Baden

Das Plastikexperiment startet bald – es geht unter die Haut

Im März soll in Baden einen Monat auf den Kunststoff verzichtet werden. In der Plastikzentrale werden Fragen beantwortet und Blut gezapft.

Seit dem Start des Plastikexperiments im November hat sich innert weniger Wochen viel getan. Das Projekt sorgte für viel Aufmerksamkeit – über die Badener Stadtgrenzen hinaus. Inzwischen meldeten sich Menschen aus Burgdorf und Winterthur, die in ihren Städten Ähnliches auf die Beine stellen wollen. Nationale Medien thematisierten das Projekt, und für den März hat sich medialer Besuch aus dem Ausland angekündigt.

Das ist der Monat, in dem in Baden gegen den «Plastikwahnsinn» ein Zeichen gesetzt wird. Dann soll die Bevölkerung auf Plastik verzichten, keine Plastiksäcke mehr für den Einkauf nutzen und auch keine Waren mehr kaufen, die in Plastik verpackt sind.

Das Experiment polarisiert nicht; vielmehr inspiriert es die Menschen, ein Teil davon zu werden. So baten am Montag am zweiten Infoanlass rund 300 Personen um Einlass in den Saal des Restaurants Roter Turm. Da dort nur 240 Personen Platz finden, mussten die Organisatoren viele wieder nach Hause schicken. Damit sie trotzdem teilhaben können, wurde alles auf Video aufgenommen und auf die Website gestellt.

Wer finanziert das alles?

Durch den Anlass führte die Badener SRF-Moderatorin Judith Wernli. Sie ist eine der sieben Personen, die am Anfang des Experiments stehen. Inzwischen ist die Gruppe auf rund 100 Personen angewachsen, die sich in 18 Arbeitsgruppen engagieren. Eine davon heisst «Plastik in dir» und will das Blut der Menschen testen, die einen Monat lang auf Plastik verzichten.

Der Bluttest wird in Zusammenarbeit mit einem Epigenetik-Labor durchgeführt. Das IGL-Institut des deutschen Biochemikers Stefan Moellhausen weist Mikroplastik, sogenannte Weichmacher, im Blut nach. Moellhausen war bereits beim Jenke-Experiment mit dabei. In einer Folge der deutschen TV-Show lebte Jenke von Wilmsdorff vier Wochen lang nur von in Plastik verpackten Produkten. Moellhausen testete vorher und nachher Jenkes Blutwerte und stellte am Schluss um das 400-fache erhöhte Werte fest.

Beim Badener Plastikexperiment wird der Test in umgekehrter Reihenfolge durchgeführt. Interessierten wird vor und nach dem Experiment Blut abgenommen. Bereits nach zwei, drei Wochen Plastikverzicht sollen gesündere Werte möglich sein. Um ein signifikantes Resultat zu erhalten, das weltweit kommuniziert werden könnte, müssten die Initianten des Projekts aber 1000 Messungen durchführen – wohl etwas utopisch.

Brunhilde Mauthe, verantwortlich für die Kommunikation: «Das klingt schon nach sehr viel», sagt sie, «aber am Anlass im roten Turm haben sich bereits 62 Personen für den Bluttest eingeschrieben.» Dieser ist nicht gratis, sondern kostet für beide Blutentnahmen pro Person 95 Franken. Kostenlos können die Initianten den Test nicht anbieten, die IGL käme mit dem Preis bereits jetzt sehr entgegen.

Apropos Geld: Räume, Infoveranstaltungen, diverse geplante Anlässe im März, so zum Beispiel ein Forum in der Halle 37 mit Marktständen, Vorträgen, Workshops und einer Podiumsdiskussion; das alles kostet. Woher kommt das Geld? «Durch Spenden haben wir bereits etwas sammeln können», erklärt Mauthe. Ausserdem sei die Gruppe aktiv auf der Suche nach Gönnern und Sponsoren, die das Experiment finanziell unterstützen wollen.

Den Saal des Roten Turms hätte zum Beispiel gratis genutzt werden können. Und: Am kommenden Wochenende nimmt die Vision einer «Plastikzentrale» Form an. Diese wird in einem Ladenlokal eingerichtet, das seit mehr als zwei Jahren leer steht: Die Räumlichkeiten im Erdgeschoss des «Vaudoise»-Hauses an der Weiten Gasse 14 – jahrelang Heimat eines Eisenwaren-, Sport- und Haushaltsgeschäfts – werden die nächsten zwei Monate zur Plastikhochburg, zur Anlaufstelle für allerlei Plastikfragen.

Zwischennutzung nun doch möglich

Am Montag fand die Schlüsselübergabe für das zweistöckige Lokal statt. Im Mai 2019 hiess es von Seiten der Immobilienverwalterin Gribi noch, dass die Fläche für eine Zwischennutzung zu gross sei – oder zu teuer. Indem der Eigentümer nun den Plastikexperiment-Initianten die Räumlichkeiten zu einem deutlich tieferen Mietpreis zur Verfügung stellt, verschafft er sich Goodwill.

Und mit dem Plastik, welcher bei der dortigen Sammelstelle vorbeigebracht werden kann, könnte es auf der Fläche von rund 500 Quadratmetern doch noch eng werden.

Neben der Sammelstelle werden dort ab Mitte Februar auch die Bluttests durchgeführt. Um dem allfälligen Ansturm gerecht zu werden, der bei den anvisierten 1000 Personen doch ziemlich gross wäre, sind die Initianten auf der Suche nach freiwilligen Ärztinnen und Ärzten sowie Pflegepersonal, das sie dabei unterstützt. Im oberen Stock ist ausserdem ein Bistro geplant.

Hier werden sich Interessierte, aber auch Arbeitsgruppen treffen. Und im Untergeschoss werden Stofftaschen hergestellt, die bei interessierten Geschäften für 7 Franken erhältlich sein werden. «Am Infoanlass haben wir davon bereits 400 Stück verkauft», sagt Mauthe, und in ihrer Stimme klingt Stolz mit.

Sie ist hörbar beeindruckt vom Engagement und von der Motivation der Menschen, die sich am Projekt beteiligen. «Es bestätigt sich einmal mehr: Die Badener Bevölkerung ist bekannt für ihre ganz spezielle Dynamik und Energie, wenn es darum geht, Dinge anzugehen.»

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