Wettingen
Das späte literarische Debüt von Inge Muntwyler

Inge Muntwyler war Lehrerin – nun debütiert sie mit 82 Jahren als Autorin mit dem Buch «Leben am Horizont». Ein Hausbesuch.

Elisabeth Feller
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In der Wohnung von Inge Muntwyler werde umgebaut, hatte eine Freundin gesagt und hinzugefügt: «Und sie geniesst das sogar.» Das verwundert Menschen nicht, die Inge Muntwyler kennen. Ein weiterer Satz liess aufhorchen: «Sie schreibt.» Über was? Die Neugier war geweckt.

Kurz vor Weihnachten lag im Briefkasten ein Couvert. Absender: Ein Verlag aus der Bodensee-Region. Er kündigte mit «Leben am Horizont» das «beeindruckende literarische Debüt einer 82-jährigen Autorin» aus Wettingen an. Der Griff zum Telefon erfolgte unverzüglich. Es kämen nach der Veröffentlichung ihres Buches, wohl etwas unruhigere Zeiten auf sie zu, sagte Inge Muntwyler und lachte. Dieses Lachen: Aus der Tiefe aufsteigend und in satter Mittellage verharrend – unverwechselbar.

Es beginnt mit dem Ende

Für dieses Lachen ist Inge Muntwyler berühmt – als Privatperson genauso wie einst als Lehrerin und vor langer Zeit als Schauspielerin in der «Badener Maske». Sie und ihr Mann tourten jahrelang mit gleich gesinnten Theaternarren durch den Aargau; spielten unter freiem Himmel. Erzählt Inge Muntwyler davon, hört sich das spielerisch leicht an. Aber nicht zufällig. Jedes Wort ist an seinem Platz. So erwächst aus dieser Geschichte die nächste, übernächste, überübernächste ...

«Das ist ein ‹Blätzli-Teppich›», schiesst es der Zuhörerin durch den Kopf. Als solcher erscheint ihr auch das Buch «Leben am Horizont», das «Geschichten vom Leben und Sterben» vereint. «In Erinnerung an Max Muntwyler und Wera Windel» liest man auf der ersten Seite; eine Hommage an zwei, mittlerweile verstorbene Menschen, die in Inge Muntwylers Leben fest verankert sind – ihr Mann Max und ihre Freundin Wera, eine Schauspielerin.

Schreibend Schicksale verarbeitet

Die Namen der beiden sind Prolog zu einem Buch, das – anders als dies der Untertitel evoziert – nicht mit dem Leben, sondern mit dem Sterben beginnt. Inge Muntwyler richtet ihre grossen, blauen Augen forschend auf das Gegenüber: Ob es richtig gewesen sei, das Buch «mit Geschichten zum Sterben» zu beginnen, fragt sie. Es musste wohl so sein, denn: «Mit Schreiben kann ich verarbeiten und Erinnerungen wachrufen.»

Zum Beispiel den Tod ihrer im Alter von 19 Jahren verunglückten Tochter Fränzi. Damals hat Inge Muntwyler begonnen, Tagebuch zu führen. Das Schreiben hat sie danach nie losgelassen. Sie hat festgehalten, was ihr, der ebenso scharfen wie Anteil nehmenden Beobachterin, aufgefallen ist: Witzige, tragikomische und traurige Begebenheiten – in der Familie oder im Freundeskreis; auf kurzen oder auf langen Reisen. Sie setzt Wort für Wort – Präzision und Klarheit bestimmen ihre Geschichten.

Ihre Prosa hat stets ihr belesener Mann Max zu Gesicht bekommen – «sein Urteil war mir wichtig. Ich vermisse ihn sehr», sagt sie. Aber er habe ihr wohl zugetraut, dass sie allein zurechtkommen würde. Inge Muntwyler sitzt kerzengerade auf dem weissen Korbstuhl und die Besucherin denkt: Für diese Haltung habe ich sie schon als Kind bewundert.

«Sie schreiben gut»

Dass Inge Muntwyler mit 82 Jahren ihr literarisches Debüt gibt, amüsiert sie. «Ich habe nicht im Traum daran gedacht», sagt sie. Die Veröffentlichung ihrer Prosa verdankt sich einem Zufall, vielmehr einem Zeitschriften-Artikel mit unpräzisen Angaben. «Die dürfen so nicht stehen bleiben», dachte sich Inge Muntwyler und verfasste einen Leserbrief. Diesen empfand die Lektorin als so überzeugend, dass sie sich meldete: «Sie schreiben gut.» Danach kam die Buchidee ins Rollen – nun liegt der Erstling vor. Titelblatt: Eine Frau mit auf dem Velo. «Das bin nicht ich. Aber Freunde von mir sagen: Wenn Du je Velo gefahren wärst, könntest Du das sein.» Inge Muntwyler lacht: Sie ist dem «Deux chevaux» verfallen.

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