BT-Kolumne
Baden-Balladen: Wer ist der Mann mit der Maske?

Simon Libsig schreibt über die Begegnung mit einem alten Unbekannten. Er kennt diesen Mann – aber woher?

Simon Libsig
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Die Begegnung fand beim Bahnhof statt.

Die Begegnung fand beim Bahnhof statt.



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Ich kenne diese Frisur. Ich kenne diese Art zu gehen. Oberkörper leicht vorgebeugt, kleine schnelle Schritte, als würde er jeden Moment lossprinten. Ich kenne diesen Mann. Aber woher? Aus dem Fernsehen? Aus der Nachbarschaft? Geschäftlich? Normalerweise würde ich mich jetzt möglichst unauffällig zu meiner Frau drehen und sie würde mir seinen Namen einflüstern. Aber meine Frau ist noch rasch Gemüse kaufen. Jetzt habe ich den Salat. Wäre ich nur mitgegangen.

Aber ich wollte explizit nicht «unter all die Menschen», wollte einfach ein paar Minuten «sein», für mich, einfach dasitzen, auf dem Rand des Bahnhof-Brunnens, und bewusst jeden Atemzug wahrnehmen, einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Und jetzt kommt dieser Mann auf mich zu, nickt sogar schon, winkt, winkt ein zweites Mal ... wer ist das?? «Jo, grüezi wohl», sagt er, aber in einem so kollegialen Singsang, dass ich nicht sicher sein kann, ob wir nun per «Sie» oder per «Du» sind, und setzt sich neben mich. «Grüezi, hallo», antworte ich, einen Tick zu zögerlich, und blättere fiebrig durch meine innere Gesichter-Kartei, wer ist das? Er bemerkt meine Unsicherheit und lüftet kurz seine Maske. «Ahh», sage ich, «jetzt ist alles klar!»

Ich mache eine Bemerkung über meine Unfähigkeit, Menschen mit Masken zu erkennen, und bete, dass meine Frau schnell zurückkommt. Wer ist dieser Mann?

Er hat mir weder die Faust hingehalten zur Begrüssung noch hat er mir auf die Schulter geklopft, also eher per «Sie», denke ich, und gehe auf Risiko: «Wie geht es Ihnen?» «Den Umständen entsprechend», sagt er, «gestern war die Beerdigung. Schöner Saich.»

Ich erbleiche. Mistmistmist. Zum Glück trage auch ich eine Maske, die mein Mienenspiel verdeckt. Wie komme ich da bloss wieder raus? Ich mache ein Geräusch, das Verständnis und Anteilnahme ausdrücken soll und unterstreiche es mit mehrmaligem Kopfnicken.

«Den Job habe ich übrigens bekommen», sagt der Mann, «vielen Dank.»

Ich habe keine Ahnung, wovon er spricht. Mein Hirn arbeitet auf Hochtouren. Wem habe ich in letzter Zeit einen Gefallen getan? Wer ist gestorben? Meine Augen scannen den Mann von oben bis unten, weder seine Kleider noch seine Schuhe geben mir irgendeinen Hinweis, wann kommt endlich meine Frau? «Da bin ich froh, wenn ich helfen konnte», antworte ich, «gerade in dieser Zeit.» Ich ziehe mein Handy hervor und schaue aufs Display, als kontrollierte ich die Zeit, als hätte ich einen Termin, irgendetwas dringendes ... und stehe auf. Der Mann erhebt sich ebenfalls und umarmt mich für einen kurzen Moment. Ich bin völlig baff.

«Kommen sie doch einmal mit ihrer Frau zum Essen», sagt er. Und da sehe ich meine Frau. Zum Glück. Ich winke ihr. «Gerne», sage ich zu dem Mann und umarme ihn meinerseits. Überrasche mich selber. Als meine Frau nur noch ein paar Schritte entfernt ist, zeige ich auf den Mann und sage: «Schau, wer da ist.» Dann nehme ich die Maske ab und küsse sie. Während ich flüstere «Wer ist das?», bleibt meine Frau stumm. Als ich mich zu dem Mann umdrehe, ohne Maske, wird er bleich. Es tue ihm leid, stammelt er, eine Verwechslung. Dann macht er eine Bemerkung über seine Unfähigkeit, Menschen mit Masken zu erkennen, und sprintet davon. «Von der Frisur und den Bewegungen her ähnlich wie Roger», sagt meine Frau. «Stimmt», sage ich, «Roger wie noch mal?»

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