Baden

Das Phänomen «Team Baden» – 50 Jahre nach Gründung ist die Gruppe erfolgreicher denn je

«Wer hat das letzte Wort» – Sie!» Team-Werbung für die Einwohnerrats- und Stadtratswahlen im Jahre 2005.

«Wer hat das letzte Wort» – Sie!» Team-Werbung für die Einwohnerrats- und Stadtratswahlen im Jahre 2005.

Vor 50 Jahren wurde die politische Gruppierung Team 67 gegründet. Ihr Überbleibsel ist heute erfolgreicher denn je.

Die politische Gruppierung Team wird diesen Monat 50 Jahre alt – oder genauer: das Badener Überbleibsel einer aufrüttelnden Bewegung, welche die Jugend damals zu politisieren versuchte, und zwar abseits der ausgetretenen Pfade engstirniger, bürgerlich-geordneter Parteistrukturen. So tauchte, angeführt von aktiven, politischen Köpfen eine Gruppierung unter dem Namen «Team 67» im Kanton Aargau auf, die unkonventionell und politisch mit einem neuen, frischen Auftritt von sich reden machte.

In einer Zeit, wo in Kuba die Revolution im Gange war, mit dem Berliner Mauerbau der Kalte Krieg entzündet, und die USA in den Vietnam-Krieg eintrat, in einer Zeit, in der sich die Nachkriegsjugend nach Befreiung, Progressivität und Aufklärung sehnte, begann man sich in verschiedenster Form gegen die elterliche Generation, gegen das Establishment aufzulehnen. Bevor aber bei den Jugendrevolten die ersten Pflastersteine durch die Luft flogen, setzte sich eine intellektuelle, junge Generation – nicht nur jugendlichen Alters – in Szene, die von einer gemeinsamen Erkenntnis getrieben war: Der Fortschritt lässt auf sich warten, vieles läuft falsch, doch wer nicht selber politisiert, mit dem wird einfach politisiert. Darum braucht es eine konstruktive Opposition.

Aus freisinnigen Häusern

Dennoch handelte es sich nicht um eine links angesiedelte Jungpartei. Vielmehr war es eine Gruppe von freisinnigem Einschlag, die zu Beginn die Unterstützung der FDP und eine Zeit lang des damaligen Badener Tagblatts hatte, dessen Lokalredaktor Werner Geissberger als Spiritus rector galt, damals mit 46 Jahren «Teamältester». Die progressiv orientierte Truppe, deren Mitglieder fast ausschliesslich aus freisinnigen Häusern stammten, war kantonsübergreifend aufgestellt: Hans Rusterholz, Architekt, aus Niederlenz, Thomas Wartmann, Sohn des Unternehmers und FDP-Nationalrates aus Brugg, Christian und Andreas Kim, Söhne des Aarauer FDP-Regierungsrates Kurt Kim.

Es war im Juni 1967. Da meldete sich diese Gruppierung bei der Staatskanzlei für die Nationalratswahlen im Herbst an. Der Bogen von ziemlich freisinnig rechts bis deutlich linkslastig wurde dabei überspannt. Zum Eklat kam es, als Geissberger noch vor dem Wahltermin seinen Schwager Günter Grass an eine Podiumsveranstaltung unter dem Titel «Die Krise in der Demokratie» geladen hatte. Die Quittung folgte: Trotz Listenverbindung mit der FDP ging das Team 67 an einem Sitzgewinn vorbei, und die FDP selber büsste gar ihren dritten Sitz ein. Es kam der endgültige Bruch mit der FDP.

Das Team 67 liess sich dadurch nicht beirren und feierte 1969 mit den drei gewählten Grossräten Werner Geissberger (Wettingen), Hans Rusterholz (Niederlenz) und Silvio Bircher (Aarau) einen ersten Erfolg. Nach der Einführung des Frauenstimmrechts auf nationaler Ebene Anfang 1971 formierte sich das Team 67 nochmals für die Nationalratswahlen – mit Frauen zwar und einem stärkeren Bekenntnis zu links, doch wiederum ohne Erfolg. Damals tauchte der Name Ursula Mauch auf, die mit ihrem Ehemann Samuel Mauch zu den treibenden Kräften des Team 67 gehörte. Sie wurde 1974 erste Aargauer Nationalrätin, allerdings für die SP – Tochter Corine Mauch ist seit 2009 Zürcher Stadtpräsidentin. Im Übrigen blieb das Team 67 auch 1975 beim letzten Anlauf Richtung Bern chancenlos, wenn es auch den Kabarettisten und ehemaligen Landesring-Kandidaten Alfred Rasser auf der Liste mitführte.

Peter Kamm (damals noch in Rombach wohnhaft) löste dann Silvio Bircher im Grossen Rat ab, der sich wie Mauch Richtung SP verabschiedete. Andere bekannte Namen wie Rudolf Rohr aus Würenlos oder Ueli Fischer, Seengen, hingegen machten dann Politkarriere beim Freisinn.

Mit ausgefallenen, symbolhaften Aktionen – so wurde in Wettingen mit der Forderung nach Spielplätzen eine Wiese besetzt – fand das Team die Volksnähe. Einzelne dieser Aktionen nahmen in der Wahrnehmung des Establishments extremistische Formen an, sodass sich in bürgerlichen Kreisen Unbehagen gegenüber dieser Gruppierung breitmachte. 1973 organisierte das Team zusammen mit der PdA und ausländischen Arbeitern sogar eine Demonstration in Baden.

Erfolgreich in den Kommunen

Auf kantonaler Ebene hatte das Team 67 bald ausgedient. Darum konzentrierte man sich in mehreren Ortsgruppen auf kommunale Aktivitäten. Bei den ersten Einwohnerratswahlen im Jahre 1972 auf Kantonsgebiet (Wettingen und Aarau hatten diesen zwar bereits eingeführt), schuf man in einem lebhaften Wahlkampf den Grundstein zum Erfolg. Aber nirgendwo blieb er so nachhaltig wie in Baden, wo Martin Täuber und Jörg Weber als erste und auf Anhieb prägende Team-Mitglieder – ohne die «67» im Namen – in den neuen Einwohnerrat gewählt wurden. Weber, der 1986/87 erster Einwohnerratspräsident des Teams wurde, war während vieler Jahre die Leitfigur des Teams, später hatte Peter Kamm diese Rolle inne, wurde dann im Jahr 2000 von den Bürgerlichen in einer unschönen Aktion als zweiter Team-Ratspräsident verhindert.

Die Politik des Teams war zielorientiert, empathisch, nah am Bürger, vielleicht auch deswegen, weil mit Franziska Peterhans, Roswitha Bachmann und Susi Burger sehr früh auch starke Frauen ein gewichtiges Wort mitredeten: Die Erfolge reichen von der Einführung Tempo 30, der ersten Tagesschule im Kanton, über Nistplätze für Alpensegler im Stadtturm bis zur S-Bahn-Haltestelle Heitersberg, aufsuchenden Jugendarbeit, Alimentenbevorschussung oder die Rutschbahn im Terrassenbad, um nur wenige Akzente zu nennen.

Die ungeschminkte politische Art kam beim Stimmvolk gut an. Das Team erreichte 1981 sechs von 50 Sitzen, 1989 sogar acht. Nach einer Durststrecke in den 90er-Jahren (nur noch fünf) legte es ab 2005 wieder zu, gelangte mit Geri Müller in die Exekutive, erreichte 2009 wieder acht und 2013 gar neun Sitze, gekrönt durch die Zweiervertretung Geri Müller und Ruth Müri im Stadtrat und dem Stadtammannsitz von Müller.

Das Team und sein Erfolgsrezept

Was war denn das Erfolgsrezept dieser Gruppierung, die ohne Mutterpartei im Rücken politisierte? Zu Beginn waren es die oft rotzfrechen, stets zielgenauen und durchdachten Wahlsprüche. In den Debatten war es die feine Klinge, die messerscharf den wunden Punkt traf, die Ironie oder die würzige Prise Zynismus, die entlarvte, ohne zu verletzen. Das Team hatte in seinen Reihen immer Scharfdenker und Analytiker, denn es rekrutierte sich weitgehend aus Intellektuellen mit akademischem Hintergrund.

Wo steht das Team Baden heute? Es ist klar im grün-links-liberalen Bereich anzusiedeln, vorwärts orientiert, der Nachhaltigkeit verpflichtet («global denken, lokal handeln»), hebt sich jedoch von den andern nichtbürgerlichen Parteien nicht mehr so deutlich ab wie früher. Etwas berechenbarer geworden scheint das Team, und hat durch seine Zweiervertretung in der Exekutive wohl an nonkonformistischem Oppositionsgeist etwas eingebüsst. In jüngster Zeit setzten sich im Team Analytiker, Strategen und Ideologen wieder in Szene. Vielleicht bringen sie im Wahlkampf mit pointiertem Auftritt wieder die frühere Buntheit zurück.

Warum überlebte das Team ausgerechnet in Baden? Darüber mag man spekulieren. Zweifellos dürfte der Boden in der von BBC geprägten internationalen, weltoffenen Stadt mit ihrem Innovationsgeist besonders fruchtbar gewesen sein. Und vielleicht trug auch der Badener Geist ein wenig Schuld.

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