Markus Schneider
«Das neue Thermalbad wird der Stadt einen Schub geben»: Badens Stadtammann im grossen Interview

Badens Stadtammann Markus Schneider über Gemeindefusionen, den Steuerfuss und die General-Electric-Schwäche.

Pirmin Kramer
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Sandra Ardizzone

Wie gut geht es der Stadt Baden auf einer Skala von 1 bis 10?

Markus Schneider: Acht, würde ich sagen. Sehr gut, aber nicht perfekt. Wegen Corona gibt es viel Unsicherheit, in der Verwaltung, in der Wirtschaft, in der Bevölkerung. Aber die Stadt steht finanziell immer noch gut da, wir haben dieses Jahr den Wakkerpreis gewonnen, und vor allem: Bei den Bädern geht es vorwärts.

Das neue Thermalbad eröffnet im Oktober. Was bedeutet dies für die Stadt?

Das Bad wird der Stadt einen neuen Schub geben. Es wird zusammen mit dem Bäderquartier zu einem Magnet. Und man darf schon von einem historischen Moment sprechen. Die Industrialisierung hat die Bäder im letzten Jahrhundert ein wenig in den Hintergrund gerückt. Baden wurde vor allem als Wirtschaftsstandort wahrgenommen.

Wäre die Eröffnung nicht viel früher möglich gewesen? Laut Benno Zehnder, dem Investor der ersten Stunde, hat die Stadt dem Thermalbad-Projekt immer wieder Steine in den Weg gelegt.

Man muss sich bewusst sein: Es handelt sich um ein hochkomplexes Projekt an einem besonderen Ort. Wir haben immer gesagt: Wo möglich, lassen wir im Bäderquartier, wo schon vor 2000 Jahren gebadet wurde, Neues zu. Das ist vor allem im vorderen Teil an der Limmat der Fall. Andererseits gibt es viel Historisches, und auch Archäologie und Denkmalpflege haben Ansprüche: Das Verenahof-Geviert etwa ist ein Prunkstück mit einzigartigen Elementen und darum ein geschütztes Gebäude. Dieses Spannungsfeld von neu und alt musste immer austariert werden.

Der Kurplatz in Baden mit einem römischen Bassin vor dem «Verenahof» (unten rechts).

Der Kurplatz in Baden mit einem römischen Bassin vor dem «Verenahof» (unten rechts).

Kantonsarchäologie Aargau/Samuel Mühleisen

In Baden gab es einigen Widerstand gegen das Bad. Es sei zu gross, zu wuchtig. Nun erkennt man die Dimensionen bereits. Wie gefällt es Ihnen?

Ich finde den Bau nach wie vor faszinierend, er wirkt sehr stark. Ich habe auch schon die Baustelle besichtigt: Es wird ein einzigartiges Thermalbad. Vom Ambiente her, mit dem speziellen Lichteinfall und dem Ausblick, den man haben wird.

Das Thermalbad wird Fortyseven heissen. Wie gefällt Ihnen der Name?

Die Bevölkerung hat stark auf diesen Namen reagiert. Das ist eine Qualität der Badenerinnen und Badener: Sie äussern sich, nehmen teil, sprechen mit. Vielleicht hätte man die Bevölkerung bei der Namensgebung mit einbeziehen können, das Resultat wäre womöglich dasselbe gewesen.

300'000 Gäste sollen pro Jahr kommen, aber wie? Das Bad ist nicht genug gut erschlossen, befürchten viele.

Die Aargauer Thermalbadgäste sind daran gewöhnt, mit dem Auto anzureisen. Nach Zurzach oder Schinznach geht eine Minderheit mit dem Zug oder Bus. In Baden muss ein Umdenken stattfinden. Der Bahnhof ist nah. Man kann direkt oder via Lift und Limmatpromenade zum Bad laufen. Es muss und wird uns gelingen, dass die Leute mit dem öffentlichen Verkehr anreisen.

Die Visualisierung zeigt, wie die Wellness-Therme Fortyseven am Limmatknie in Baden dereinst aussehen wird.

Die Visualisierung zeigt, wie die Wellness-Therme Fortyseven am Limmatknie in Baden dereinst aussehen wird.

zvg

Themawechsel: 2021 steht eine wichtige Urnenabstimmung bevor. Es geht ein erstes Mal um die Fusion mit Turgi. Ihr Bauchgefühl?

Es sagt mir, dass wir auf gutem Weg sind. Wir haben gute Argumente, die dafür sprechen, einen Fusionsvertrag ausarbeiten zu lassen. Die Herausforderung wird sein, der Bevölkerung die Vorteile aufzuzeigen.

In Aarau ging die Grossfusion «Zukunftsraum» gerade bachab. Baden hat das Projekt «Modellstadt» angestossen, eine sehr enge Zusammenarbeit von 13 Gemeinden bis hin zu Fusionen. Warum soll es hier besser klappen?

Der Prozess bei uns ist erst ganz am Anfang. Zuversichtlich stimmt mich, dass so viele Gemeinden an einem Tisch sitzen. Das zeigt: Im Moment besteht eine sehr grosse Chance.

Sind Sie überrascht, dass es der Zukunftsraum in Aarau so schwer hat?

Lange wurde sehr positiv über den Zukunftsraum geredet. Irgendwann, hatte ich das Gefühl, ist eine Dynamik in die andere Richtung entstanden, just im entscheidenden Moment, vor den Abstimmungen. Es wird wohl Untersuchungen brauchen. Auf die Analysen aus Aarau sind wir gespannt.

Über die Fusion mit Turgi wird 2021 abgestimmt.

Über die Fusion mit Turgi wird 2021 abgestimmt.

Sandra Ardizzone/Claudio Thoma (Montage AZ))

Sie sagten eingangs, Baden gehe es finanziell nach wie vor gut. Vor zwei Jahren tönte es ganz anders: Der Stadtrat wollte die Steuern erhöhen. Was hat sich verändert?

In der Finanzplanung mussten wir als Gremium die Stabilität finden. Mit dem heutigen Wissen zur langfristigen Finanzplanung ist der Steuerfuss kein Thema mehr. Obwohl wir uns wegen Corona in einer Phase der grossen Unsicherheit befinden. Wichtig ist: Wir haben starkes Potenzial, was die juristischen und die natürlichen Personen anbelangt. Viele Menschen in der Stadt sind diesbezüglich optimistisch, auch der Einwohnerrat. Er hat 32 Millionen Franken für den Umbau des Schulhauses Pfaffechappe genehmigt in einer Zeit, in der alle von Corona und den wirtschaftlichen Folgen reden. Das ist ein starkes Zeichen.

32 Millionen für den Umbau eines Schulhauses – von aussen betrachtet, könnte man meinen: Die Badener, die vergolden ihre Bauten.

Mit Vergolden hat der Umbau nichts zu tun. Wichtig ist für uns, dass wir dem modernen Bildungsanspruch gerecht werden können. Wir bauen ein Sekundarstufen- in ein Primarschulhaus um. Der Bildungsanspruch und die Lehrpläne haben sich verändert. Es gibt auch viele Auflagen betreffend Energie und Feuerpolizei, plus wird es im Schulhaus Pfaffechappe weiterhin ein Schwimmbad geben – das kostet.

Ihre Zuversicht betreffend Finanzen ist gross, aber warum? General Electric baut Stellen ab, auch die ABB ist im Wandel.

Die Entwicklung bei General Electric macht uns Sorgen. Es geht um Finanzoptimierungen, leider auf Kosten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aber wichtig ist auch: Der Standort wurde bisher nie in Frage gestellt. Und Baden ist nach wie vor der Cluster, der Ballungsort für Fachkräfte im Aargau. Sei es in der Medizinaltechnik, Energie oder der IT. Wir sind breit aufgestellt.

Die Parkgebühren in Baden sollen steigen.

Die Parkgebühren in Baden sollen steigen.

Bildquellen: pz/phh, Montage: sam

Trotz guter Finanzlage erhöht der Stadtrat die Parkgebühren zum Teil stark. Bezahlen wird die Bevölkerung. Ist das wirklich nötig?

Bei der Diskussion um Parkgebühren geht es vor allem um die Anwohnerkarten. Wir sagten schnell, dass wir über die Bücher gehen. Das werden wir nun nach dem Entscheid des Einwohnerrats tun. Ich glaube aber auch, dass wir im Zentrum keine überrissenen Parkplatzpreise haben und haben werden.

Seit Dezember ist der Stadtrat durch die Wahl von Benjamin Steiner neu zusammengesetzt. CVP und Team haben 2 Sitze, FDP und SP je einen, ein Mitglied ist parteilos. Wie tickt der Badener Stadtrat?

Eine ganz schwierige Frage. Ich glaube wirklich: Es geht nicht um Links oder bürgerlich. In einem Exekutivgremium wird nicht primär Parteipolitik gemacht. Wir wollen die Stadt alle gemeinsam vorwärtsbringen. Parteipolitik ist zweitrangig. Ich glaube, das wird von vielen unterschätzt. Entscheidender als die Parteizugehörigkeit ist die Persönlichkeit der Stadträte.

Was wird Ihnen von 2020 neben Corona in Erinnerung bleiben?

Jene Momente, in denen ein Austausch mit der Bevölkerung möglich war.

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