Baden
Damit man nicht auswärts sterben muss: Alterszentrum erlaubt Sterbehilfe

Nach dem Regionalen Pflegezentrum ermöglicht nun auch das Alterszentrum Kehl Sterbehilfe. Ausschlag für den Entscheid gab ein Fall aus dem Jahr 2010, als eine Frau nach 15 Jahren im Kehl zum Sterben ausziehen musste.

Martin Rupf
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Im Alterszentrum Kehl in Baden soll man begleitet aus dem Leben scheiden können.Emanuel Per Freudiger

Im Alterszentrum Kehl in Baden soll man begleitet aus dem Leben scheiden können.Emanuel Per Freudiger

Das Thema Freitodbegleitung gilt in der Gesellschaft als äussert heikel. Wenn die Suizidhilfe dann noch mit Alters- und Pflegezentren in Verbindung gebracht wird, gehen die Emotionen nicht selten hoch – zuletzt 2011. Als bekannt wurde, dass einzelne Institutionen die Freitodbegleitung zulassen, hagelte es Leserbriefe.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass das Alterszentrum Kehl nun Klarheit schaffen will. Es tut dies, indem es Freitodbegleitungen künftig ermöglicht. «Das Alterszentrum Kehl ist Lebensmittelpunkt der Bewohner und stellt die Selbstbestimmung jedes Einzelnen über alles», sagt Daniela Oehrli, Präsidentin der Alterszentrum Kehl (AZK) Betriebe AG. Die Selbstbestimmung muss in letzter Konsequenz auch für das Sterben gelten. Aus diesem Grund habe sich der Vereinsvorstand unter Präsident Roland Wyss, der Verwaltungsrat der AZK Betriebe AG und die Geschäftsleitung unter Geschäftsführer Eduardo Forgas entschieden, dass im Kehl Freitodbegleitung möglich sein soll.

Nach 15 Jahren auswärts gestorben

Ausschlag für den Entscheid gab ein Fall aus dem Jahr 2010. «Eine Frau, die 15 Jahre im Kehl gelebt hatte, wollte mit einer Selbsthilfeorganisation sterben», sagt Geschäftsführer Forgas. Weil dies damals im Kehl laut Vertragsbestimmungen nicht möglich war, musste die Frau ihr Zuhause verlassen, um auswärts sterben zu können. «Das hat bei allen – auch bei denen, die der Freitodbegleitung kritisch gegenüberstehen – ein sehr ungutes, ja beschämendes Gefühl hinterlassen», sagt Oehrli.

Kommentar: Weitere Heime werden folgen

Eigentlich kann man sich als Journalist nur die Finger verbrennen, wenn man über begleiteten Freitod schreibt - so delikat ist das Thema. Doch warum eigentlich? In einer Gesellschaft, die von immer mehr Selbstbestimmung geprägt ist, sollte diese auch für das Sterben gelten. Nun könnte man daraus pragmatisch ableiten: So wie jeder einzelne Mensch über seinen Tod entscheiden kann, so sollte es doch auch jedem Alters- oder Pflegezentrum freistehen, zu bestimmen, ob es den begleitenden Freitod ermöglichen will oder nicht. Doch das wäre zu kurz gegriffen. Denn mit einem Verbot von Freitodbegleitungen entscheiden Institutionen über eine Angelegenheit, die persönlicher nicht sein könnte - das Sterben. Es steht Institutionen schlicht nicht zu, diesen Entscheid zu fällen. Sondern sie müssen ihn vielmehr wie das Alterszentrum Kehl offenlassen. Es wird zwar immer einzelne Bewohner geben, die aus religiösen oder ethischen Gründen den begleiteten Freitod ablehnen. Doch immer mehr ältere Menschen wollen in dieser wichtigen Sache nicht bevormundet werden. Institutionen, die dies erkennen, verfügen über einen Wettbewerbsvorteil. Mit grosser Wahrscheinlichkeit werden in Zukunft deshalb weitere Heime dem Beispiel aus Baden folgen. martin.rupf@azmedien.ch

Der Fall habe eine grosse Diskussion ausgelöst, die nun nach einem Jahr im Entscheid gemündet ist, Freitodbegleitungen im Kehl zuzulassen. «Die Langzeitpflege wird sich immer in erster Linie für die Pflege und Sorge des Lebens einsetzen», so Oehrli. Doch immer mehr Menschen wollten ihr Recht auf Selbstbestimmung behalten, auch wenn sie auf externe Hilfe angewiesen seien. «Es steht uns als Institution nicht zu, persönliche Lebensentscheide zu hinterfragen oder zu negieren», so Oehrli.

Selbstverständlich seien dabei die gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten. Und, gerade weil das Thema so delikat ist, haben der Vereinsvorstand, der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung entsprechende Richtlinien aufgestellt. Darin ist etwa festgehalten, dass der Sterbewunsch nur bei nachgewiesener Urteilsfähigkeit als selbstbestimmte Entscheidung der Bewohnerin oder des Bewohners respektiert wird.

Möglichkeit, keine Dienstleistung

Für Daniela Oehrli steht ausser Zweifel, «dass jede Altersbetreuungs-Institution ihre Haltung zum selbstbestimmten Sterben klar definieren sollte». Ebenso wenig Zweifel bestünden darüber, dass der Wunsch nach Selbstbestimmung bis hin zum Tod zunehme. «Immer mehr werden bei Neueintritten Patientenverfügungen von Sterbehilfeorganisationen mitgebracht», sagt Oehrli.

Vorstandsmitglied Regula Dell’Anno macht gleichzeitig deutlich, dass das Selbstbestimmungsrecht nicht als Freipass zu reinem Ich-bezogenen Denken oder Handeln verstanden werden dürfe. «Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo die Freiheit des anderen beginnt.»

Dazu gehöre insbesondere, dass Mitarbeitende – diese wurden bei der Ausarbeitung der Richtlinien einbezogen – selbstverständlich nicht in die Sterbehilfe involviert werden. «Wir bieten nur die Möglichkeit, nicht die Dienstleistung an», stellt Forgas klar. «Wir werden unsere Bewohner weiter und in erster Linie auf die Möglichkeiten der Palliativ-Pflege aufmerksam machen.» Dell’Anno bringt es auf den Punkt: «Es geht um Würde: Es steht einer Institution nicht zu, über den letzten Moment zu entscheiden. Dieser Entscheid liegt einzig und allein bei den Betroffenen.»

Richtlininen sorgen für Klarheit

«Wohnen, Leben und Sterben im Alterszentrum Kehl», heisst es zu den Richtlinien zum selbstbestimmten Sterben im Alterszentrum Kehl, die sich an den Voraussetzungen der nationalen Ethikkommission des Bundesamtes für Gesundheit orientieren. Darin ist unter anderem festgehalten, dass der sterbewillige Mensch bei der Freitodbegleitung die tödliche Substanz selber einnehmen muss. So ist Mitarbeitenden die Mitwirkung bei der Vorbereitung und Durchführung des begleiteten Freitodes untersagt. Im Gegenzug sind alle Mitarbeitenden verpflichtet, die Grundhaltung, Freitodbegleitungen innerhalb des Kehls zuzulassen, mitzutragen. Vor und nach einem Freitod steht den Mitarbeitenden eine geschulte Fachperson für Gespräche zur Verfügung, wenn dies gewünscht wird. Bei Eintritt ins Alterszentrum Kehl werden alle Bewohner nach einer Patientenverfügung und nach einer möglichen Mitgliedschaft bei einer Sterbehilfeorganisation befragt. Äussert ein Bewohner den Wunsch nach begleitetem Freitod durch eine Sterbehilfeorganisation, ist die Leitung Pflege und Betreuung umgehend zu informieren. Der Freitodbegleiter muss sich vor dem ersten Kontakt mit dem Bewohner bei der Leiterin Pflege und Betreuung anmelden. Die rechtmässige Durchführung des begleiteten Freitodes und die korrekte Information von Polizei und Behörde ist Sache der Sterbehilfeorganisationen. Mitbewohner werden über die geplante Durchführung eines begleiteten Freitodes nicht proaktiv informiert. Der erfolgte Freitod wird wie ein natürlicher Todesfall bekannt gegeben.Die Anzahl Bewohner, die Mitglied bei einer Sterbehilfeorganisation sind, und die Anzahl Bewohner, die einen begleiteten Freitod durchgeführt haben, werden regelmässig erfasst.(mru)

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