Baden
Corso: Höhepunkt oder «alter Zopf»?

Früher waren die Umzüge an der Badenfahrt die besten Einnahmequellen – heute sind es die Sponsoren

Roman Huber
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Der Corso zu «Räder machen Leute» an der Badenfahrt stand im Komitee von damals sogar auf der Kippe. Archiv

Der Corso zu «Räder machen Leute» an der Badenfahrt stand im Komitee von damals sogar auf der Kippe. Archiv

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Die Umzüge an der Badenfahrt, pardon, ab 1967 definitiv «Corso» genannt, bergen zweifellos die schönsten Erinnerungen. Nirgends gab es innert weniger Stunden so viel Eindrückliches, Überraschendes zu sehen und zu bestaunen wie an einem Badenfahrt-Corso. Doch immer wieder stand die Durchführung eines Umzuges auf der Kippe. Es war organisatorisch eine grosse Herausforderung, allein schon all die Mitmachenden zu motivieren. Die Lösung war indes einfach: Jede Gruppe, jeder Verein, der eine Festbeiz betreiben wollte, musste auch am Corso mitmachen. Und das weckte bei den Festbeizern wiederholt und steigend Missmut.

Umzüge verfolgten ein ganz klares Ziel: Damit lockte man an den Wochenenden am meisten Publikum auch von ausserhalb der Region in die Feststadt und machte gleichzeitig das grosse Geschäft mit dem Plaketten-Verkauf. Doch das grosse Geld kommt längst nicht mehr vom Plakettenverkauf allein, sondern je länger, je mehr von den Sponsoren.

Eine Parade der Kostümierten

Dieser Trend setzte 1987 mit «Bade fahrt ab» langsam und mit steigendem Trend ein. Jedenfalls findet diesmal kein Umzug statt, wie es ihn erst 1972, dann 1991 am Regionalfest und auch 2012 am Stadtfest nicht gegeben hatte. Die Frage stellt sich heute mit Fug und Recht: Sind Umzüge überhaupt noch zeitgemäss, oder müssen sich die Festgestalter etwas Neues einfallen lassen?

Über den Umzug von 1947 kann man von Robert Mächler in den Badener Neujahrsblättern 1948 nachlesen: «Im Laufe des Vormittags war das Strassenbild bunter und bunter geworden, nicht nur von Fräcken und Reifröcken des Biedermeiers, sondern von Kostümen aus mehreren Jahrtausenden und verschiedenartigsten Völkerschaften. Das Ländlischulhaus diente als Schmink- und Perücken-Zentrale. Hier und dort tauchten auch schon die den Völkern und Zeiten zugeordneten Vehikel auf. All das trippelte und trappelte, rollte und ratterte in der Mittagsglut nach der Schönaustrasse und Seminarstrasse hinaus und begab sich in Stellungen, wie sie das Zürcher Heer, das anno 1712 von hier aus Baden belagerte, zweckmässiger nicht beziehen konnte. Die Invasion der Stadt durch das Defilee der leibhaftigen Verkehrsgeschichte war vom Polizeikomitee unter der Oberleitung von Stadtrat Büchi und Wachtmeister Studer genauestens vorbereitet worden. Von 13 bis 19 Uhr wurde der Durchgangsverkehr vom Stadtinnern ferngehalten und umgeleitet. Längs der Festzugsroute, besonders an den Hauptstrassen, wo das OK lange Sitzbänke – nach dem Initianten ‹Zambetti-Bänke› genannt – aufstellen liess, schwollen die Zuschauermassen bald nach Mittag gewaltig an. Die Plakettenverkäufer, von H. Herzog dirigiert, taten mit Luchsaugen ihre Pflicht.»

Umzüge leben von den eindrücklichen Bildern. Davon zeugten die vielen Umzugs-Fotos, die wir hier schon abgebildet haben, insbesondere vom legendären Corso der Badenfahrt 1967. Das Motto «Räder machen Leute» wusste zu inspirieren. Eigentlich wollte das Komitee keinen herkömmlichen Umzug, darum sprechen eingefleischte Badenfahrer heute nur noch von einem Badenfahrt-Corso, ob es nun einen solchen gegeben hat oder nicht.

Die Einsicht des Komitees 1967

So verriet Walter Bölsterli, Präsident des Badenfahrtkomitees, später über die Vorbereitungen der Badenfahrt 1967 Folgendes: «Im Anfangsstadium unserer Beratungen waren wir uns so einig wie später selten mehr, indem wir schworen, mit dem ‹alten Zopf› eines Umzuges endgültig abzufahren. Doch mussten wir sehr bald erkennen, dass es eben kein geeigneteres Mittel gibt, das für ein grosses Fest so notwendige geldbringende Volk in die Stadt zu bringen, als eine solche Schau. Die Planungsgruppe entschloss sich, in einem Umzug den rollenden Verkehr auf der Strasse zu zeigen. Diese Idee wurde dem Komitee in der Sitzung vom 20. Juni 1966 unterbreitet und von diesem akzeptiert. Damit war es an der Zeit, das OK zu formieren und die Aufträge für die Gesamtgestaltung des Festes zu erteilen. Das Komitee setzte sich aus einem kleinen Stab und den verschiedenen Ressort-Chefs zusammen, so, wie es im Festführer aufgezeichnet ist. In den nächsten Sitzungen wurde der Umzug in Corso umgetauft und das Fest in seinen grossen Zügen festgelegt.»