Niemals zuvor hat sich in unserer Gesellschaft wohl in so kurzer Zeit der Umgang mit Kindern und deren Erziehung so frappant geändert, wie dies in den vergangenen 50 Jahren passiert ist. Und so hat auch das Kinderheim Klösterli eine ganz eindrückliche Geschichte mitgemacht. Als das Klösterli 1964 von der Mellingerstrasse in Baden, der heutigen Stadtbibliothek, ins grünere und geräumigere Klösterli in Wettingen am Empert kam, waren es noch die Menzinger Schwestern, welche «den christlichen Dienst[…] am Nächsten, vor allem an verwaisten Kindern und solchen aus ungünstigen familiären Verhältnissen» erfüllten, wie es Kurt Münzel für das «Neujahrsblatt der Apotheke Dr. U. Münzel in Baden» 1950 beschrieb. Heute nennen sich die Heimleiter und Betreuer des Klösterlis Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen und haben studiert. Der Raum, in dem an diesem Freitagabend zahlreiche ehemalige und heutige Mitarbeiter, Mitglieder des Stiftungsrates und ehemalige Kinder der Geschichte des Klösterlis folgen, ist nun eine Aula und nicht mehr eine Kapelle, wie sie es früher war. In diesem Raum muss kein Kind mehr Beichte ablegen.

«In diesen 50 Jahren ist viel gegangen. Die verbindlichen Werte und Traditionen von damals sind nicht mehr dieselben wie heute», erklärt Katharina Härdi, Sozialpädagogin und Gemeindepräsidentin von Brunegg. «Ich denke an die starke Individualisierung, an die Vielfalt der Familienkonzepte, die heute ganz selbstverständlich nebeneinander existieren. Patchworkfamilien sind heute ganz normal.» Mit diesen Veränderungen in der Institution Familie haben sich auch die Werte in der täglichen Sozialpädagogik grundlegend geändert: «Zum Ersten: Die Stigmatisierung von Defiziten wird heute nicht mehr geübt, sondern es werden die Ressourcen des Kindes ins Auge gefasst», so Härdi. Zweitens: positive Verstärker statt sinnloser Strafen. Heute soll kein Kind mehr 100 Mal den Satz repetieren müssen: «Ich darf nicht aus dem Fenster springen». Drittens: Das ewige Thema der Macht. Kinder sind nicht einfach Unmündige, sondern haben schon als Kleine das Recht auf ihre Meinung und darauf sich auszudrücken. Und schliesslich: «Man hat aufgehört, die Familie auszuklammern und versucht heute, die ganze Familie miteinzubeziehen, auch mit dem Vater oder der Mutter zu reden», so Härdi.

Dass sich viel verändert hat in der Zeit des Klösterli von damals bis heute, bezeugt nun das Jubiläumsbuch: Dank diversen Fotos, Interviews, Ausschnitten aus den Heimtagebüchern der Schwestern und erklärend durch wissenschaftliche Texte aus sozialpädagogischer Sicht, ist ein schönes und wertvolles Buch entstanden, das die Kinder vom Klösterli auf Augenhöhe nimmt – im bildlichen wie übertragenen Sinn – «und hoffentlich einen Beitrag dazu leistet, das Klösterli gegen innen und aussen zu repräsentieren und zu vermitteln», erklärt Thomas Lehner, Projektleiter.