Ehrendingen

Dank den Tieren steht sie heute wieder im Leben

Anita Bugmann mit ihren Hunden Naza (l.) und Beni: «Tiere kommen einfacher an mich ran.»

Anita Bugmann mit ihren Hunden Naza (l.) und Beni: «Tiere kommen einfacher an mich ran.»

Anita Bugmann aus Ehrendingen hat ihre Bestimmung gefunden. Sie betreibt ein Tierferienheim. In ihrem Leben musste sie einige Schicksalsschläge hinnehmen.

«My home is my castle» steht auf einem Holzschild an der Tür von Anita Bugmanns Haus, in dem sie seit sieben Jahren ihr Tierferienheim «Tatzenpfote Tierbetreuung» betreibt. Die Besucherin wird beim Eintritt laut bellend begrüsst. Zu Bugmanns eigenen Hunden Naza und Beni gesellen sich die Feriengäste Ruby, Balou, Snoop. Nur Snoopy, der Jagdhund-Mischling aus Spanien, weicht beim Anblick des Fremdlings etwas scheu zurück.

Einige beruhigende Worte der 36-jährigen Tierbetreuerin – und die Situation entspannt. Während Bugmann Kaffee zubereitet, fällt der Blick auf ihre Tattoos an sämtlichen Fingern. «Meine Haut ist wie ein Tagebuch», sagt die gebürtige Badenerin. Sie zeigt ein Herz auf dem linken Unterarm, das sich je nach Blickwinkel wie ein M oder W liest. Es sind die Initialen von Papa Walter, Mutter Monika und Matthias; ihr zwei Jahre älterer Bruder starb mit 13 an Leukämie.

Auf dem rechten Unterarm hat Anita Bugmann den Schlüssel zum links eintätowierten Herz verewigt. «Er steht als Symbol dafür, dass es viel braucht, bis ein Mensch an mich rankommt. Bei Tieren geht das einfacher», gibt sie preis, lacht und streicht sich eine Strähne ihres feuerrot gefärbten Haars aus dem Gesicht. Make-up trägt sie praktisch nie, wirkt vom Typ her burschikos. «Etwas längere Fingernägel würden mir schon gefallen, sind aber in meinem Job mit der vielen Stall- und Putzarbeit unmöglich», sagt sie. Denn neben Ferienkatzen und -hunden hat Bugmann im riesigen umzäunten Aussenbereich noch eine Meersäuli-Auffangstation mit derzeit 16 Kleinsäugern. Dazu gesellen sich fünf Kaninchen und drei Hühner, die sie aus prekären Verhältnissen herausgeholt hat. Und der 18-jährige Tobi, den die Tierexpertin als ihren «Seelenkater» bezeichnet. Auch ihn hat Bugmann mit einem Tattoo auf ihrem Oberschenkel verewigt.

Traumberuf eigentlich Polizistin

Schon in der Schule führte Anita Bugmann Hunde Gassi, um sich einen Batzen dazuzuverdienen. Dann machte sie eine Lehre als tiermedizinische Praxisassistentin. «Heute erweist sich das als grosser Vorteil, wenn ich ein Ferienbüsi oder -hund mit Spritzen oder Medikamenten versorgen muss», sagt sie. Ihr innigster Wunsch war aber ursprünglich, Polizistin zu werden. Als ihr Vater dann mit gerade mal 56 verstarb, war das für die damals knapp 20-Jährige ein harter Schlag. «Ich hatte plötzlich keine Kraft mehr, nochmals eine neue Ausbildung anzufangen», erklärt sie und ihr Blick verdüstert sich. Nach einer Zwischenstation im Büro wechselte sie zur Securitas und wurde Diensthundeführerin. Doch ihr stand eine weitere schwere Prüfung bevor.

Auf ihrem Weg zur Arbeit prallte ein Auto in sie hinein. Der Unfall war selbst verschuldet, und sie trug heftige Blessuren davon: Schleudertrauma, Bandscheiben verschoben, Wirbelbögen abgebrochen, Blutung im Spinalkanal, Lähmungserscheinungen. «Ich war monatelang arbeitsunfähig. Eine qualvolle Zeit», erinnert sich Bugmann. Die anschliessende Suche nach einem Teilzeitjob gestaltete sich als schwierig. Bis ihr der Tierrettungsdienst und das Tierheim Pfötli im zürcherischen Winkel die Chance gab als ehrenamtliche Mitarbeiterin, wieder ins Arbeitsleben einzusteigen.

Schritt für Schritt baute Bugmann daneben ihre Tierbetreuung auf und ist mittlerweile dank Mund-zu-Mund-Werbung fast immer ausgebucht. Für Hunde und Katzen bietet sie in Ehrendingen je nach Konstellation vier bis fünf Ferienplätze. Immer mehr Hundebesitzer geben ihre Schützlinge nur in die Hände von Anita Bugmann, weil sie keine halben Sachen macht. Schnell mal den Vierbeiner deponieren geht bei ihr gar nicht. Damit sie weiss, ob sich die Tiere bei ihr wohlfühlen, bietet sie ein paar Stunden oder gar eine Nacht zum «Probewohnen» an.

«Mein Leben ist perfekt»

Sowohl Bugmanns kurze Ehe als auch die darauffolgende Partnerschaft scheiterten. Sie hat einen Freundeskreis und die Beziehung zur Mutter ist eng. Aber ihre grösste Fürsorge gilt den Tieren. Die Frau mit dem schicksalhaften Leben hat ihre Erfüllung gefunden und sagt mit Überzeugung: «Mein Leben ist perfekt. Unglück hat mir den Weg zum Glück gewiesen.»

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