Animationsfilm
Das Fantoche öffnet heute mit der ausserirdischen Welt Normans

Die Stop-Motion-Horrorkomödie «ParaNorman» eröffnet heute Dienstag das Fantoche Animationsfilm-Festival in Baden - in 3D. Das aufwendig gemachte Werk ist witzig, rasant und voller zündender Einfälle.

Urs Arnold
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Sicher, man würde auch schreien. Gerade ist das gertenschlanke Blondchen auf ein herumliegendes Gehirn gestanden und sieht sich nun dem starrenden Zombie gegenüber. Die Dame gibt sich bei ihrer schrillen Angst-Fanfare jedoch etwas gar viel Mühe, während pseudobedrohlich ein monotoner Synthie-Beat über dem Geschehen wabbert, das vom 11-jährigen Norman gespannt observiert wird.

Richtig schockieren kann ihn dieser Horrorfilm nicht, dafür hat er schon ganz anderes gesehen. Die Grossmutter aber, die hat kalte Füsse bekommen.

Norman kann mit Geistern kommunizieren

Norman will etwas dagegen tun – sein Vater aber will, dass der Spross endlich vernünftig wird. Schliesslich sei das Grosi tot. Das soll der Sohnemann jetzt endlich einmal einsehen. Aber wie dies tun, wenn Norman Geister sehen kann? Sogar mit ihnen kommunizieren kann? Kunststück, dass sein ganzes Umfeld ihn als Spinner ächtet, einer wie sein gammeliger Onkel halt, der Norman bald mit einer seltsamen Bitte aufsuchen wird.

Gäbe es keine Spinner, keine kreativen zumindest, so wäre nicht zuletzt das Kino um weit mehr als nur einen Fantasieschwall wie «ParaNorman» ärmer. Im Animationsfilm werden wie nirgendwo sonst unsere irdischen Gesetzmässigkeiten und gängigen Auffassungen ad absurdum geführt. Jeder Film präsentiert seine eigene Welt, vom Baumblatt bis zum Himmel neu erschaffen, wenngleich darin stets gängige Themen verarbeitet werden. Hier etwa sind es Disparität, Bullying und Rachsucht.

Engländer machen amerikanische Produktion

Gefunden haben sich für die amerikanische Produktion «ParaNorman» zwei Engländer: Sam Fell und Chris Butler. «Flutsch und weg» sowie «Despereaux – der kleine Mäuseheld» hiessen Fells bisherige Langfilm-Werke, die beide im Computer entstanden.

Butler war bei der Storyboard-Entwicklung von Tim Burtons «Corpse Bride» dabei und überwachte diese bei «Coraline», der bahnbrechenden ersten Produktion der jungen Animationsschmiede Laika Inc. Sie führte Fell und Butler 2009 zusammen. «Man hatte mich ursprünglich als Berater hinzugezogen, um meine Meinung zum Drehbuch von Chris kundzutun. Wir merkten sehr schnell, dass wir viel gemeinsam haben. Der Produzent Travis Knight schlug mir schlussendlich vor, zusammen mit Chris die Regie zu übernehmen», so Fell.

Lichtjahre entfernt von den Ursprüngen

Bitten liess sich Fell nicht zweimal. Länger schon zog es den 46-Jährigen zurück zur Stop-Motion-Technik, die er sich als Teenager einst selbst beibrachte: «Schon ‹Flutsch und weg› plante ich als Stop-Motion-Film, doch war die Technik zur Verwirklichung meiner Vorstellungen noch sehr teuer und nicht so weit verbreitet.» Aber selbst ein weniger aufwendig gemachter Film wäre immer noch Lichtjahre entfernt gewesen von den Ursprüngen, als Godzilla oder King Kong holzig über die Leinwand stapften.

Heute sind selbst kleinste Nuancen in den Gesichtsausdrücken möglich. Zudem spielte die aufgekommene 3-D-Technik Stop-Motion in die Hände, liegt der Reiz dieser Animationsart gegenüber der computergenerierten in der plastischen Erscheinung der Figuren und Objekte.

Bis ins letzte Detail geplant

Ins allerkleinste Detail musste «ParaNorman» vorgängig geplant, jede Szene sorgfältig durchdacht werden. Fell gibt dann auch unumwunden zu, dass «jede Sekunde nicht verwendeten Filmmaterials immens schmerzte». Von all der Geduld und den Entbehrungen sieht man dem Endprodukt jedoch nichts an. «ParaNorman» ist witzig, rasant und voller zündender Einfälle.

Der Fluch einer Hexe treibt ab dem 2. Akt die Handlung an, und klar: Nur Norman kann diesem Unsegen etwas entgegensetzen. Der Schluss steigert sich dann zum Showdown, in dem nochmals alle visuellen Register gezogen werden. Ein imposanter Auftakt des Fantoche, auf den sich Sam Fell sehr freut, denn: «Wenn man drei Jahre lang in einem verdunkelten Raum weggeschlossen ist, ist man wirklich froh, an ein Festival gehen zu können.».

Fantoche 10. Internationales Festival für Animationsfilm in Baden. 4.–9. September.

Weitere Informationen zum Programm: www.fantoche.ch

ParaNorman Chris Butler, Sam Fell, US 2012, 92 Minuten. Mi 14 (D), 20.45 und 22.45 (E) Kino Trafo 2; Making-of ParaNorman: Do. 18.30 Uhr Kino Sterk 1. Der Film startet am 6.September in den Deutschschweizer Kinos.