Nicht alle Geschwisterpaare haben so viele Gemeinsamkeiten wie die Gebrüder Paul und Patrik Schneider: Beruflich unterrichten beide Mathematik an der Kanti in Baden, privat sind sie leidenschaftliche Blues-Musiker und Gitarrenbauer. «Als Brüder schwingen wir auf der gleichen Wellenlänge», sagt der 54-jährige Paul.

Seit 1988 spielen die beiden im Trio «Bäck tu dä Ruuts», seit 2000 treten sie in «4 Handful of Blues» auch als Duo auf. «Wenn wir gemeinsam spielen, sind es zwar meine Finger, die das Instrument betätigen, geleitet werden diese aber von uns beiden gemeinsam», beschreibt Paul das Zusammenspielen der beiden Brüder.

Zu musizieren begannen sie als Kinder im Elternhaus in Bremgarten. Beide lernten damals klassisch Klavier. In den rebellischen Teenie-Jahren stiegen sie dann auf Gitarre um. Der um fünf Jahre ältere Paul spielte damals Ende 70er-Jahren vor allem Rocksongs, Patrick eher Funk und Jazzrock.

Als Paul dann den Blues entdeckte, folgte ihm Patrik kurze Zeit später. «Ich habe dies als kleiner Bruder übernommen», sagt der heute 49-Jährige. Anders als beim Klavierunterricht brachten sich die beiden das Gitarre- und Bassspielen selber bei. «Wir wollten einfach darauf los spielen», sagt Paul.

Geholfen habe ihnen das Interesse für Mathematik. Denn dank Mathematik könne man alle Instrumente von der Basis Klavier her ableiten. «Praktisch alle Mathematiker haben ein Flair für Musik.» Die Struktur in der Musik, die Symmetrien, das Berechnen der Tonhöhen – Paul sieht zwischen der mutmasslich trockenen Naturwissenschaft und der bunten Musizierkunst viele Gemeinsamkeiten.

«Ein schöner mathematischer Beweis ist wie eine schöne Melodie.» Patrik räumt zudem auf mit dem Chaoten-Klischee, das Musikern anhaftet: «Wir spielen zwar sehr frei, Strukturen müssen aber trotzdem vorhanden sein.»

6 Handful Of Blues mit Pride And Joy

6 Handful Of Blues mit Pride And Joy

Blues-Songs auf Mundart

Bei der Gründung von «Bäck tu dä Ruuts» waren die beiden 22 respektive 27 Jahre alt. «Das war der Moment, in dem unser Altersunterschied keine Rolle mehr gespielt hat», sagt Paul. Wobei sich das Geschwistersein von Beginn weg als Vorteil erwies. «Wir haben uns sofort verstanden.»

Was als Cover-Band begann, entwickelte sich zu einer der wenigen Schweizer Blues-Truppen, die auf Mundart singen. «Ich kann einfach besser auf Mundart texten», sagt Patrik, der in der Band singt. «Es ist aber auch schwieriger: Bei Mundart versteht das Publikum alles, man darf über keine Banalitäten singen», fügt Paul hinzu.

Gegen die Gewohnheit vieler Schweizer Musiker, auf Englisch zu singen, findet er auch klare Worte: «Wenn du das Publikum in seiner Muttersprache ansingst, sagst du ihm damit, dass du ihm etwas zu sagen hast», sagt Paul. «Wenn du hingegen in der Schweiz auf Englisch singst, sagst du: ‹Der Text ist nicht so wichtig.›»

Es gäbe zudem viele Blues-Bands, die auf Italienisch, Spanisch oder Schriftdeutsch singen. «Wir haben uns gedacht: Wenn das auf Deutsch geht, dann klappt das auch auf Mundart», sagt Patrik.

Wenn die beiden aber als das Duo «4 Handful of Blues» auftreten, sind wieder Songs auf Englisch gefragt – und zwar die Klassiker mit möglichst selbstironischen, witzigen Texten. «Einer meiner Lieblingsplatten ist diese hier», sagt Patrik, steht auf und sucht in seiner alphabetisch geordneten Sammlung das Album «Dog Party» von Scott Henderson heraus: Eine CD, in der es nur um Hunde geht.

Den Titeln der Lieder herauszulesen, handeln diese etwa ums Löcherbuddeln, Zäune springen oder den übel stinkenden Hund, den sein Herrchen einfach nicht loswerden kann. «Blues ist die lustigste Art, traurig zu sein», sagt Paul. Bei «4 Handful of Blues» steht aber vor allem die Spielweise im Vordergrund: Mit nur Gitarre, Bass und Gesang spielen die Schneider-Brüder den Blues so roh und nah an der Quelle wie möglich, ohne elektrische Verzerrungen. «So wie es tönt, tönt es», bringt es Paul auf den Punkt.

Mit ihren beiden Bands hat es das Geschwisterpaar auf fünf Alben und unzählige Konzerte geschafft. Als Profis sehen sich die Schneiders aber trotzdem nicht. «Wir spielen nicht berufsmässig. Ein Profi hat mehr Sorgen, wir müssen nicht von der Musik leben», sagt Paul. Ambitionen gross herauszukommen hätten sie aber gehabt.

Mit «Bäck to the Ruuts» spielten sie in den 90ern bis zu 50 Konzerten pro Jahr. Wegen dem hohen Risiko haben sie beruflich aber nicht auf dieses Pferd gesetzt. «Wir haben den Erfolg nicht aktiv gesucht und sind glücklich so, sagt Paul. «Wir sind dafür sehr frei beim Spielen, können frech sein und vieles ausprobieren», fügt Patrik hinzu.

«Unsere wilden Zeiten»

Ebenfalls frei und erfinderisch geben sich die beiden beim Bauen der eigenen Gitarren. Angefangen hatten sie mit kleinen Modifikationen und Reparaturen von gekauften Instrumenten, dann lernten sie, Gitarren selber so herzustellen, wie sie diese wollten. Sie nahmen dafür an Workshops teil, zuerst Paul, dann auch Patrik.

«In Spanien haben wir jeden Tag etwa acht Stunden lang Gitarren gebaut und dann die ganze Nacht lang Jamsessions gespielt mit Musikern aus aller Welt», erzählt Patrik. «In den Wochen hatten wir alles ausser genügend Schlaf.» Worauf Paul enthüllt: «Das waren unsere wilden Zeiten, mit all dem, was dazugehört.»

Heute seien die Schneider-Gitarren «mindestens ebenbürtig» zu solchen von bekannten Herstellern. Die Werkstatt ist bei Paul zuhause in Bremgarten, Patrik wohnt mit seiner Familie in der Blues-Stadt Baden, die dank dem Blues-Festival nationale Aufmerksamkeit auf sich zieht. Seit der Schliessung des «Inox» fehlt den Schneiders aber ein wichtiges Blueslokal. «Baden sollte nicht immer nur davon reden, eine Kulturstadt zu sein, sondern auch schauen, dass die Kultur hier nicht weiter den Bach hinunter geht», sagt Paul.

Immerhin blieb Baden noch das Festival. Mit «4 Handful of Blues» hatten die Schneider-Brüder das erste Konzert vom allerersten Blues-Festival spielen dürfen. Heute treten sie mit der um Schlagzeuger Imad Barnieh erweiterten Band «6 Handful of Blues» auf. Für den Blues lassen die Schneiders für einmal auch ihren Lässig-Look beiseite und legen sich in Latzhosen und Kittel.

«In den USA zieht man die besten Kleider an, die man hat, um an ein Blues-Konzert zu gehen», sagt Paul, verspricht aber alles andere als einen adretten, biederen Auftritt: «Wir leben heute noch unsere wilde Zeiten – einfach musikalisch gesehen, auf der Bühne.»

Konzert «6 Handful of Blues», heute 20 Uhr, Restaurant Bouillon in Baden