Bezirksgericht Baden

Dank Helm zwar am Leben, aber fürs Leben gezeichnet – Pech im Spiel für alle Beteiligten

Der Richter folgte in seinem Urteil vollumfänglich den Anträgen der Staatsanwältin.

Der Richter folgte in seinem Urteil vollumfänglich den Anträgen der Staatsanwältin.

War Djevat schuld, dass Ramon ein Gerüst auf den Kopf fiel? Ein Arbeitsunfall auf der «Tägi»-Baustelle endete jetzt in Baden vor Gericht.

Am 23. Juli 2018 wurde eine Ambulanz zum Wettinger Tägerhard aufgeboten. In und ums Erholungszentrum waren damals die Erneuerungsarbeiten in vollem Gange. Im Auditorium waren Arbeiter damit beschäftigt, die Decke zu demontieren. Damit es schneller vorwärtsgeht, stellte Djevat (alle Namen geändert) ein zweites Rollgerüst bereit. Da die Decke an der Stelle zu tief hing, um das Rollgerüst an der Stelle fertig zu errichten, montierte Djevat zuoberst noch kein Geländer.

Sodann bat er Ramon, den Arbeiter einer Demontagefirma, ihm beim Verschieben des Gerüstes zu helfen. Der Portugiese zog das Rollgerüst, der Kosovare schob es, als sich ein 17 Kilo schwerer Gerüstladen löste und aus rund vier Metern auf Ramons Kopf und die Schulter stürzte. Hätte er keinen Helm getragen, hätte der Portugiese wohl kaum überlebt. Doch auch so ist für den 40-Jährigen heute nichts mehr, wie es vor dem Unfall war.

Ein Teil der Nasenspitze wurde amputiert

Denn Ramon erlitt trotz Helm einen offenen Nasenbeinbruch, einen Kiefer- und einen Schlüsselbeinbruch sowie mehrere Weichteilverletzungen im Gesicht. Ramon wurde mehrfach operiert, wobei unter anderem ein Teil seiner Nasenspitze amputiert werden musste. Die bei dem Unfall verlorenen Zähne konnten bis heute noch nicht durch Implantate ersetzt werden. Laut Gesetz gilt dies alles immer noch als «leichte Körperverletzungen».

Djevat wurde angeklagt, diese fahrlässig verursacht zu haben, indem er die obersten Gerüstläden nicht ausreichend gesichert sowie Ramon nicht entsprechend informiert gehabt hatte. Dafür sollte der 42-jährige Gerüstebauer mit eigener Firma zu einer bedingten Geldstrafe von 7200 Franken und 500 Franken Busse verurteilt werden.

«Unfall war sehr bedauerlich, aber keine Straftat»

Beim Badener Bezirksgericht versicherte Djevat Einzelrichter Daniel Peyer, er habe weder eine Vermutung noch eine Ahnung, wieso der Balken heruntergefallen war, denn auch die obersten Gerüstläden seien so verankert gewesen, dass sie eigentlich nicht hätten wegrutschen können. Sie seien vielleicht kurz von der Decke her irgendwie blockiert worden. Die Frage vom Richter, ob Djevat denn etwas dergleichen beim Schieben gespürt oder sonst bemerkt habe, verneinte der Beschuldigte. «Es war ein Arbeitsunfall, wie es viele gibt, aber ich hatte keinen Fehler gemacht», so das Credo Djevats.

Sein Verteidiger bemängelte die Anklageschrift: «Die Ausführungen der Staatsanwältin zum Unfallhergang sind äusserst knapp.» Es würden keinerlei Normen genannt, welche sein Mandant verletzt haben soll. Djevat habe sowohl die Balken von unten gesichert wie auch zu Ramon gesagt, er müsse vorsichtig sein. Er plädierte auf Freispruch, denn «der Unfall war sehr bedauerlich, aber keine Straftat».

Er sei schuldig zu sprechen

Ramon selbst nahm an der Verhandlung nicht teil. Sein Anwalt schilderte, dass Ramon drei Monate arbeitsunfähig war und noch heute physisch und psychisch sehr angeschlagen sei. Die Nase sei entstellt und die Kämpfe um die Versicherungszuständigkeiten längst nicht ausgestanden. Djevat sei, so der Zivilvertreter, schuldig zu sprechen gemäss Anklage. Ferner sei er zu verpflichten, für den Schaden aufzukommen sowie Ramon eine Genugtuung von 4500 Franken zu bezahlen.

Richter Peyer: «Es gibt nur Verlierer»

Daniel Peyer folgte in seinem Urteil vollumfänglich den Anträgen der Staatsanwältin. Die 7200 Franken Geldstrafe sind bedingt auf zwei Jahre ausgesprochen. Nebst der Busse von 500 Franken muss Djevat Ramon eine Genugtuung von 4000 Franken plus fünf Prozent Zinsen ab dem 23. Juli 2018 bezahlen. Die Schadenersatzforderung wird auf den Zivilweg verwiesen, die Prozess- sowie die Anwaltskosten gehen zulasten des Verurteilten.

Eine Verletzung des Anklageprinzips durch fehlende Auflistung von Normen stellte der Richter in Abrede. Die Situation sei auch für Djevat schwierig, hielt Peyer in seiner Urteilsbegründung fest. Dass vor allem im Baugewerbe ständig hoher Druck auf den Arbeitern lastet, sei bekannt. Es sei für alle Beteiligten viel Pech im Spiel gewesen: «Es gibt in dieser Sache nur Verlierer.»

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