Kurt Winkler
Der älteste Badener: Mit 80 drehte er noch Pirouetten

Kurt Winkler ist mit 105 Jahren der älteste Badener. In Rente ging er aber erst vor 20 Jahren.

Ursula Burgherr
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Kurt Winkler ist der älteste Badener
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Bis zur «Kronjuwelenhochzeit» dauert es nicht mehr lange.
Auch mit 105 Jahren füllt Winkler seine Steuererklärungen und zahlt er seine Rechnungen selber.
Seine Frau kocht derweil das Mittagessen – jeden Tag.

Kurt Winkler ist der älteste Badener

Sandra Ardizzone

Auf der Kommode im Wohnzimmer von Elsbeth und Kurt Winkler steht ein Rosenstrauss. Die beiden feiern beim Besuch der Journalistin ihren 74. Hochzeitstag. Er ist 105, sie 95. In seinem Geburtsjahr 1911 lief die Titanic vom Stapel. 2018 steht dem Ehepaar die «Kronjuwelenhochzeit» bevor. Als sich noch eine Fotografin dazugesellt, meint der Senior trocken: «Also so interessant sind wir nun auch wieder nicht.» Alle lachen. Kurt und Elsbeth Winkler stammen aus Wien und wohnen seit 1956 in Baden. Sohn Klaus und Tochter Heidi haben ihre Kindheit hier verbracht. Der hochbetagte Österreicher hat beide Weltkriege miterlebt. Beim ersten war er noch ein Kind, beim zweiten dann als Feldwebel für die Luftwaffe im Einsatz. Er studierte Maschinenbau mit Spezialgebiet Wärmetechnik an der Technischen Hochschule in Wien. Sein erstes Monatsgehalt nach dem Studium betrug 150 Schilling.

Elsbeth kannte ihren Kurt schon in der Gymnasialzeit. «Er gab mir Nachhilfe in Mathematik. Ich konnte ihn nicht ausstehen», gesteht sie und schmunzelt. 1953 gings in die Schweiz – zuerst nach Chur, wo er in einem Stahlwerk arbeitete. «Österreich war bitterarm. Das Land hat nach dem Krieg lange gebraucht, um sich wieder aufzurappeln», erinnert sich Kurt Winkler und schwärmt vom Umzug in die Schweiz: «Es war wie in den Himmel zu kommen.» Wenige Jahre später wurde er von der Patentabteilung der BBC angestellt. Deshalb kam der Ortswechsel nach Wettingen und schliesslich nach Baden, wo das Ehepaar heute noch lebt.

Lesen geht nur noch mit Lupe

Winkler ist geistig recht fit geblieben. Nur das Gehör will nicht mehr so recht. Steuererklärungen und Rechnungen erledigt er immer noch selber und bezeichnet sich als pingelig. Das musste er auch sein als Patentanwalt. Bei den Patentschriften wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Nach der Pensionierung machte Winkler sich selbstständig und arbeitete bis zum 85. Lebensjahr auf seinem Beruf weiter.

Was bereitet ihm heute noch Freude? «Gar nichts mehr», sagt er ohne jegliche Spur von Emotionen. Er sei von Natur aus ungeduldig und brauche jetzt für alles doppelt so lange wie früher. «Lesen geht nur noch mit der Lupe. Buchstabe für Buchstabe. Das ist viel zu mühsam», findet er. Fernsehen schaue man selten. Als Letztes die Inaugurationsfeier von Trump. Ist die heutige Welt für ihn verrückt? «Nein. Aber irgendwie uninteressant. Alles ist so kurzlebig. Man nimmt sich für nichts mehr richtig Zeit.» Einen grossen Lichtblick gibt es aber trotzdem im sehr ruhig gewordenen Alltag: Elsbeth Winkler kocht noch täglich das Mittagessen.

Mehr Kutschen als Autos

An einer Wand im Wohnhaus der Winklers hängt ein schön ziseliertes Gewehr – selbstverständlich nur zur Dekoration. Kurt Winklers Vater war Büchsenmacher. Bei Erinnerungen an seine Jugend blüht der 105-Jährige auf. In seiner Studentenzeit bestritt er Eiskunstlaufwettbewerbe, Fechtturniere und ruderte. «Ich war sehr elastisch», sinniert er und schaut auf seinen Gehstock. Er habe auch mit 80 noch Pirouetten gedreht auf der Eisbahn in Arosa. Darauf angefragt, welche technischen Veränderungen er besonders prägnant fand, muss er lange nachdenken. Es waren unzählige, und vieles ist in Vergessenheit geraten.

«In Wien gabs zu meiner Studentenzeit mehr Pferdefuhrwerke als Automobile auf der Strasse», erwähnt er dann doch. Früher sei die Familie noch viel gereist. Nach Costa Rica und ans Mittelmehr. Heute fokussiert sich alles auf das Häuschen in Baden, das die Zwei kaum mehr verlassen. Eine Haushaltshilfe und die mittlerweile auch schon über 70-jährigen Kinder mit ihren Familien gehören zu den einzigen Kontakten, die Kurt und Elsbeth Winkler noch haben. Gibt es etwas aus der Vergangenheit, das sie besonders vermissen? «Ja. Die Jugend», kommt es postwendend.