Wil/Turgi
Das letzte Güggeli ging über den Tresen – jetzt wandert er aus

Peter Staubli aus Wil bei Turgi kehrt nach einem turbulenten Gastronomie-Leben der Schweiz den Rücken. Nicht von ungefähr will «Güggeli-Pesche» in Thailand seinen Lebensabend verbringen.

Roman Huber
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Peter Staubli kehrt nach turbulentem Gastronomie-Leben der Schweiz den Rücken

Peter Staubli kehrt nach turbulentem Gastronomie-Leben der Schweiz den Rücken

AZ

Sein Garten vor der Parterrewohnung des Mehrfamilienhauses in Wil bei Turgi verrät einiges über seine Zukunft: Um den Gartentisch herum stehen mehrere buddhistische Figuren.

«Es ist nicht die Religion, vielmehr sind es die Lebensweisheiten, die mich faszinieren und zum Nachdenken anregen», erklärt sich Peter Staubli.

Über das Leben nachdenken, dazu hat er nun Zeit. Denn vor kurzem hat er seinen Stand, an dem er während zwölf Jahren am Strassenrand in Birmenstorf, Nussbaumen, Oberrohrdorf und Station Siggenthal Güggeli verkaufte, seinem Nachfolger übergeben.

Nicht allein dort kannte man «Pesche» bestens. Er schaffte es als Güggeli-Verkäufer sogar einmal in eine Sendung des Schweizer Fernsehens. Doch jetzt ist Schluss – obwohl er erst im Dezember regulär pensioniert wird.

Der Abschied naht

Seit einigen Wochen heisst es aufräumen, packen und Adieu sagen. Was Staubli an seinen neuen Lebensort mitnimmt, hat er bereits verschiffen lassen. Schon bald geht es nach Phuket, wo er den Rest seines Lebens verbringen möchte. Was ihn dort in Phuket erwartet, das weiss er ziemlich genau. Staubli kennt diese Region seit 19 Jahren und hat sie lieben gelernt. Und er hat vorgesorgt: «Dort, wo ich mit meiner thailändischen Partnerin leben werde, gibt es in nächstem Umkreis Arzt, Apotheke und Spital», erklärt er. Und sollte er einmal zum Pflegefall werden, so sei er dort allein finanziell gesehen besser versorgt, als er es hierzulande wäre. Das ist für ihn wichtig, dass in Phuket für ihn vorgesorgt ist, falls es ihm nicht mehr so gut gehen sollte.

Peter Staubli schrieb in der Region Gastronomie-Geschichte. Im bekannten Ennetbadener «Engel» in einer Wirtefamilie aufgewachsen, wurde ihm das Talent in die Wiege gelegt. Der Kochlehre im damaligen «Verenahof» ennet der Limmat folgte eine steile Kochkarriere: «Victoria Jungfrau» in Interlaken, «Palace» auf dem Bürgenstock, und dann lockte ihn das Fernweh für ein grosses Projekt nach Manila. Nach dem plötzlichen Herztod des Vaters liess er aber seine Mutter nicht im Stich. Während neun Jahren verdiente er im elterlichen «Engel» seine Sporen als Gastwirt ab.

Peter Staubli kannte man als herzlichen Gemütsmenschen, der die Gesellschaft, die Menschen und die Gemütlichkeit liebte. Er gründete damals die Fasnachtsclique der Schlümpfe. «Es war eine tolle Zeit», sagt Staubli, der während 10 Jahren als Tambourenmajor den Takt vorgab. Beruflich bildete er sich in Management weiter und übernahm dann eine leitende Stelle in der Gastronomie der Migros in Zürich.

Im «Bistro» erlebte er den Zenit

Dann wurde er ins Badener «Bistro» an die Mittlere Gasse geholt, ins Herz der Stadt. Es sei die verrückteste Zeit gewesen und seine erfolgreichste, erinnert sich Staubli. Schnell war das «Bistro» beliebtester Ausgeh-Treff in Baden. An Wochenenden war das Lokal propenvoll. «Und an der Fasnacht war jeweils die Hölle los», so Staubli. Einzig für den damaligen Besitzer lief das «Bistro» zu gut. Staubli musste den Hut nehmen. Er ging aufs Land in die «Traube» nach Remigen.

Er sei als «frömder Fötzel» nach Remigen gekommen, doch innert Kürze sei die «Traube» der Dorf-Treff aller Vereine geworden, umschreibt er seine Remiger Zeit. «Bei meinem Abschied spielte die Musikgesellschaft auf, das hatte mich damals berührt», erinnert sich Staubli. Kein Wunder, denn wo «Pesche» auch hinkam, schätzte man seine gutmütige, kooperative, gesellige und initiative Art.

Eine neue Herausforderung lockte den erfolgreichen Gastronom dann nach Untersiggenthal. Er sollte den «Bären», die Dorfbeiz im Dorfteil Obersiggingen, übernehmen. «Ein Restaurant selber kaufen und nach eigenen Vorstellungen umbauen, da konnte ich nicht widerstehen», sagt Staubli. Dafür setzte er seine finanziellen Reserven und einen beträchtlichen Teil der Vorsorge ein.

«Bären» als Endstation

Es sei nicht der «Bären» gewesen, der ihm zum Verhängnis geworden sei, sagt Staubli. «Pesche» lehnt sich in seinem Stuhl nachdenklich zurück und nimmt einen grossen Schluck Mineralwasser, bevor er über seine «Bären»-Zeit spricht. Seine zweite Ehe sei damals zerbrochen. «Von einem Tag auf den andern wurde ich vor vollendete Tatsachen gestellt, eine scheinbar glückliche Beziehung war auf einen Schlag am Ende.» Die folgende Zeit sei bitter gewesen. «Ich versuchte, mit Trinken darüber hinweg zukommen und wurde zum Alkoholiker», sagt Staubli ohne mit der Wimper zu zucken. Zuerst habe er das kaschieren können. Doch dann sei langsam alles über ihn hereingebrochen. Es dauerte eine Weile, bis auch der Beizenbetrieb aus dem Ruder geriet.

Staubli war bald wirtschaftlich am Ende und wurde noch enteignet. Das bedeutete, dass er auch seine Vorsorgegelder verlor. «Das hatte ich mir selber eingebrockt», sagt Staubli rückblickend und nüchtern im wahrsten Sinne des Wortes. Heute ist er froh, dass er da heraus ist. Ansonsten bereue er keine Minute in seinem bewegten Gastro-Leben. Die täglichen Kontakte mit all den Menschen, den vielen Freunden, viele davon Stammkunden, werde er vermissen. «Mit vielen Freunden werde ich dank Facebook weiter in Verbindung bleiben», hofft Staubli.

Abschiedsparty zum Schluss

Doch jetzt blickt er nach vorn: «Ich werde auch in Phuket wieder neue Menschen kennenlernen und diesen Lebensabschnitt geniessen.» Finanziell bleibt ihm die Altersrente von rund 2400 Franken monatlich. Grosse Stricke wird er damit auch in Thailand nicht zerreissen. Doch Staubli sieht es positiv und ist sich seines Weges sicher: «Ich werde mir damit dennoch ein wenig Luxus leisten können.» Ein bisschen wird ihm der Abschied doch wehtun. Anfang September hat sein grosser Freundeskreis ein Abschiedsfest für ihn geplant. Staubli: «Was mich da erwartet, das weiss ich nicht.»

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