Ennetbaden
Bühne statt Parkplatz – verrückter Ort für verrücktes Theater

Im Parkhaus hatte die Bühnenfassung von Friedrich Glausers Roman «Matto regiert» am letzten Freitag Premiere. Die Gruppe «Theater in Baden» wählte damit erneut eine kuriose Lokalität aus.

Rosmarie Mehlin (Text und Foto)
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Oberpfleger Weihrauch (Daniel Trüssel) begegnet Wachtmeister Studer (Ern
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Oberpfleger Weihrauch (Daniel Trüssel) begegnet Wachtmeister Studer (Ern
Patienten und Pfleger beim Begrüssungsfest für den Direktor Sedlacek (v
Patient Wirz (Werner Graf), der Brotkäuer
«Matto regiert» in Baden

Oberpfleger Weihrauch (Daniel Trüssel) begegnet Wachtmeister Studer (Ern

Rosmarie Mehlin

Theater in einem Parkhaus? Was für eine verrückte Idee! Wen aber wundert’s? Röbi Egloff als Regisseur und seine Frau Ruth als Produktionsleiterin von «Theater in Baden» hatten schon immer wenig übrig für Guckkasten-Bühnen. 2003, 2005, 2009 und 2011 haben sie den Gartensaal der Villa Boveri in unterschiedlicher Form in ein Theater verwandelt; an der Badenfahrt 2007 war es das Kino Sterk und 2013 bot das Feuerwehrmagazin Ennetbaden Schauplatz einer Adaption von Max Frisch’s «Biedermann und die Brandstifter».

Nun ist «Theater in Baden» mit «Matto regiert» zu Gast auf der ersten Etage des Parkhauses Ennetbaden. Matto – das italienische Wort für «verrückt» regiert, wo üblicherweise Autos abgestellt sind. Bis es soweit war, wurden mit enormem Aufwand mehrere Parkplätze zu einer Zuschauertribüne umfunktioniert und andere in Räumlichkeiten der Irrenanstalt Randlingen: Unter der beklemmend tief hängenden Betondecke sind dort ein Patientenzimmer und der Empfangsbereich in diffuses Licht getaucht und werden mit fremdartigen Tönen berieselt.

Packend verknappt

Die Vorlage, Friedrich Glausers zweiter «Wachtmeister Studer»-Roman mit seinen eindeutig autobiografischen Elementen, war 1936 erschienen. Der Redaktor, Regisseur und Autor Renato Cavoli aus dem luzernischen Schötz, hat die Bühnenfassung geschaffen, der frühere Badener Buchhändler Franz Doppler hat sie zusätzlich massgeschneidert auf «Theater in Baden».

Das Ergebnis: eine packende Verknappung des in der Originalversion gut 200 Seiten starken Kriminalromans auf 90 Minuten spannendes Theater. Dabei wird die hochdeutsche Fassung der Vorlage nicht zuletzt durch typisch Glauser’sche Ausdrücke wie «Löli», «Schmier», «Gopferdori» oder «Stieregrind» gerecht. In der Bühnenversion ist indes, anders als im Roman, der Anstaltsdirektor nicht nur als Leiche, sondern zunächst durchaus noch lebendig zugegen. Das gibt Franco Fiordiponti - einem «Urgestein» der Truppe – die Gelegenheit, sein aussergewöhnliches darstellerisches Können einmal mehr schlagend unter Beweis zu stellen. Der in Zürich lebende gebürtige Römer tut dies hier gar in zwei Rollen absolut mitreissend.

Wahrheit im Wahnsinn

Sämtliche 16 Darstellerinnen und Darsteller – egal ob sie zentrale oder nur stumme Charaktere spielen - agieren mit fesselnder Präsenz. Besonders tun dies die Klinikpatienten, die mit verbalen und gestischen Stereotypien unter ihrem «Verrücktsein» auf berührende Weise menschliche Tragödien durchschimmern lassen. Unverhofft schleicht sich die Erkenntnis ein, dass im Wahnsinn auch ein Körnchen Wahrheit steckt.

Stellvertretend für die grossartigen Leistungen aller Mitwirkenden seien speziell erwähnt Yann Schmid als verzweifelter Patient Herbert, Christina Kraushaar als gütige Pflegerin Irma, Andres Schifferle als verzagter Pfleger Otto, Barbara Gebhart als couragierte Ärztin, Adrian Müller als Portier mit zwei Gesichtern sowie Ernst Wenger als Charakterkopf Wachtmeister Studer.

In Leopold Lindtbergs «Matto regiert»-Verfilmung von 1946 hatte Heiri Gretler den Fahnder zu einer legendären Figur gemacht. Auch Regie, Kostüme, Requisiten und sämtlichen Hintergrund-Details, die zum Gelingen einer Aufführung beitragen, ist ein grosses Kränzlein zu winden. Das Publikum sieht und spürt, dass hinter «Matto regiert» ein ausgezeichnet harmonisierendes Team steckt.

So beeindruckt und begeistert die Aufführung als Gesamt-Kunstwerk. Daran hat auch die Guggenmusik «Bloser-Clique» ihren Anteil, führt sie doch vor dem Parkhaus die «Kantine 99». Eine Theaterbeiz samt Lounge und Bar, wo der Gast noch König ist, weil sich die Bedienung zuvorkommend und sehr freundlich präsentiert und die Speisen vor oder nach der Aufführung fein schmecken.

Bis zum 20. September wird «Matto regiert» weitere zehn Mal von der Gruppe «Theater in Baden» im Parkhaus Ennetbaden aufgeführt.