Eben noch waren die Nachbarn gute Freunde, doch dann baut einer eine Sichtschutzwand, einen neuen Grillplatz oder einen Wintergarten auf dem eigenen Grundstück. Eigentlich würde das niemanden stören, doch mit der Nachbarsfreundschaft ist es plötzlich vorbei.

Immer wieder machen Anwohner Gemeinden auf Kleinbauten aufmerksam, die ohne Baugesuch erstellt wurden. So verzeichnet die Stadt Baden jährlich fünf bis zehn Kleinbauten, für die kein Baugesuch einging.

«Zwar sieht sich der Bauinspektor in der Nachbarschaft um, wenn er unterwegs ist, um fertige Bauprojekte abzunehmen, meistens melden aber Nachbaren unbewilligte Grillplätze oder Sichtschutzwände», sagt Jarl Olesen, Leiter der Abteilung Planung und Bau bei der Stadt Baden.

In mittelgrossen Gemeinden wie Fislisbach oder Neuenhof bewegen sich die Zahlen im einstelligen Bereich. Auch in der kleinen Gemeinde Wohlenschwil zählt man fast jedes Jahr einen Fall. Die Bauverwalter der verschiedenen Gemeinden gehen aber von einer höheren Dunkelziffer aus.

So auch der Präsident des Aargauischen Bauverwalterverbandes, Walter Gloor. «Die Zahlen sind kaum einzuschätzen, weil die Gemeinden nicht aktiv nach Bausündern im Dorf suchen.» Und oft sei die Sichtschutzwand oder das neue Gartenhäuschen von der öffentlichen Strasse her gar nicht sichtbar.

Gloor kennt Fälle aus verschiedenen Gemeinden, wo zwischen Nachbarn Zwist herrschte und deshalb der Eine den Anderen bei der Gemeinde anschwärzte. «Das ist leider in vielen Fällen so.» Auch in den Gesprächen fällt mehrmals der Spruch «Nachbarn sind die besten Baupolizisten».

«Ich habe sogar schon erlebt, dass zwischen Nachbarn nach einigen Jahren die Chemie nicht mehr gestimmt hat und der eine die Sichtschutzwand des anderen bei der Gemeinde gemeldet hat, obwohl er anfänglich einverstanden war und deshalb einfach kein Baugesuch gemacht wurde», erzählt Gloor.

In solchen Fällen muss nachträglich ein Baugesuch eingereicht werden. «Im schlimmsten Fall muss man zurückbauen. Aber die meisten Bauverwaltungen versuchen, mit den betroffenen eine Lösung zu finden, statt stur an Gesetzesparagrafen festzuhalten.»

Bis zu 2000 Franken Busse

Im Gegensatz zu anderen Gemeinden ist die Bauverwaltung in Baden nicht so nachsichtig bei der Bussenverteilung. «Dass es bei fehlenden Baugesuchen keine Busse gibt, ist eher die Ausnahme», sagt Jarl Olesen. Im Normalfall muss der Bausünder mit einer Busse von 500 bis 2000 Franken rechnen.

«Wir haben aber auch schon unbewilligte Bauten bei der Staatsanwaltschaft anzeigen müssen, wenn das Vergehen besonders schwerwiegend und das Verschulden hoch war.» Dann droht eine Strafe von bis zu 50 000 Franken. Die Bauverwaltung prüft in jedem Fall, ob der Bauherr, der Architekt, oder die Baufirma gebüsst wird. Hat jemand bei einem denkmalgeschützten Haus einen Schuppen oder Wintergarten angebaut ohne Baubewilligung, kann es sein, dass er diesen zurückbauen muss. «Auch das kommt hin und wieder vor.»

Man muss alle gleich behandeln

Die Gemeinden wären verpflichtet, Bussen auszusprechen. Doch gerade kleinere Gemeinden tun sich damit schwer. Schwierig sei es in kleinen Gemeinden, weil jeder jeden kennt und die Gemeinderäte mit den Einwohnern oft freundschaftliche Beziehungen pflegen, sagt Gloor. «Dann sind Bussen wegen einer Sichtschutzwand unpopulär. Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass es Gemeinderäte gibt, die keine Busse verhängen», sagt Gloor.

Schwierig ist es allerdings, zu beweisen, ob jemand unwissentlich oder willentlich gehandelt hat. «Die Gemeinden müssen aufpassen, dass keine Willkür entsteht.» Ramon Pedrini, neuer Bauverwaltungsleiter in Mellingen und zuvor in Neuenhof, sagt: «Den Bauherren vorsätzliche oder fahrlässige Widerhandlung nachzuweisen, ist nicht immer einfach.» Denn es gäbe in der Gesetzgebung auch gewisse Graubereiche. «Bussen werden deshalb eher selten und nur in klaren Fällen ausgesprochen.»