Sie haben Ihr erstes Programm mit ziemlich grosser Kelle angerichtet. Warum? Weil es ein Jubiläumsprogramm ist, oder markieren Sie damit den künftigen Standard?

Katja Spiess: Weil es das 10.Festival ist. Es ist ein sehr schönes Geburtstagsgeschenk, das wir zusammengestellt haben. Das zum Standard zu erheben, dürfte hingegen schwierig sein.
Markus Lerch: Wir hatten noch mehr vor, dann aber gemerkt, dass es gut ist so. Das Budget ist das eine, der Aufwand das andere. Wir müssen die Leute ja auch betreuen. Das Festival dauert zudem nur fünf Tage. Deshalb wollten wir das Programm so gestalten, dass Besucher möglichst viel anschauen können.

Das Jubiläumsfestival sei «poetisch, eigenwillig und überraschend», steht in der Medienmitteilung. Erklären Sie uns die Poesie des Figurenspiels?

Spiess: Der bildende Künstler Hans Bellmer hat die schöne Formulierung geprägt, die Puppe sei ein «Poesie-Erreger». Ja, was ist poetisch? Wenn jenseits der real erlebten Welt ein Raum für Möglichkeitswelten eröffnet wird. Ich kenne kaum eine Theaterform, bei der das, was in unserer Vorstellungskraft stattfindet, so Bild werden kann.

Was macht das Festival eigenwillig?

Lerch: Jene Inszenierungen, die ganz neue Wege gehen. Zum Beispiel von der Form her, dass Spieler und Zuschauer gemeinsam einen Raum erforschen, also nicht mehr die klassische Bühne-/Zuschauersituation.
Spiess: Es gibt in dem Sinne keinen Kanon und kein Repertoire, deshalb erfinden die Künstler für sich das Figurentheater immer wieder neu …

… was dann – um zum dritten Begriff zu kommen – überraschend wirkt?

Spiess: Richtig. Unser Publikum lässt sich gerne von diesen Eigenwilligkeiten überraschen.

Letztes Jahr haben Sie, Herr Lerch, angekündigt, noch mehr die Strassen und Gassen zu bespielen. Findet das statt?

Lerch: Ja. Die Nähe zum Publikum ist uns sehr wichtig. Die Eröffnung im Kurpark wird eine fulminante Sache und auch zum Zeichen an die Bevölkerung, dass wir da sind. Eine Gruppe ist die ganze Zeit immer nur auf der Strasse anzutreffen, es hat einen kleinen Zirkus, und dann unser Roboter KluG, der durch die Gassen rollt und mit den Passanten Kontakt aufnimmt.

Ebenfalls letztes Jahr haben Sie, Frau Spiess, gesagt, der Förderpreis «Grünschnabel» dürfte durchaus etwas internationaler werden. Jetzt ist er nur international.

Spiess: Das hat sich so ergeben. Wir hatten sehr gute Bewerbungen auch aus Deutschland und der Schweiz, doch die internationalen waren derart aufregend, dass die Programmgruppe sich schliesslich für diese sechs Produktionen entschieden hat.

32 Inszenierungen wurden fürs Festival ausgewählt. Nach welchen Kriterien? Nur ästhetische oder kennen Sie auch irgendwelche Quoten?

Spiess: Es ist eine Mischung aus künstlerischen und pragmatischen Überlegungen. Ganz vorneweg aber stehen Fragen wie: Was hat mich berührt oder bezaubert oder überrascht oder verstört …? Wir sind selbst als Auswähler vorerst einmal Zuschauer. In einem zweiten Schritt muss eine Inszenierung natürlich als Kunstwerk überzeugen. Und dann kommen all die pragmatischen Dinge. Wir brauchen was für die Strasse, für die Kellertheater, die grossen Theater, für Kinder, für Familien …
Lerch: Mein Motor ist: Ich sehe etwas, bin davon begeistert und möchte es anderen Menschen zeigen.

Zuerst somit das Bauchgefühl, und dann erst kommen die professionellen Kriterien dazu?

Lerch: Weshalb soll das Bauchgefühl nicht professionell sein?
Spiess: (lacht) Mir kommt eben ein Satz von Marcel Reich-Ranicki in den Sinn: «Wenn ich ein Buch mag, werde ich schon Gründe dafür finden, warum es gut ist.»

Sie haben programmatisch drei Schwerpunkte gesetzt: Dialog der Körper, Objekttheater und Figurentheater an der Grenze. Hat sich das so ergeben oder haben Sie gezielt nach solchen Produktionen gesucht?

Spiess: Nein. Die thematischen Schwerpunkte ergeben sich aus dem, was die Kunst hervorbringt. Beim Anschauen merkt man, was die Künstler umtreibt.

Was muss man sich unter «Dialog der Körper» vorstellen?

Spiess: Die Zwiesprache zwischen menschlichem und künstlichem Körper ist im zeitgenössischen Figurentheater etwas ganz Essenzielles. Es ist unglaublich aufregend, was alles auf die Bühne gebracht werden kann. Das hat auch viel zu tun mit gesellschaftlichen Entwicklungen, wo man sich fragen muss, wie naturhaft unser Körper eigentlich noch ist, wenn man weiss, was alles durch Apparate ersetzt oder neu designt werden kann.

Der andere Schwerpunkt lautet: «Theater mit Objekten».

Spiess: Diese Form, die in den 80er- Jahren entstand, erlebt gerade wieder eine Renaissance. Damals hat man nicht mehr nur mit gestalteten Puppen gespielt, sondern mit Alltagsobjekten Geschichten entwickelt. Diese «Sprache der Dinge» hat das Fenster geöffnet für eine neue Art der Wirklichkeitswahrnehmung und des Theaters.

Und schliesslich: «Figurentheater an der Grenze».

Spiess: Das Medium Figurentheater erlaubt Tabubrüche ganz spezieller Art. Da die Puppe ein anderes Wesen ist als man selbst, gestattet man ihr physische und psychische Grenzüberschreitungen, die man bei einem menschlichen Darsteller nicht tolerieren würde. Wie zum Beispiel bei «Jerk» von Gisèle Vienne. Hier geht es um die dunklen Seiten des Menschen, genauer gesagt um sexuell motivierte Gewaltverbrechen, die einer der Täter mit Puppen «nachspielt». Was da mit einem als Zuschauer passiert, ist schon heftig.
Lerch: Eine happige Inszenierung, ja. Zum einen wegen des Themas. Dazu kommt die schauspielerische Parforceleistung. Diese Direktheit! Diese Emotionalität! Es wird einem angst und bange. Als Spieler hat man ihn gern, aber was er macht, ist so abscheulich – und das irritiert gewaltig.