Kino
Das «Royal» von gestern: eine turbulente Geschichte

Am 1. Juni 1913 wurde das erste feste Kino, «Radium», in Baden eröffnet. Die Behörden versuchten, die vermeintliche Sittenlosigkeit zu bekämpfen. Ohne Erfolg.

Corinne Rufli
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Fast wie heute: Das Kino Royal anno 1948 – damals gab es noch ein kleines Gärtchen (l.). Werner Nefflen

Fast wie heute: Das Kino Royal anno 1948 – damals gab es noch ein kleines Gärtchen (l.). Werner Nefflen

«Der Neubau dieses Etablissements geht seiner Vollendung entgegen und wird morgen seine Pforten öffnen, um mit dem Zyklus seiner Vorführungen zu beginnen.» Das steht im «Badener Tagblatt» vom 31. Mai 1913 über das neue Cinema Radium, dem Lichtspielhaus in Baden, das später «Royal» heissen wird.

Weiter steht: «Es war für den Architekten keine leichte Aufgabe, das städt. Baureglement für Kinematographen in Praxis umzusetzen. Aber uns erscheint es, dass dieser Saalbau sowohl in künstlerischer wie in praktischer Hinsicht ein gediegenes Werk ist.»

Kino: Gefährdung der Sittlichkeit

Diesem enthusiastischen Artikel über das neue Kino ging in der Stadt Baden eine langwierige Debatte um die Sittlichkeit und die Sicherheit bei Kinovorführungen voraus. Diesen Hintergrund beschreibt Esther Schneider in ihrer Arbeit zur Kinogeschichte in Baden.

Der Obrigkeit des katholischen Städtchens war die verrufene neue Unterhaltung ein Dorn im Auge, worauf der Stadtrat 1912 ein generelles Kinoverbot erliess. Lehrer und Pfarrer bekämpften das verderbliche «Kinofieber» mit seinen illusionären Traumwelten und lasziven Stummfilm-Diven.

Pariserin kämpft gegen Kinoverbot

Kaum war das Kinoverbot ausgesprochen, legte eine ältere Dame aus Paris ein Gesuch für eine Bewilligung eines Lichtspieltheaters in Baden ein. Die hartnäckige Madame Marie Antoine erreichte via Regierungsrat die Aufhebung des Kinoverbotes in Baden.

Am 1. Juni 1913 eröffnete die Pariser Bauherrin das Lichtspieltheater «Radium» für 400 Besucherinnen und Besucher. Gezeigt wurde «Die letzte Liebe einer Königin» mit Sarah Bernhardt.

Die Vorstellungen durften nur unter strenger polizeilicher Kontrolle durchgeführt werden. Das Zeigen von Mord- Raub- und Ehebruchszenen waren nicht erlaubt in Baden – in Aarau hingegen schon. Die Schikanen der Stadt wollten kein Ende nehmen. Konkurrenz kam noch dazu: 1923 wurde das Kino Sterk und 1928 das «Orient» eröffnet.

Sterk übernahm das Kino 1935

Der Konkurrenzkampf wurde immer grösser, bis Eugen Sterk, Neffe des Stadtzürcher Kinopioniers Jean Speck, 1935 «Radium« und «Orient» übernahm. Das Kino Radium wurde in «Royal» umbenannt.

Beim Umbau wurde die reich verzierte Jugendstilfassade beim Haupteingang entfernt. Bei der Namensgebung folgte man der Mode: In den Anfängen des Kinos wurde nicht selten auf das technische Wunderwerk verwiesen: «Elektrische Lichtbühnen» oder eben «Radium». Der spätere Name «Royal» sollte dem Kino Exklusivität verleihen.

1951 gründete Sterk das Familienunternehmen Eugen Sterk Lichtspieltheater AG Baden. Das Kino Royal blieb bis zur Eröffnung des sanierten und umgebauten Kino Sterk im Jahre 2008 in Betrieb. In seinen letzten Jahren diente es als Studiokino mit rund 160 Sitzplätzen.