Als Stephan Strebel nach dem Koma aufwacht und wieder in der Lage ist, klar zu denken, will er nur eines: wieder ringen können. Heute, zweieinhalb Jahre nach seinem Unfall, hat der 32-jährige Zimmermann sein Ziel erreicht. «Ich trainiere wieder im Ringkeller. Auch bin ich so weit, dass ich täglich 30 Minuten am Stück joggen kann», sagt Stephan Strebel und lächelt. «Jetzt will ich weiterkämpfen, bis ich meine Vereinskollegen aus der Ringerstaffel Freiamt in der Nationalliga A unterstützen kann.»

Stephan Strebel sitzt gemeinsam mit seiner Frau Jenny, der Fachärztin für Neurologie Judith Sartorius sowie der Sportphysiotherapeutin Christina Anger an einem Tisch in der Rehaklinik Bellikon. Dass er je wieder eine Wettkampfmatte betreten würde, hat alle überrascht und mit Freude erfüllt. «Als Stephan nach seinem Unfall im Unispital Zürich lag, wurden wir aufs Schlimmste vorbereitet, auch auf den Tod», sagt Jenny Strebel.

Rückblende: Es ist der 1. Juli 2016. Stephan Strebel befindet sich an jenem Freitag mit seinen Arbeitskollegen auf einer Baustelle in Rottenschwil. Er verlegt gerade das Unterdach, als es passiert. «Gemäss Aussagen meiner Arbeitskollegen bin ich durch das Unterdach gebrochen», sagt Strebel. Er fiel vier Meter in die Tiefe – und blieb reglos liegen. «An das, was die nächsten Wochen folgte, kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiss nur noch, dass ich in Bellikon aufgewacht bin.»

Ins künstliche Koma versetzt

Jenny Strebel hingegen erinnert sich, als wärs gestern gewesen. Sie ist im gemeinsamen Einfamilienhaus in Aristau am Sandwich schmieren; für das Festival, das die beiden am selben Abend besuchen wollen. «Auf einmal rief Stephans Chef an und sagte, er habe einen Unfall gehabt», blickt sie zurück. «Im ersten Moment dachte ich mir: Der Lappi, wir wollten am Abend ja noch weggehen!»

Als man ihr jedoch mitteilt, dass er mit dem Helikopter ins Unispital geflogen wird, ist ihr sofort bewusst, wie ernst die Situation ist. Sie lässt alles liegen und fährt mit ungewissen Gefühlen nach Zürich. Die Diagnose: schweres Schädel-Hirn-Trauma. Strebel wird ins künstliche Koma versetzt, seine Schädeldecke geöffnet, um den Druck auf das Gehirn zu verringern.

Es folgt eine Zeit, die das junge Liebespaar auf eine harte Probe stellt. Jenny Strebel reduziert vorübergehend ihr Arbeitspensum, um täglich bei Stephan vorbei schauen zu können. «Es war eine Zeit des Bangens und des Hoffens», sagt sie. Wird er den Unfall überleben? Wird er ein Pflegefall bleiben? Wird alles so sein wie früher?

Stephan Strebel kämpft 2014 gegen einen Konkurrenten aus Hergiswil.

Stephan Strebel kämpft 2014 gegen einen Konkurrenten aus Hergiswil.

Die Zeichen stehen zu Beginn nicht gut: Teile des Gehirns sind beschädigt, auf der rechten Körperseite zeigen sich Lähmungserscheinungen. Doch Stephan Strebels Zustand stabilisiert sich zunehmend, nach fast vier Wochen ist er bereit für die Rehabilitation. Er wird in die Rehaklinik nach Bellikon verlegt, wo er aus dem Koma aufwacht.

Von August 2016 bis Juli 2017 bleibt er in der Rehaklinik, kämpft sich von Tag zu Tag ins Leben zurück. Dabei ist es sein Sportlerehrgeiz, der ihn während der Reha antreibt – und sich auch durch sein ganzes Leben zieht: Strebel wird in eine Sportlerfamilie geboren. Schon als Kind hat er einen ausgeprägten Bewegungsdrang.

Erst ist er einige Jahre im Vereinsturnen aktiv, ehe er durch seinen jüngeren Bruder Pascal die Leidenschaft fürs Ringen entdeckt. Obwohl er nicht ganz an dessen Erfolge knüpfen kann – Pascal nahm an den Olympischen Spielen in London 2012 teil –, feiert er Erfolge auf Junioren- sowie Kadettenstufe und ringt mit der Ringstaffel Freiamt in der NLA.

Rückschlag weggesteckt

«Als Ringer lernst du, mit Niederlagen umzugehen, dich stets aufzuraffen. Hast du eine Platzwunde, wird sie getapet und weitergekämpft», sagt er. «Jeden Tag, den ich in der Reha verbrachte, kannte ich nur einen Weg: nach vorne. Obwohl ich nicht wusste, wie es mit mir weitergehen würde, habe ich nie aufgegeben, nie das Ende der Fahnenstange gesehen.»

So auch nicht, als er zu Beginn mit zahlreichen Schwierigkeiten konfrontiert war. «Ich konnte nicht mehr sprechen, die Begriffe mit den Objekten nicht in Verbindung bringen.» So habe man ihm beispielsweise ein Kärtchen mit einem Foto eines Brotes gezeigt, jedoch wusste er nicht, was vor ihm lag. «Ich musste von Neuem lernen, die Wörter den Bildern zuzuordnen.»

Auch vermeintlich banale Dinge wie pfeifen, gelingen ihm nicht mehr. Davon lässt er sich aber nicht unterkriegen. Dank unzähliger Therapiestunden, unter anderem Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie, kehren seine Lebensgeister allmählich zurück.

Einen Rückschlag gibt es für Strebel jedoch: Nach dreieinhalb Monaten in Bellikon zeichnet sich ab, dass eine zweite Operation im Kopfbereich nötig ist. «Das war der einzige Moment, der mich aus der Fassung brachte», sagt er. Kraft schöpft er von einer Mentaltraining-CD seines Bruders Pascal. «Damit hat er sich auf Olympia vorbereitet und ich mich auf mein Leben nach dem Unfall.»

Neurologin Judith Sartorius, die Strebel während seiner Reha begleitete, ist sehr zufrieden, wie er sich vom schweren Schädel-Hirn-Trauma erholt. Insbesondere nach seinen Komplikationen, sagt Sartorius. «Es macht Freude zu sehen, wenn Patienten, die auf der medizinischen Überwachungsstation lagen, wieder eigenständig durch die Klinik laufen können.»

Auch Sportphysiotherapeutin Christina Anger sagt: «Es gibt zwar noch einige Bereiche, in denen sich Stephan verbessern kann, beispielsweise was die Balance betrifft, doch aus physiologischer Sicht ist er auf bestem Weg.»

Praktikum als Orthopädietechniker

Seit der Entlassung aus der Rehaklinik im Sommer 2017 ist Stephan Strebel regelmässig für die Physiotherapie in Bellikon anzutreffen. «Ich fühle mich gut, die Kraft und die Koordination habe ich fast wieder vollständig erlangen können», sagt er und lächelt. Was das Berufsleben betrifft, absolviert er derzeit ein Praktikum als Orthopädietechniker. «Dass ich nicht mehr als Zimmermann tätig sein kann, wurde mir schnell einmal bewusst.»

Deshalb habe er sich bereits während der Reha Gedanken für eine berufliche Neuorientierung gemacht. «Durch den Kontakt mit Patienten mit Amputationen habe ich ein grosses Interesse für die Orthopädie entwickelt.». Er wusste: In dieser Branche will er sich fortbilden und Fuss fassen. «Das Praktikum gefällt mir sehr gut und motiviert mich.»

Der Unfall hat ihn reifen lassen. Heute geht er mit anderen Augen durchs Leben, nimmt die Dinge gelassener. «Ich ertappe mich manchmal, wie ich mich über Sachen aufrege, die an sich sinnlos sind. In diesen Situationen muss ich mir sagen: Stopp, mach dir keinen Kopf. Du kannst dankbar sein, dass du noch am Leben bist.»

Er möchte den Menschen, die ein ähnliches Schicksal erlebt haben, Mut machen und sie motivieren, nie aufzugeben. «Stephan legt die Prioritäten heute anders, er ist einfühlsamer geworden», sagt Jenny Strebel. Das Ringen sei für ihn zwar noch immer wichtig, jedoch stünde es nicht mehr derart im Vordergrund. «Der Schicksalsschlag hat unsere Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Heute bin ich unglaublich froh und glücklich, dass fast alles wieder wie früher ist.»

Als Zeichen der Liebe haben die beiden im Sommer 2018 geheiratet. Auch Kinder will das junge Ehepaar einmal haben. «Der Unfall hat uns ein paar Jahre zurückgeworfen. Jetzt geniessen wir erst einmal etwas Zeit mit unserer Hündin Oara, danach sehen wir weiter», sagt Stephan Strebel und blickt mit einem Lächeln zu seiner Frau Jenny.