Schriftlich nachgewiesen sind die ersten Spreitenbacher in einem Dokument des Klosters Wettingen, aus dem Jahr 1124. Doch diese Aussage stimmt nur noch bedingt. Das neue wissenschaftliche Buch «Spreitenbach - Moosweg: Ein Kollektivgrab um 2500 vor Christus» belegt, schon vor rund 4500 Jahren lebten Leute im Bereich des heutigen Spreitenbach. Zur Buchvernissage konnte Gemeindeammann Valentin Schmid unter anderem Kantonsarchäologin Elisabeth Bleuer, Mitarbeiter des Grabungsteams, Projektleiter Thomas Doppler von der Universität Basel und Einwohner von Spreitenbach begrüssen.

Interview mit Projektleiter Thomas Doppler, zum Buch über das Kollektivgrab Spreitenbach

Interview mit Projektleiter Thomas Doppler, zum Buch über das Kollektivgrab Spreitenbach.

Ein einmaliger Fund

Im Rahmen der Bauarbeiten für die Bahn 2000 kam 1997 beim Moosweg in Spreitenbach ein jungsteinzeitliches Kollektivgrab mit 12 Skeletten zum Vorschein. Von früheren Einzelfunden her wussten die Archäologen, dass möglicherweise weitere Funde zu erwarten sind und sie waren mit der nötigen Vorsicht an die Arbeit gegangen. Ein Vorgehen, das sich lohnte. «Es ist ein einmaliger und sehr bedeutender Fund in der Schweiz», sagte Bleuer. «Das Grab war ausserordentlich gut erhalten», sagte Doppler. Aus jener Zeit seien viele Siedlungen aber fast keine Gräber mit menschlichen Überresten bekannt: «Mit unserer Arbeit haben wir den Toten eine Stimme gegeben, sie erzählten von damals.» Heute lagern Skelette und Fundgegenstände bei der Kantonsarchäologie in Brugg.

Im Grab fehlen Kinder

Die Ausgrabung dauerte vom 17. Februar bis 6. Mai 1997. Dabei konnte eine 3.7 x 4.5 m grosse Grube freigelegt werden, in der eine 1.5 x 2.3 m grosse und Nordost-Südwest orientierte Grabkammer aus Holz errichtet war. Unter den 12 Bestattungen, die sehr eng aufeinander lagen, konnten 5 Männer, 4 Frauen, 2 Jugendliche und ein wenige Wochen altes Baby identifiziert werden. «Ungewöhnlich ist das Fehlen von Kindern im Alter von 1 bis 12 Jahren», sagte Doppler. Die Toten wurden vorwiegend in Rückenlage mit angezogenen und aufgestellten Beinen ins Grab gelegt. Interessanterweise kam es bei den aufeinanderfolgenden Beisetzungen zu keinen grösseren Knochenverlagerungen, was einen sorgfältigen Umgang mit den Toten vermuten lässt. Die ersten 5 Verstorbenen wurden Nord-Süd ausgerichtet ins Grab gelegt, während die nachfolgenden Nordost-Südwest orientiert beigesetzt wurden. Die Grabanlage wurde über einen Zeitraum von maximal 2 Generationen genutzt und lässt sich über mehrere, direkt an den menschlichen Knochen durchgeführte 14-C-Messungen an den Übergang vom 26. zum 25. Jahrhundert vor Christus (v. Chr.) datieren, ein Zeitansatz, zu dem die 13 Grabbeigaben passen.

Es könnten Mutter und Sohn sein

Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass es sich bei den Beigesetzten um eine verwandtschaftlich geprägte Gruppe handelte. So waren das erst- und das letztbestattete Individuum über die mütterliche Linie (mitochondriale DNA) miteinander verwandt. «Möglicherweise sind es Mutter und Sohn», sagte Doppler. Die Zahnmerkmale ergänzen dieses Bild, indem sie eine biologische Nähe zwischen den männlichen Toten andeuten. Aufgrund von Strontium- und Sauerstoff-Isotopenanalysen erwiesen sich zwei Frauen als ortsfremd. Bei einigen der Armknochen waren im Bereich des Ellenbogens Löcher festzustellen. Sie werden genetisch vererbt und haben keinen Einfluss auf die Gesundheit. «Interessant ist, dass wir dieses Phänomen aus Gräbern im Taubertal kennen», sagte Doppler. Dieses liegt nordöstlich von Stuttgart. Während bisher bekannt war, dass die damaligen Menschen vor allem Kontakte in Richtung Bieler- und Walensee pflegten, deutet nun einiges auf Verbindungen nach Norden hin. Die Wasserstrassen waren damals die Hauptverkehrsadern. Zusammengefasst lasse dies an die patrilokale Residenzregeln denken: «Bei dieser ziehen Frauen an den Wohnort der Männer und gebären dort Kinder.»

Sie litten unter Karies

Im Vergleich zu anderen Bestattungen aus jener Zeit ist die Mobilitätsrate innerhalb der Bestattungsgruppe gering. Möglicherweise ist von kleinräumigen Netzwerken zwischen verschiedenen Siedlungen auszugehen. Isotopenanalysen zu Kohlenstoff- und Stickstoffverhältnissen in den Knochen zeigen, dass Fleisch und Milch in der Nahrung eine geringe Rolle spielten. Zudem dürften sich die Männer und Frauen teilweise leicht unterschiedlich ernährt haben, was sich auch an geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der Karies erkennen lässt. Zudem hatten die Menschen verschiedene Gebrechen, sowohl altersbedingt als auch durch Verletzungen. Neben Menschenknochen wurden in der Grabkammer tierische Reste gefunden.

Vortrag: Projektleiter Thomas Doppler wird den Fund und das Buch am 31. Januar 2013, 19.30 Uhr im Forum Odeon, Brugg ausführlich vorstellen.
Buch: «Spreitenbach-Moosweg: ein Kollektivgrab um 2500 v. Chr.». Archäologie Schweiz, ISBN: 978-3-908006-43-5.