Baden
Das spannende Leben des Karton-Mannes aus dem Museum

Per Zufall entdeckte der Sohn seinen verstorbenen Vater in der Zeitung. Josef Scheibel war Kriegsveteran, Fussballer und BBC-Monteur.

Pirmin Kramer
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Gemeinsames Foto: Sepp, Elisabeth, Peter und Rösli (v.l.), in der Mitte ihr Vater als Karton-Figur.

Gemeinsames Foto: Sepp, Elisabeth, Peter und Rösli (v.l.), in der Mitte ihr Vater als Karton-Figur.

Sepp Scheibel (82) traute seinen Augen kaum, als er letzten März die Zeitung aufschlug: Er sah auf einem Foto seinen Vater. Oder genauer: eine lebensgrosse Pappfigur seines Vaters, ein auf Karton geklebtes Foto von Josef Scheibel (1908–1960). Das Bild entstand, als dieser noch ein junger Mann war. Die Karton-Figur steht derzeit im Historischen Museum in Baden, in der Fotokabine der neuen Dauerausstellung. Dort können sich Besucher in historischem Ambiente gemeinsam mit der Pappfigur ablichten lassen.

Viele, die sich im Museum fotografieren liessen, fragten sich: Wer war dieser junge Mann in Arbeiterkluft, und was wurde aus ihm? Sohn Sepp und Tochter Elisabeth erzählen der az die Lebensgeschichte ihres Vaters. «Er war ein toller Mensch mit einem aussergewöhnlichen Leben und Schicksal.» Geboren als Sohn von Einwanderern aus dem Elsass, wuchs er in Baden auf. Seine Eltern wirteten im Promenaden-Restaurant in der Halde. «Nach der Schule machte Josef eine Lehre als Sanitär bei Otto Halter am Brenntweg. Zu jener Zeit, 1925, entstand das Foto, welches derzeit im Museum zu sehen ist», erzählt Sepp Scheibel.

Nach abgeschlossener Lehre wechselte Josef Scheibel zu Brown Boveri – der Firma, der er sein Leben lang treu bleiben sollte. 1930 heiratete er, wurde danach fünf Mal Vater: Von Constantin, der in Strassburg lebt, Sepp, Elisabeth, Peter und Rösli.

Die 30er-Jahre waren turbulent: Wegen der Weltwirtschaftskrise gab es vorübergehend keine Arbeit mehr für Josef Scheibel. Er folgte dem Ruf seines Vaterlandes. Das war nicht die Schweiz, wo er geboren wurde, sondern Frankreich – die Nation, der er zeitlebens zugehörig blieb. Er besuchte dort die Rekrutenschule und wurde während des 2. Weltkrieges zum Dienst eingezogen. Stationiert war er in Belfort, im Südwesten des Elsass. Nach zwei Jahren wurde er aber bereits wieder entlassen. «Er kostete die Grande Nation wohl zu viel, weil er damals bereits Vater von drei Kindern war und Sold in Höhe von 80 Francs monatlich erhielt», erzählen seine Kinder.

In seiner Zeit in Frankreich wurde ein Traum Scheibels wahr: Der begnadete Fussballer – seine Karriere lancierte er beim FC Baden – durfte für Frankreichs Militärfussballmannschaft auflaufen, in einem Testländerspiel gegen «Les Bleus», Frankreichs A-Nationalmannschaft. «Angeblich hätte auch deren Trainer gerne unseren Vater aufgeboten. Damals galt aber, dass man nur offizielle Länderspiele bestreiten durfte, wenn man in Frankreich geboren wurde», sagt Sepp. Aus gesundheitlichen Gründen, die Knie schmerzten, musste Josef Scheibel das Fussballspielen bald aufgeben. Sein Talent vererbte er aber weiter: Sohn Peter spielte für den FC Baden sowie in der Nationalliga A für die Young Boys, Grasshoppers und den FC Luzern.

Zurück in der Schweiz, fand Josef Scheibel wieder Arbeit bei Brown Boveri. In den 40er- und 50er-Jahren war er oft im Ausland auf Montage: in Irland, Deutschland, Venezuela, Saudi-Arabien, Kanada. Eine schöne Zeit, doch weil er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen wollte, hatte er vor, die letzten Jahren vor der Pensionierung wieder vermehrt am BBC-Hauptsitz in Baden zu verbringen. Ein Glück, das ihm nicht lange vergönnt war: Am
18. Juni 1960 wurde er im Kappelerhof, vor dem Restaurant Bruggerhof, von einem Auto angefahren und dabei tödlich verletzt.

Am 29. August des vergangenen Jahres trafen sich die vier Scheibel-Kinder Sepp, Elisabeth, Peter und Rösli im Historischen Museum, und auch sie liessen sich mit dem jungen Mann in Arbeiterkluft ablichten. Sohn Sepp: «Das war ein sehr bewegender Moment. Die eine oder andere Träne mussten wir alle abwischen.»