Wegen der Regierungskrise forderte CVP-Einwohnerrat Reto Huber (46) im März den Rücktritt des Badener Gesamtstadtrates – vergeblich. Jetzt nimmt er selbst den Hut und tritt aus dem Stadtparlament zurück. «Wenn ich von anderen klare Schritte und Verhältnisse fordere, so gilt dies auch für mich», erklärte er gegenüber dem «Badener Tagblatt». Die Lust an der Politik sei ihm vergangen. Huber stellte klar, schon vor der sogenannten «Affäre Geri Müller» mit zwei parlamentarischen Vorstössen darauf hingewiesen zu haben, dass bei der Stadt einiges schieflaufe. Im Interview spricht Reto Huber über das intensive vergangene Jahr, in dem er zum Gesicht des Widerstandes gegen Geri Müller wurde, und über seine politische Zukunft.

Reto Huber, Ihr Rücktritt aus dem Badener Einwohnerrat sorgt schweizweit für Schlagzeilen, zum Beispiel «Geris grösster Gegner geht». Überrascht Sie das grosse Interesse an Ihrer Person?

Reto Huber: Das Wort «Geri» ist mit derart vielen Emotionen verbunden, dass mit Schlagzeilen zu rechnen war. Geri sells, könnte man sagen.

Haben Sie viele Reaktionen erhalten?

Ja, und für mein Ego waren sie Balsam. Ich erhalte unzählige Handyanrufe, es treffen allerhöchste Komplimente ein, Respektbekundungen für meine Konsequenz und für meine Geradlinigkeit. Ich werde von wildfremden Leuten angesprochen, die sich bedanken für meinen Einsatz, den ich für dieses gelähmte Baden geleistet habe. Typischerweise setzen sich die Kritiker nicht direkt mit mir in Verbindung.

Rücktritts-Debatte: Am Dienstag für dringlich erklärt, liess der Einwohnerrat die Debatte dennoch links liegen. Initiant Reto Huber will nicht aufgeben.

Rücktritts-Debatte: Am Dienstag für dringlich erklärt, liess der Einwohnerrat die Debatte dennoch links liegen. Initiant Reto Huber will nicht aufgeben.

War das auch in den vergangenen Monaten der Fall, in denen Sie zum Gesicht des Widerstandes gegen Geri Müller geworden sind?

Kritik gab es nur auf Facebook und in Onlineforen, wo ich als Moralist und verknorzter CVP-Ministrant dargestellt wurde. Es ist interessant: Ich bin in persönlichen Gesprächen nie für mein Tun kritisiert worden. Ich erkläre das damit, dass es mir nie um die Affäre Geri Müller und um Moral ging, sondern um seine Inkompetenz und Überforderung als Stadtammann.

Welche Inkompetenz?

Nur ein Beispiel: An der Budgetsitzung brauchte er bei simplen Fragen zum beeinflussbaren Nettoaufwand die Unterstützung von zwei Stadtratskollegen. Das sollte ein Stadtammann beantworten können. Seine Inkompetenz ist vielen bewusst, aber die Reaktion darauf ist leider betretenes Schweigen.

«Die Rücktritts-Forderung ist kein Rohrkrepierer»: CVP-Einwohnerrat Reto Huber.

«Die Rücktritts-Forderung ist kein Rohrkrepierer»: CVP-Einwohnerrat Reto Huber.

Bereuen Sie es kein bisschen, dass Sie sich derart aus dem Fenster lehnten und den Rücktritt der Regierung forderten?

Nein, ich bin stolz, dass ich mir selber treu geblieben bin. Ich bereue gar nichts. Leider habe ich mein Ziel nicht erreicht, Neuwahlen zu erwirken.

Sind Sie enttäuscht über die CVP-Parteikollegen, die Ihnen keine Rückendeckung gaben bei der Rücktrittsanfrage an den Stadtrat?

Es stimmt nicht, dass ich im Regen stehen gelassen worden bin. Das war ein gewollter Einzelvorstoss. Enttäuscht bin ich generell von den Mitgliedern der Parteien, denen Geri Müller angehört – also von den Grünen und vom Team Baden. Sie schweigen: Weder fordern sie seinen Rücktritt, noch stehen sie klar und deutlich hinter dem Badener Stadtammann.

Sie werfen den linken Politikern seit einem halben Jahr Doppelzüngigkeit vor – als Einziger.

Nein, ich werfe ihnen keine Doppelzüngigkeit, sondern Schweigen vor. Aus dem Einwohnerrat sind vor mir bereits einige Politiker zurückgetreten, offiziell aus privaten Gründen. Es handelte sich um Vollblutpolitiker, die das Einwohnerratsamt zeitlich bestimmt hätten weiterausüben können. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihnen – wie mir – die Lust vergangen ist, in diesem Umfeld Politik zu betreiben.

Darum will CVP-Fraktionspräsident Reto Huber einen Gesamt-Rücktritt des Stadtrates.

Darum will CVP-Fraktionspräsident Reto Huber einen Gesamt-Rücktritt des Stadtrates.

Die Lust an der Politik sei Ihnen vergangen, sagen Sie, aber Sie stehen auf der CVP-Liste für die Wahl in den Nationalrat. Sind Sie noch glaubwürdig?

Klar, sicher! So glaubwürdig wie noch nie. Das zeigen die vielen positiven Reaktionen.

Ihr Rücktritt kommt zum perfekten Zeitpunkt, ein halbes Jahr vor den Wahlen, die Medienaufmerksamkeit ist Ihnen gewiss.

Der Rücktritt ist kein wahlpolitisches Kalkül, das muss ich klar von der Hand weisen. So ein guter Stratege bin ich nicht, dass ich einen derartigen Medienhype planen könnte. Glauben Sie mir, der Rücktritt war ein trauriger Entscheid, denn ich bin im Herzen ein Badener Politiker.

Schliessen Sie eine Rückkehr in die Lokalpolitik aus?

Das ist die Frage, die mir derzeit am häufigsten gestellt wird, kombiniert mit der Bemerkung, ich könnte doch 2017 als Stadtammann oder Stadtrat kandidieren. Meine Liebe zum politischen Baden habe ich gekündigt, und ich mache mir keinerlei Gedanken über meine kommunalpolitische Zukunft. Vielleicht packt es mich hier irgendwann wieder, aber sicher nicht in einem politischen Umfeld, wie es derzeit herrscht.

Genug von Gerigate: Die Gruppe «Elfriede» sammelt 746 Unterschriften gegen den geforderten Gesamt-Rücktritt des «handlungsunfähigen» Stadtrats. So wie Geri Müller wollen sie «nach vorne sehen».

Genug von Gerigate: Die Gruppe «Elfriede» sammelt 746 Unterschriften gegen den geforderten Gesamt-Rücktritt des «handlungsunfähigen» Stadtrats. So wie Geri Müller wollen sie «nach vorne sehen».