Baden
Der Aargauer Jungregisseur Keller und der Sexskandal um die «Königin des Pop»

«Gloria» begeisterte in Mexiko schon über eine Million Kinobesucher – nun feierte Regisseur Christian Keller sein Filmdebüt bei der Europapremiere im Kino Sterk. Dort erzählte er, wie es kam, dass er die Geschichte des mexikanischen Stars verfilmte.

Ursula Burgherr
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Kinobetreiber Peter Sterk mit Regisseur Christian Keller, der mit seinem Filmdebüt grosse Wellen schlägt.

Kinobetreiber Peter Sterk mit Regisseur Christian Keller, der mit seinem Filmdebüt grosse Wellen schlägt.

Ursula Burgherr

Die Entstehung von Christian Kellers Spielfilm «Gloria» ist so unglaublich, wie das Endprodukt selber. Bescheiden steht der Regisseur mit Wettinger und Badener Wurzeln auf der Bühne des Kino Sterk, in dem Europapremiere gefeiert wird.

Mit ruhiger Stimme und als ob es die selbstverständlichste Sache der Welt wäre, erzählt Keller dem Publikum nochmals, wie er als 18-Jähriger in der Los Angeles Times die Story des mexikanischen Superstars Gloria Trevi, die gerade in Haft war, las und sofort einen Film darüber machen wollte.

Gelassen schildert der auf den ersten Blick eher unscheinbare Mann, wie er als absoluter Nobody oscargekrönte Hollywoodgrössen ins Boot holte. Darunter grosse Namen wie Hans Zimmer (Lion King) und Barrie M. Osborne (Lord of the Rings) sowie Angelina Jolie’s Lieblingscutterin Patricia Rommel und die mexikanische Schriftstellerin Sabina Berman.

Es klingt wie aus einem Roman, wenn Keller berichtet, dass er kurz vor dem Dreh die Hauptdarsteller verlor und durch neue ersetzen musste; dass ihn Gloria Trevi - nachdem sie ihm die Rechte überschrieben hatte - plötzlich verklagte; und er ein halbes Jahr an der mexikanischen Grenze und vor einer Anwaltskanzlei in L.A. campierte, um seinen Film doch noch durchzubringen.

«Ich hatte kein Geld mehr und kaum was zu essen», erinnert er sich. Aber dann lächelt er auch wieder bubenhaft. Denn nach 10-jähriger Produktionszeit ist das Werk im Kasten und er kann es seinen Verwandten zeigen, die an der Sterk-Premiere ganz gespannt im Publikum sitzen.

Mit Haut und Haaren verfallen

Anfänglich braucht es ein paar Momente, bis man sich in den Plot über die bei uns gänzlich unbekannte Sängerin Gloria Trevi eingelebt hat. Die junge, ambitionierte Künstlerin ist zwar nicht gerade stimmstark, aber rotzfrech.

Mit ihren provokanten Texten und ihrer ungenierten Sexualität erschüttert sie das konservative Mexiko. Sergio Andrade, einer der bekanntesten Musikproduzenten Südamerikas entdeckt sie in den 1980er-Jahren und wird nicht nur ihr Manager, sondern auch ihr Lover. Die Madonna von Mexiko oder «La Reina del Pop» wie sie ihre Fans nennen, verkauft über 20 Millionen Alben.

Während sie sich auf der Bühne selbstbewusst und aufmüpfig gibt, ist sie privat mit Haut und Haaren Andrade verfallen. Sie lässt es zu, dass er karrierebesessene Mädchen im Pubertätsalter um sich schart, die er oft auch noch schwängert.

Nicht selten teilt Gloria Haus und Bett mit mehreren blutjungen Verehrerinnen ihres Impresarios. Sie erträgt die haremartigen Zustände ebenso wie Andrades Dominanz und Boshaftigkeit und heiratet ihn sogar.

Doch als eine Ex-Frau von ihm in einem Buch beschreibt, wie er junge Mädchen mit dem Versprechen, ein Star zu werden, gefügig mache und sexuell missbrauche, geht es nicht nur ihm, sondern auch ihr an den Kragen: Andrade wird wegen Vergewaltigung und Kidnapping von minderjährigen Mädchen angeklagt, Trevi der Mithilfe bezichtigt.

Fünf Jahre verbringt die Sängerin in Brasilien und Mexiko im Gefängnis, wo sie nach dem mysteriösen Tod ihres ersten Babys ein zweites Kind gebärt. Und es endlich schafft, sich aus den Fängen ihres Tyrannen zu lösen.

Christian Keller hat die oft geradezu absurde Lebensgeschichte von Gloria Trevi berührend, eindrücklich und hochprofessionell umgesetzt. Ihm, aber auch den ausgezeichneten Hauptdarstellern Sofía Espinosa und Marco Pérez ist es zu verdanken, dass der Film einem unter die Haut geht und auch nach dem Kinobesuch nicht mehr so schnell loslässt.