lachen ging im Donner unter. Es begann zu regnen. Fast hageln. Und die Bäume bogen sich. Natürlich wollten wir gleich zu unseren Autos und die Übung abbrechen, zwei der Kinder und ich hatten zu weinen begonnen, aber Gold-Köbi versperrte uns mit einer Schaufel den Weg. «Ausrüstung fassen», befahl er, «sonst setzt es was.»

Wir sahen lustig aus, in diesen hüfthohen Gummistiefeln, und mit dem ganzen Werkzeug, Goldwaschrinnen, Wurfschaufeln, Eimer, Goldwaschpfannen, Handschaufeln...aber niemand lachte. Die Miete kostete ein Vermögen. «Da kommt ihr nicht drumherum», sagte Gold-Köbi, «wenn ihr Gold finden wollt.» Abermals legte er die Hand an sein Ohr. «Und ihr WOLLT doch Gold finden, oder?»

Dann folgte eine zweistündige Goldwasch-Instruktion, während der wir immer wieder im Kollektiv Froschhüpfer und Liegestütze machen mussten als Strafe, wenn einer sich bewegte, oder zu laut atmete. «Goldig», sagte Gold-Köbi, eine goldige Truppe seien wir. Und schickte uns schliesslich in den Fluss. «Was ihr findet, dürft ihr behalten. Viel Glück.»

Das erste Gold-Nugget entdeckte meine Frau. Halb steifgefroren und mit blauen Lippen zeigte sie wortlos ihre Waschpfanne in die Runde. Die Kinder schliefen längst. Dicht beisammen, auf einer Picknickdecke, unter einem Berg von Pelerinen. Wir anderen waren plötzlich hellwach. BINGO! Das war kein Goldkrümelchen. Das war ein Klumpen. Kieselsteingross. Gold-Köbi pfiff durch die paar wenigen Zähne, die er noch im Mund hatte, stapfte zu uns ins Wasser und wollte sich das Gold krallen, aber ich war schneller.

Mein Eimer traf ihn am Hinterkopf, er fiel vornüber, und der Fluss trug ihn weg. Wir hörten ihn noch lange fluchen, während wir die nächsten Nuggets hervorsiebten. Wieder kieselsteingross. Wir kamen ins Fieber. Wir begannen zu singen. Googelten den Goldpreis. Einer holte aus Gold-Köbis Wohnwagen eine Flasche Schnaps. Und immer wieder rief jemand einen Fund aus. Kieselsteingross! Verrückt!

Dass es bloss Kieselsteine waren, von den Kindern goldig angemalt und ausgeworfen, fand ich im Nachhinein nicht mal soooo schlimm. Sie hatten ihren Streich ja sogar irgendwie angekündigt. Nein, schlimm ging es mir erst, als mir bewusst wurde, dass ich bei der Reservationsanfrage für Köbis Goldwaschspass ja meinen Namen und meine Adresse hinterlassen hatte.

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