Depression
Depression: «Mein Zustand hatte zuerst keinen Namen»

Tina Balters aus Baden kämpft seit drei Jahren gegen ihre Depression. Die Geschichte einer 63-jährigen Frau, die besonders im Winter stark leidet.

Erna Lang-Jonsdottir
Merken
Drucken
Teilen
Tina Balters: «Plötzlich hatte ich keine Lust mehr auf nichts»

Tina Balters: «Plötzlich hatte ich keine Lust mehr auf nichts»

Es regnet in Strömen. Tina Balters* aus Baden schüttelt den nassen Schirm und spannt ihn zum Trocknen auf. «Dieses Wetter und die Dunkelheit setzen mir zu. Im Winter überkommt mich die Depression stärker», sagt sie, während sie sich an den Tisch setzt.

Die 63-Jährige leidet seit drei Jahren unter einer Depression. Nach einer einjährigen Therapie mit diversen Medikamenten und mehreren Zusammenbrüchen muss sie auf Beruhigungsmittel-Entzug in eine psychiatrische Klinik.

Mit Unterstützung ihrer Tochter gelangt sie zur Psychiaterin Natalie Hauser in Baden, bei der sie sich in guten Händen fühlt. Auslöser ihrer Depression ist ihrer Meinung nach ihre Ehe, die sich während Jahren immer mehr verschlechtert.

Angst vor dem Leben

«An der Feier meines 60. Geburtstags haben mich einige Personen aus meinem engeren Umfeld darauf aufmerksam gemacht, dass ich so unglaublich hektisch bin», erklärt Balters. «Was ist mit dir los? So warst du noch gar nie», sagten sie.

Dass etwas nicht mit ihr stimmt, spürte Balters schon länger. Es sei schwierig in Worten zu fassen, wie sie sich damals fühlte. «Mein Zustand hatte zuerst keinen Namen. Mir war schon über längere Zeit sehr unwohl, ich konnte nicht mehr schlafen und wurde je länger, je mehr nervös.»

Sie sei ein sehr emotionaler und offener Mensch, der sich gerne mit anderen geselle. «Plötzlich hatte ich keine Lust mehr auf nichts. Ich konnte nicht mehr lesen, öffnete tagelang die Fensterläden nicht einmal mehr tagsüber und kam kaum mehr aus dem Bett.»

Sie sei hoffnungslos gewesen, habe sich unheimlich vor dem Leben und ihrer Zukunft gefürchtet. Balters raffte sich auf und ging zum Arzt, bei dem ihr Zustand den Namen Depression erhielt. Eine Diagnose, über die Balters zuerst fassungslos war.

Sie folgte dem Ratschlag ihres Hausarztes und suchte den empfohlenen Psychiater auf, der ihr diverse Medikamente verschrieb. «Ich hatte auch körperliche Symptome wie Migräne», erklärt sie.

Während eines Jahres nahm Balters die verschriebe Dosis des Medikamentes zu sich, das ihr auch gegen die Migräne helfen sollte. «Dieses Medikament deckte mich stark zu. Zudem erhöhte sich die verschriebene Dosis in einem Mass, dass sich mein Zustand zusehends verschlechterte und ich mehrere Zusammenbrüche erlitt.»

Besserung Dank richtiger Therapie

Nach Abklärungen beim Hausarzt wurde sie für kurze Zeit in eine psychiatrische Klinik zum Beruhigungsmittel-Entzug eingewiesen – ein Schlag. «Ich konnte kaum glauben, dass ich dort hin muss.»

Eine psychiatrische Klinik habe in ihrem Kopf als Irrenhaus gegolten. Sie sei doch nicht verrückt, habe sie sich gedacht. «Eigentlich hätte ich mich lieber in die Limmat gestürzt, als in diese Klinik zu gehen.

Trotz allem hing ich an meinem Leben und hätte mir nie etwas antun können; vor allem wegen meiner Kinder, meinen Geschwistern und Freunden.» Ihr Mann, hat er Sie fallen gelassen? «In einer solchen Lebenssituation merkt man, wer zu einem steht und wer nicht.»

Nach der Therapie in der Klinik kommt für Balters die Kehrtwende, als sie in Behandlung zur Psychiaterin Natalie Hauser in Baden kommt. «Das war mein grösstes Glück. Ich bin nicht mehr zugenagelt von Medikamenten und gehe in eine regelmässige Psychotherapie.»

Heute öffne sie die Fensterläden, gehe wieder weg und mische sich unter Leute. «Dank dieser richtigen Therapie geht es mir viel besser, auch wenn sie saisonale Schwankungen habe, wie zum Beispiel im Winter.» Balters nimmt heute wenig Medikamente und macht seit zwei Jahren Psychotherapie.

Was raten Sie anderen? «Sofort gute Hilfe zu holen.» Wie aber merke ich, dass die Hilfe gut ist? «Wenn Sie nicht nur mit Medikamenten zugeschüttet werden und gute Gespräche mit dem Psychiater haben. Es ist sehr wichtig, dass man mit einem qualifizierten Menschen reden kann.»

*Name von der Redaktion geändert