Wettingen
Das Stadion Altenburg soll einem Park- und Wohngebiet weichen

In rund 15 Jahren soll die Altenburg abgerissen werden. Ihr Charme bröckelt – das Stadion löst bei Präsident Pierluigi Ghitti aber noch immer Emotionen aus: «Die Altenburg hat eine besondere Seele.»

Pirmin Kramer
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Wettingen-Präsident Pierluigi Ghitti muss seine Pläne für die 1. Liga vorläufig begraben.
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Geräumig: Die Kabine der Heimmannschaft.
Kurvig: Die elegante Haupttribüne.
Zweckmässig: Der Fitnessraum im Stadioninnern.
Gestrig: Das Drehscheibentelefon in der Stadionküche.
Das Stadion Altenburg in Wettingen, umgeben von diversen Mehrfamilienhäusern.
Stadion Altenburg in Wettingen
Das Stadion Altenburg in Wettingen.

Wettingen-Präsident Pierluigi Ghitti muss seine Pläne für die 1. Liga vorläufig begraben.

Sandra Ardizzone

Das Stadion Altenburg wurde in den 1980er-Jahren in Zeitungen als «schönstes Kleinstadion Westeuropas» beschrieben. Hier feierte der FC Wettingen seine grössten Erfolge in der Nationalliga A, qualifizierte sich für den UEFA-Cup. Die goldenen sportlichen Zeiten sind zwar längst vorbei – die erste Mannschaft spielt in der 2. Liga; die Altenburg aber steht freundlich wie eh und je mitten im Wettinger Wohnquartier. «Von aussen sieht sie aus wie eine gesetzte Dame, die ihre Haut hat straffen lassen», schrieb ein Reporter des Fussballmagazins «Zwölf», nachdem die kleine Arena 2012 für rund eine halbe Million Franken renoviert wurde.

Wie lange wird in der Altenburg noch gekickt? Gemäss den Visionen der Gemeinde soll der Sport dereinst im Tägi konzentriert werden. Nüchtern heisst es im gemeinderätlichen «Grundlagenpapier zur Siedlungsplanung bis im Jahr 2030»: «Die Sportstätte Altenburg soll ins Tägi verlegt werden. Das Areal könnte als Wohngebiet und Park genutzt werden.»

Gemeindeammann Markus Dieth erklärt: «Dieses Grundlagenpapier besteht aus Visionen, die Ideen sind also keineswegs in Stein gemeisselt. Tatsächlich ist derzeit die realistischste Variante, dass dereinst im Tägerhard-Quartier Fussball gespielt wird. Uns schwebt ein Kleinstadion mit wenigen Tausend Plätzen Kapazität vor, also mehr als ein blosser Fussballplatz.»

Die goldenen Tage des FC Wettingen sind längst Geschichte. Einer dieser goldenen Tage war der 20. April 1986, ein verregneter Sonntag. Wettingen schickte vor 2700 Zuschauern den favorisierten FC St. Gallen gleich mit 3:0 nach Hause. Als Paul Friberg in der 77. Minute per Kopf das letzte Tor der NLA-Partie erzielte gab sich auf der Tribüne «eine ganze Reihe von Nationalspielern und Trainern ein Stelldichein», schrieb das «Badener Tagblatt».

Die goldenen Tage des FC Wettingen sind längst Geschichte. Einer dieser goldenen Tage war der 20. April 1986, ein verregneter Sonntag. Wettingen schickte vor 2700 Zuschauern den favorisierten FC St. Gallen gleich mit 3:0 nach Hause. Als Paul Friberg in der 77. Minute per Kopf das letzte Tor der NLA-Partie erzielte gab sich auf der Tribüne «eine ganze Reihe von Nationalspielern und Trainern ein Stelldichein», schrieb das «Badener Tagblatt».

AZ-Archiv

Im Moment konzentrierten sich die Bemühungen auf die Erneuerung des Sportzentrums, auch aus rein finanziellen Gründen komme ein Stadionbau für die Gemeinde bis 2020 darum noch nicht infrage. «Wenn das Sportzentrum steht, soll aber die Frage geklärt werden, wo künftig Fussball gespielt wird – ob im Altenburg oder im Tägerhard.»

Viele Jahre bleiben der Altenburg, Baujahr 1969, nicht mehr. «Wir gehen davon aus, dass wir noch rund 15 Jahre hier tschutten werden», sagt Präsident Pierluigi Ghitti. Zwar ist auch er ein Befürworter eines neuen Kleinstadions: «Das wäre ein Projekt, das uns alle überlebt. Es wäre ein Meilenstein für die Gemeinde Wettingen und natürlich für den Fussballverein.» Gleichzeitig kann er gut damit leben, noch einige Saisons in der Altenburg zu verbringen. «Das Stadion hat eine besondere Seele. Einerseits ist die Geschichte greifbar, andererseits lebt das Stadion noch immer.»

Er schwärmt von den unglaublichen Emotionen, die dieses Stadion auslöst. «Wenn man die Katakomben verlässt und die Treppe hochkommt, hat man Hühnerhaut.» Die runden Formen der Tribüne, die Holzbänke für die Zuschauer – «hier herrscht Fussballkultur», sagt Ghitti. Er, der im Quartier aufgewachsen ist, fühlt sich verpflichtet, das Stadion vor dem Zerfall zu bewahren.

«Wir wollen die Altenburg so gut wie möglich pflegen, so lange wir hier noch spielen.» Es soll ein Kunstrasen eingebaut werden, damit die Fussballer auch im Winter im Stadion trainieren können. Ghitti: «Wir wollen im Stadion Altenburg noch ein paar Erfolge feiern. Und ich fordere alle auf, diese Wettkampf-Luft, den obligaten Bratwurst-Duft noch ein paar Mal einzuatmen, solange wir die Altenburg noch haben.»

«Zwei Schuhnummern zu gross»

Ein rationaler Befürworter eines neuen Stadions ist Werner Lanz, Vizepräsident des FC Wettingen. «Für unseren Verein wäre ein neues Stadion hervorragend. Einerseits weil wir derzeit auf zwei Standorte verteilt sind: Die Nachwuchsspieler trainieren und spielen im Kreuzzelg, die Aktiven im Altenburg.

Das erschwert das Vereinsleben.» Andererseits wäre ein neues Stadion aus finanziellen Gründen sinnvoll. Die Kosten für den Unterhalt des Altenburgs seien enorm. Wann rechnet Lanz mit einem Ende der Altenburg? «Vor einiger Zeit hiess es, wir könnten das neue Stadion in den frühen 2020er-Jahren beziehen. Vermutlich wird es noch ein paar Jahre länger dauern, bis das neue Stadion steht.»

Den geplanten Standort im Tägerhard erachtet Lanz für ein neues Kleinstadion als ideal. Wie beispielsweise das Brügglifeld in Aarau habe auch die Altenburg mit Gewissheit Charme. «Aber sie ist für uns mindestens zwei Schuhnummern zu gross und entspricht nicht mehr unseren Anforderungen. Nur noch Nostalgiker wünschen sich eine Zukunft des Vereins im Altenburg.»

Bevor er unter anderem das Tor der Schweizer Nationalmannschaft, Borussia Mönchengladbach und Toro Neza in Mexiko hütete, stand der gebürtige Badener Jörg Stiel (46) von 1986 bis 1990 in der Altenburg zwischen den Pfosten. Bevor er unter anderem das Tor der Schweizer Nationalmannschaft, Borussia Mönchengladbach und Toro Neza in Mexiko hütete, stand der gebürtige Badener Jörg Stiel (46) von 1986 bis 1990 in der Altenburg zwischen den Pfosten. «Wenn ich ‹Altenburg› höre, kommen mir als Erstes die vielen tollen Menschen in den Sinn, die ich hier kennen gelernt habe, die mich unterstützten, als ich noch ein junger Spieler war. Das Stadion hat einen hohen Stellenwert in meinem Leben, ich denke mit viel Nostalgie an die Zeit beim FC Wettingen zurück. Es tauchen viele Bilder auf: Zum Beispiel, wie ich mit dem Velo ins Training fuhr. Hier machte ich 1987 meine ersten Gehversuche in der NLA. Nie vergessen werde ich die Spiele in diesem Stadion ohne Gitter oder Abschrankungen: Die Fans standen drei Meter hinter der Grundlinie, ich verstand jedes Wort. Nichts gegen das riesige Aztekenstadion in Mexiko – aber ich habe lieber in der vollen Altenburg gespielt als vor 50 000 Fans in der halbleeren Arena. (PKR)

Bevor er unter anderem das Tor der Schweizer Nationalmannschaft, Borussia Mönchengladbach und Toro Neza in Mexiko hütete, stand der gebürtige Badener Jörg Stiel (46) von 1986 bis 1990 in der Altenburg zwischen den Pfosten. Bevor er unter anderem das Tor der Schweizer Nationalmannschaft, Borussia Mönchengladbach und Toro Neza in Mexiko hütete, stand der gebürtige Badener Jörg Stiel (46) von 1986 bis 1990 in der Altenburg zwischen den Pfosten. «Wenn ich ‹Altenburg› höre, kommen mir als Erstes die vielen tollen Menschen in den Sinn, die ich hier kennen gelernt habe, die mich unterstützten, als ich noch ein junger Spieler war. Das Stadion hat einen hohen Stellenwert in meinem Leben, ich denke mit viel Nostalgie an die Zeit beim FC Wettingen zurück. Es tauchen viele Bilder auf: Zum Beispiel, wie ich mit dem Velo ins Training fuhr. Hier machte ich 1987 meine ersten Gehversuche in der NLA. Nie vergessen werde ich die Spiele in diesem Stadion ohne Gitter oder Abschrankungen: Die Fans standen drei Meter hinter der Grundlinie, ich verstand jedes Wort. Nichts gegen das riesige Aztekenstadion in Mexiko – aber ich habe lieber in der vollen Altenburg gespielt als vor 50 000 Fans in der halbleeren Arena. (PKR)

Keystone