Schweizer Sozialämter hatten im letzten Jahr bis zu 10 Prozent mehr Sozialhilfebezüger. Das zeigte eine Trend-Umfrage von der Zeitung «Sonntag». In der Stadt Baden sind es gemäss Schätzungen rund 9 Prozent. «Die Detailauswertungen des Jahres 2011 haben wir noch nicht», sagt Hildegard Hochstrasser, Leiterin Soziale Dienste Baden. Die definitiven Zahlen würden noch folgen. «Aber jetzt schon zeichnet sich ab, dass es besonders im zweiten Halbjahr 2011 eine Zunahme gab.»

Ausschlaggebend dafür sei nicht ausschliesslich die Wirtschaftskrise, sagt Hochstrasser: «Einer der Faktoren ist, dass die Sozialämter vermehrt Menschen in Pflegeheimen unterstützen.» Die Renten älterer Menschen würden oft nicht ausreichen, um Zimmer und Betreuung finanzieren zu können. «Zwar hilft der Kanton mit Ergänzungsleistungen, aber auch diese reichen oft nicht aus», so Hochstrasser. Den Rest müsse das Sozialamt übernehmen.

Starker Leistungsdruck in der Krise

Aber auch die Wirtschaftskrise fordere ihre Opfer. Hochstrasser: «Die Menschen sind stärker dem Leistungsdruck ausgesetzt und darunter leiden besonders jene ohne Ausbildung oder mit einem Handicap.»

Dies bestätigen zwei Besucher im Restaurant Hope in Baden. Das Restaurant widmet sich Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Zwei der Gäste sind Reto und André*. Reto ist Anfang zwanzig. Als Jugendlicher hatte er psychische Probleme. Später begann er, Drogen zu konsumieren und brach seine Lehre als Maschinenschlosser ab. «Jetzt habe ich mein Leben besser im Griff», sagt er.

Aber von der Sozialhilfe sei er noch abhängig. «Da ich temporär arbeite, bin ich jeweils der Erste, der den Job verliert, wenn die Firma sparen muss», sagt Reto. Auch André arbeitet temporär. Der 58-Jährige ist ausgebildeter Bankfachmann. Er verlor seine Arbeit Ende der 80er-Jahre. Seither macht er verschiedene temporäre Arbeiten.

Fehlende Weiterbildungen

«Heute gibt es meine Arbeit nicht mehr in der Form, wie ich sie gelernt habe», sagt André. Ihm würden wichtige Weiterbildungen fehlen und je älter er werde, desto schwieriger sei es, eine Stelle zu finden. «Das gilt natürlich auch für Temporärstellen», sagt André.

Wer vom Sozialamt finanzielle Unterstützung bekommt, muss weiterhin Arbeit suchen, sofern die Person arbeitsfähig ist. Wie bei der Arbeitslosenkasse handelt es sich um rund 10 Bewerbungen pro Monat. Trotzdem gelinge es vielen Menschen nicht, finanzielle Selbstständigkeit zu erlangen, sagt Hildegard Hochstrasser vom Sozialdienst Baden. «Oft fehlt die Eigeninitiative und der Wille, trotz langer erfolgloser Arbeitsuche hartnäckig dran zu bleiben», so Hochstrasser. Besonders Menschen, die psychische Probleme haben, würden diesem Druck nicht standhalten können und als Folge aus dem Arbeitsmarkt fallen.

*Namen von der Redaktion geändert