Baden

Daniela Oehrli hört im Stadtrat auf: «Die Funktion selber war mir nie wichtig»

Stadträtin Daniela Oehrli: «Die positiven Gefühle überwiegen beim Abschied.» Emanuel Per Freudiger

Stadträtin Daniela Oehrli: «Die positiven Gefühle überwiegen beim Abschied.» Emanuel Per Freudiger

Nach 24 Jahren verabschiedet sich SP-Stadträtin Daniela Oehrli aus der lokalen Politik. Stolz ist sie auf die Projekte zum Regionalen Pflege-, zum Alterszentrum Kehl und «Wohnen 16 plus». Sie verrät auch, wofür sie auf der Strasse beschimipft wurde.

Für das letzte offizielle Mediengespräch mit der Aargauer Zeitung lädt die abtretende Badener SP-Stadträtin Daniela Oehrli in «ihr Sitzungszimmer» – in das Restaurant Roter Turm. Der Name könnte passender nicht sein, erscheint Oehrli doch mit roter Tasche und ihre rot geschminkten Lippen leuchten schon von weitem her. Die abtretende Stadträtin erscheint so, wie man es von ihr gewohnt ist: farbig und auffällig.

Frau Oehrli, mit was für einem Gefühl kommen Sie zu Ihrem letzten Mediengespräch nach 24 Jahren Lokalpolitik?

Daniela Oehrli: Bei der letzten Einwohnerratssitzung ist mir bewusst geworden, dass jetzt meine politische Ära zu Ende geht; dass ich jetzt mein politisches Leben abschliesse. Unter dem Strich überwiegen die positiven Gefühle.

Und wo tut es doch ein wenig weh?

Vor allem auf der menschlichen Ebene. Als Ressortchefin Soziales und Gesundheit habe ich besonders über den direkten Austausch mit meinen Mitarbeitern funktioniert.

Sind daraus Freundschaften entstanden, die über Ihre Amtszeit hinaus Bestand haben werden?

Vielleicht in einzelnen Fällen. Grundsätzlich habe ich aber die goldene Regel, wonach ich private Kontakte in meinem politischen und beruflichen Umfeld vermeide. Das hat sich auch immer wieder bewährt, weil es schwierig sein kann, politische Entscheide zu fällen, wenn private Verstrickungen gegeben sind.

Sie lassen aber nicht nur Beziehungen hinter sich; sie hinterlassen auch Spuren. Wo sehen Sie selbst am deutlichsten Ihre Handschrift?

Ich erinnere mich noch gut, wie mir mein Amtsvorgänger Hans-Ueli Gersbach sagte, ich übernähme jetzt ein Ressort, in dem ich mich ganz sicher nicht werde profilieren können.

Und, hatte er recht?

Mir war es nie wichtig, mich zu profilieren. Vielmehr war es mir wichtig, dort zu handeln, wo Handlungsbedarf besteht.

Das schreiben sich wohl die meisten Politiker auf die Fahne. Wo haben Sie konkret gehandelt?

Zum Beispiel 2005 bei der Installation des Spritzen-Automaten, der heute bei der Apotheke Wyss steht.

Der Spritzenautomat provozierte seinerzeit heftigste Reaktionen . . .

. . . das ist leider wahr. Ich wurde von einigen Menschen extrem und ganz plötzlich angegriffen. Als ziemlich neue Stadträtin war das ein grosses Problem für mich. Denn es ging hier um die Umsetzung eines Stadtratsentscheides.

Ist es nicht auch typisch Politiker? Wenn ein Projekt gelingt, präsentiert man es gerne als das seine, wenn es Kritik hagelt, versteckt man sich hinter dem Kollektiv.

Ich habe keine Mühe mit sachlicher Kritik oder Opposition. Doch beim Spritzenautomaten wurde ich von gewissen Leuten auf offener Strasse beschimpft.

Man steht wohl nirgends so zwischen Hammer und Amboss wie als Ressortchefin Soziales. Hier die Bedürfnisse der Klientel, da die bürgerlich dominierte Politik in Baden. Wo haben Sie das am meisten gespürt?

In der ganzen Suchtprävention-Thematik. Ein Beispiel: Als ich zu meinen Anfängen die Alkohol-Prävention thematisieren wollte, stiess das im Stadtrat auf grosse Ablehnung. Wahrscheinlich befürchteten meine Kollegen, dass ich ihnen das Glas Rotwein verbieten wollte. Heute ist vieles selbstverständlich.

Kamen Sie zu früh mit diesem Thema?

Ich bin jemand, der lieber gestaltet als verwaltet; das hatte manchmal zur Konsequenz, dass ich mit gewissen Themen zu früh kam. Es gab aber auch Themen wie etwa das Altersleitbild, wo es richtig war, dass ich frühzeitig auf die sich verändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen aufmerksam machte.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Weil mir Selbstbestimmung immer ein grosses Anliegen war und ist, bin ich stolz darauf, dass wir im Regionalen Pflegezentrum und im Alterszentrum Kehl die Möglichkeit geschaffen haben, selbstbestimmt zu leben und zu sterben – unter anderem mit Freitodbegleitung. Und stolz bin ich auf das Projekt «Wohnen 16 plus». Dies umso mehr, als wir das Projekt in weniger als einem halben Jahr umgesetzt haben. Und natürlich das Kehl-Projekt, das mich acht Jahre beschäftigt hat und dessen Kredit dieses Jahr deutlich angenommen wurde.

Wieso sind eigentlich oft SP-Politiker Ressortchef Soziales? Oder anders gefragt: Haben Sie Ihre Parteizugehörigkeit eher als Vor- oder Nachteil empfunden?

Ich wollte ja am Anfang das Ressort Sicherheit übernehmen, musste seinerzeit aber Stephan Attiger den Vortritt lassen. Da ich von Haus aus Sozialpädagogin bin, lag das Sozial-Ressort nahe. Aber es stimmt: Die Schlüssel-Ressorts wie Finanzen oder Bau sind oft in bürgerlicher Hand.

Sie hätten ja später wechseln können . . .

. . . das kam für mich nicht infrage, da ich dann das ganze Netzwerk, das ich aufgebaut habe, wieder hätte aufgeben müssen.

Es ist kein Geheimnis: Als es 2005 um die Nachfolge von Sepp Bürge ging, sind Sie nur deshalb nicht als Ammann-Kandidatin angetreten, weil es Ihnen gesundheitlich nicht gut ging. Wie geht es Ihnen heute?

Ich erfreue mich wieder guter Gesundheit.

Und wie geht es Baden? Sie sind ja nicht nur Stadträtin, sondern in erster Linie eine Badenerin.

Ich wohne unglaublich gerne hier. Baden ist für mich Identität. Und ich finde auch, dass Baden – entgegen anderen Meinungen – sehr wohl lebt und pulsiert – ich finde auch mehr als etwa Aarau. Dafür ist uns Aarau beim Ladenmix voraus.

Welchen Ratschlag geben Sie Ihrer Nachfolgerin Regula Dell’Anno mit auf den Weg?

Natürlich habe ich Regula nach bestem Wissen und Gewissen eingearbeitet. Aber grundsätzlich muss Sie ihre eigenen Erfahrungen machen.

Wenn Sie nicht mehr im Stadtrat sind, wird der Exekutive auch ein Farbtupfer verloren gehen.

(lacht). Ja, ich habe mir nie vorschreiben lassen, wie ich mich zu kleiden habe. Und es macht mir auch nichts aus, wenn man mich wegen meiner Kleidung hochnimmt.

Überhaupt hat man den Eindruck, Sie sind sich selber geblieben.

Das freut mich natürlich. Aber es stimmt, ich bin nie mit der Haltung in die Stadt gegangen, dass ich Stadträtin bin. Die Funktion als solche war mir nie wichtig. Wichtig war mir aber, was ich dank dieser Funktion bewegen konnte.

Ab dem 1. Januar 2014 werden Sie diese Funktion nicht mehr innehaben. Wie gross ist die Angst vor dem Bedeutungsverlust?

Ich habe noch einen Mann, den ich manipulieren kann (lacht). Ich glaube am meisten wird mir der Wissensverlust zu schaffen machen. Denn als Stadträtin erhält man vertieften Einblick in viele Themen und weiss daher sehr viel.

Was machen Sie ab dem nächsten Jahr beziehungsweise wie kompensieren Sie die rund 60 000 Franken Lohnausfall als Badener Stadträtin?

Zuerst werde ich einen Break machen und mir Zeit geben, alles sauber abzuschliessen und eine neue Festanstellung zu suchen. Im April schliesse ich meine Ausbildung im Gesundheits-Management ab.

Welchen Traum wollen Sie sich noch erfüllen?

Line Dance (lacht). Nein im Ernst, das reizt mich. Immer, wenn ich an der Hochbrücke am Tanzstudio vorbeigehe, sage ich mir, dass ich das probieren will. Überhaupt sagt mir die Country-Musik sehr zu. Nächstes Jahr reise ich auch zum ersten Mal in die USA.

Wenn die Badener Neujahrsblätter 2027 das Thema «Exekutive» behandeln, welchen Satz wollen Sie über sich lesen?

Daniela Oehrli – sie war innovativ und kreativ.

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