Wettingen

Celli, Violinen und Bratschen schlüpfen hier in Rollen von Ballettfiguren

Das Stella Maris Orchestra hat in der Klosterkirche Tango und Flamenco gespielt – Höhepunkt war ein Solo-Bandoneonist. Mit einem einzigen Ton seines Instruments konnte Luciano Jungman sogar die Muskelfasern des Herzens in Spannung versetzen.

Eleganz. Vom ersten Moment an, als der Bandoneonist Luciano Jungman ins Kirchenschiff trat, strahlte er Eleganz aus. Sein Auftritt war an sich schon tänzerisch, ohne Tanzschritte, ohne Parkett. Die Atemzüge seines Instrumentes verwandelten sich bereits nach den ersten Takten in die fliessenden Bewegungen eines tanzenden Körpers. Ein einziger Ton des Bandoneons konnte die Muskelfasern des Herzens so in Spannung versetzen, dass die Lichter der Scheinwerfer in der Ewigkeit zu verschwimmen schienen.

«Aconcagua» – der majestätisch klingende Name des höchsten Berges Südamerikas ist gleichzeitig die Bezeichnung für Astor Piazollas Konzert für Bandoneon und Streichorchester, welches das Stella Maris Orchestra am Freitag in der Klosterkirche aufführte.

Melancholische Solopassagen

Rhythmisch und spieltechnisch sei dieses Konzert eine Herausforderung für das Orchester, denn die Tango-Musik Piazollas fordere ganz neue Techniken, die sonst nicht angewendet würden, sagt Renate Steinemann. Sie ist Konzertmeisterin des Stella Maris Orchestra. Die Werke Piazollas vermögen Eleganz und tänzerische Kraft zu verdichten. Der Wechsel zwischen Orchester-Tuttistellen und den melancholischen Solopassagen erzeugte jedoch eine Spannung, welche die Klosterkirche Wettingen selten erlebt. Die Kirche war am letzten Wettinger Sommerkonzert dieser Saison bis auf den letzten Platz besetzt.

Überraschend szenisch im Kontrast dazu wirkten die Passagen aus dem Ballett «El amor brujo» – der Liebeszauber – von Manuel de Falla: Violinen, Bratschen und Celli schlüpften in die Rollen der Ballettfiguren. Das wallende Haar und der stolze Blick der Sängerin Christina Daletska führten einen nahe an die Geschehnisse auf einer Ballettbühne heran. Hier war es der Flamencotanz, der die Musik durchdrang, oder umgekehrt: Die Musik war es, welche den Flamencotanz forderte.

Die Volkslieder-Arrangement des Dirigenten und musikalischen Leiters Cristoforo Spagnuolo war der Auftakt des Abends.

Spannung bis in die Zehenspitzen

Der dritte Satz des Bandoneon-Konzertes war ein Tanz, der Kontrolle vom Schönsten zelebrierte. Kein ausuferndes Finale, kein Ausbruch der Emotionen, sondern diese Spannung, die sich bis in die Zehenspitzen hielt. Es ist die Kunst des beherrschten Ausdruckes, der gerade durch seine stolze Haltung an Kraft gewinnt – und damit eine Energie freisetzt, die durch keine Explosion jemals erreicht würde.

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