Gutgelaunt empfängt Daniel Franz den Journalisten im Büro. Im Gespräch wird schnell klar, dass sich der 52-Jährige als Rektor der Kanti Baden sichtlich wohl fühlt und ihn seine Aufgabe erfüllt. Gleichzeitig räumt Franz ein, dass es vor zwei Jahren, als er die Stelle antrat, nicht ganz einfach war: «Es gab auch Misstrauen mir gegenüber.»

Das kommt nicht ganz überraschend. Denn auf die Stelle des Kanti-Rektors – nach 15 Jahren ging Hans Rudolf Stauffacher 2016 in Rente – wurde mit Daniel Franz, der zu diesem Zeitpunkt noch Rektor der Neuen Kanti in Aarau war, erstmals ein Auswärtiger gewählt. «Dass man da nicht gleich von allen mit offenen Armen empfangen wird, versteht sich von selbst», sagt Franz. Doch das Gefühl, quasi als Fremder eine Arbeitsstelle anzutreten, war Franz nicht fremd. Nachdem er selber als Schüler das Gymi in Liestal besucht hatte, liess er sich an der Uni Basel zum Historiker und Romanisten ausbilden. «Daneben habe ich immer auch ein wenig unterrichtet und gemerkt, wie viel Spass mir das bereitet.» So kam es, dass Franz nach dem Studium an der Fachmittelschule in Basel mit Unterrichten begann. Daneben engagierte er sich auch in der Jugendarbeit und war während zehn Jahren als Sportchef des FC Bubendorf tätig. «Durch diese Tätigkeiten habe ich gemerkt, dass mir nebst des Unterrichtens auch das Führen und Organisieren liegen. Kurz: Dass auch ein Funktionärsjob sehr lässig ist», sagt Franz mit einem Lachen.

Baden, die urbane Kanti

Und so kam es, dass er sich 2005 an der Kanti Aarau für den Job des Prorektors und Leiter der Fachmittelschule bewarb und die Stelle erhielt. «Auch damals kam ich als Auswärtiger, auch damals spürte ich teils Misstrauen.» Nach nur fünf Jahren wurde er in Aarau zum Rektor ernannt. Doch weshalb wollte er nach nur sechs Jahren als Rektor in Aarau an die Kanti Baden wechseln? «Als die Doppelvakanz in Baden und Wettingen ausgeschrieben wurde, war ich gerade 50 Jahre alt. Ich habe mich gefragt, ob ich in Aarau noch weitere 15 Jahre arbeiten und in Rente gehen will, oder nochmals der Zeitpunkt gekommen war, etwas Neues auszuprobieren.» Franz entschied sich für Letzteres. Und weshalb Baden und nicht Wettingen? «Ich sagte mir: wenn ein Wechsel, dann ein richtiger.» So wäre für Franz zum Beispiel ein Wechsel von der Neuen an die Alte Kanti Aarau nie infrage gekommen. «Da die Kanti Wettingen ähnlich aufgestellt ist wie die Neue Kanti Aarau, habe ich mich bewusst für die etwas anders tickende Kanti Baden mit ihrer Informatik- und Wirtschaftsmittelschule entschieden», so Franz.

Auf die Frage, ob denn die Kantis Aarau, Wettingen und Baden wirklich so unterschiedlich seien, antwortet Franz: «Ich denke schon. Aarau und Wettingen sind eher ländlich – und das meine ich jetzt überhaupt nicht wertend – geprägt, während Baden etwas urbaner ist.» Wenn man grobe Muster zeichnen wolle, könne man sagen, dass Schülerinnen und Schüler ländlicher Kantis in der Tendenz etwas disziplinierter und anständiger sind, während die «städtischen» Schüler an der eher etwas frech seien. Zudem kommen an der Neuen Kanti Aarau oder der Kanti Wettingen auf einen Schüler etwa zwei Schülerinnen, während das Verhältnis in Baden nahezu ausgeglichen ist.

Chance, weil Blick von aussen

Im Rückblick hält Daniel Franz fest: «Es hat ein Jahr gedauert, ehe es mir gelang, eine breite Akzeptanz zu erhalten.» Wenn man als Externer die Führung eines Unternehmens oder in diesem Fall einer Kanti übernehme, sei das immer auch eine Chance, weil man alles mit dem Blick von aussen betrachten könne. «Geholfen hat mir sicher auch, dass ich nicht mehr blutjung war und doch schon einiges an Berufserfahrung mitgebracht habe.» Und ganz wichtig: «Es war nie mein Ziel, hier alles auf den Kopf zu stellen, zumal ich die Schule in einem guten Zustand übernehmen konnte.»

An der Kanti Baden gefällt Franz vor allem der starke Bezug zur Berufswelt, der wegen der Wirtschaftsmittelschule, aber auch der Berufsmaturität, ausgeprägter sei, als an anderen Kantis. «Ganz grundsätzlich sollte man sowieso nicht Mittelschulen gegen Berufsschulen ausspielen. Beide Ausbildungen haben ihre Berechtigung. Entscheidend ist letztlich, dass junge Menschen für sich einen guten Weg finden und in den Arbeitsmarkt integriert werden können.»

Mehr potenzielle Schüler abholen

Heute zählt die Kanti Baden rund 1450 Schüler. In einigen Jahren dürften es etwa 1600 sein, da sich die Schule aktuell in der Planung des Vollausbaus befinde. Doch auch mit diesem Ausbau, wird es der Kanti Baden auf Grund der prognostizierten Schülerzahlen nicht möglich sein, alle Schüler aufzunehmen, die sich anmelden. «Deshalb begrüsse ich die Pläne von zwei neuen Kantonsschulen im Fricktal und im Raum Brugg/Lenzburg», sagt Daniel Franz.

Doch vielmehr als die sichtbaren Veränderungen dürften die nächsten Jahre von den Veränderungen im Schulbetrieb geprägt sein. «Die Welt um uns verändert sich rasant. Es ist wichtig, dass wir als Kanti diese Entwicklungen mitgestalten respektive nicht verpassen», so Franz, der auch Präsident der Aargaur Rektorenkonferenz ist, und in dieser Rolle die ganze Aargauer Kanti-Landschaft im Blick hat. Ein Beispiel: «1995 gab es die letzte Maturitätsreform. Heute, mehr als zwanzig Jahre später, muss die Frage erlaubt sein, ob der Unterricht von damals noch richtig ist – also zum Beispiel eine 45-minütige Lektion noch zeitgemäss ist.» Er selber tendiere eher zu längeren Lektionen.

Die Digitalisierung ist dabei auch an der Kanti in aller Munde. «Da kommt auf die Schulen in den nächsten Jahren einiges zu, wenn ich nur an neue Lehrmittel oder Unterrichtsformen denke.» Und doch glaubt Franz, dass es auch in der Schule der Zukunft Klassenzimmer geben wird. «Die Schule hat die Aufgabe Menschen aus ganz unterschiedlichen Milieus und sozialen Schichten zusammenzubringen und diese zu durchmischen.» Er selber komme nicht aus einer Akademikerfamilie. «Erst dank dem Gymnasium wurden meine Faszination und mein Interesse für Geschichte und den akademischen Weg geweckt. Die soziale Herkunft soll nicht darüber entscheiden, welchen beruflichen Weg man einschlägt oder welche beruflichen Chancen man erhält.» Deshalb ist es Franz ein grosses Anliegen, in den kommenden Jahren noch mehr dazu beizutragen, dass Jugendliche mit Potenzial aus allen Schichten die Kanti besuchen können. «Der Anteil Jugendlicher aus weniger privilegierten Familien oder mit Migrationshintergrund könnte an den Kantonsschulen höher sein.» Er könne zwar noch nicht allzu viel verraten. Doch sei er derzeit daran, ein Projekt mit den Sekundarschulen Baden, Wettingen und Spreitenbach sowie der Berufsfachschule Baden auszuarbeiten, «um solche Jugendliche auf ihrem Weg zur Kanti oder zur Berufsmittelschule gezielt zu unterstützen und zu fördern».

«Unterrichten fehlt mir nicht»

Dabei geht es Franz nicht darum, die Maturitätsquote zu erhöhen, die im Kanton Aargau mit rund 17 Prozent unter dem Schweizer Wert von rund 20 Prozent liegt: «Ich glaube, es ist grundsätzlich falsch, dem Gymnasium eine zu exklusive Bedeutung zu geben. Vielmehr sind die Vielfalt und die hohe Durchlässigkeit der grosse Gewinn der Schweizer Bildungslandschaft.» Wie gut es um die Bildung stehe, messe sich letztlich an der Arbeitswelt beziehungsweise daran, wie viele Junge Anschluss in der Arbeitswelt finden. «In Spanien erlangen rund 80 Prozent der Jugendlichen das Abitur; einen Job erhalten trotzdem nur die wenigsten.» Franz weiss, wovon er spricht, ist doch seine Frau Spanierin – sie wohnen schon seit Jahren in Wettingen. Eine hohe Maturitätsquote sei noch lange kein Indikator für soziale Gerechtigkeit. «Nicht zuletzt würde man die Matura auch entwerten, wenn sie jeder erlangen könnte.»

Auch wenn er immer gerne unterrichtet habe, so würde es ihm heute nicht fehlen. «Ich habe jetzt eine andere Aufgabe, und die erfüllt und fordert mich voll und ganz. Ganz ehrlich: Ich bin froh, muss ich nicht noch ein zweites Standbein unterhalten.» Denn unterrichten würde man nicht einfach so rasch nebenher. Obwohl er nicht mehr selber im Klassenzimmer stehe, bekomme er sehr gut mit, wie es in der Schule läuft und wo sich Problemfelder auftun. «Erstens arbeite ich sehr eng mit meinen Prorektoren zusammen. Zweitens besuche immer mal wieder einen Unterricht. Und drittens werde ich als Rektor bei schwierigen Konflikten herbeigezogen.» Auch würde er sich nicht einfach im Büro verschanzen, sondern oft auf dem Schulgelände den Kontakt mit Schülern suchen und sich auch gern mit diesen unterhalten.

Wichtige Begabtenförderung

Von einem Konkurrenzkampf mit anderen Kantis, insbesondere mit der Kanti Wettingen, will Franz nichts wissen. Aber: «Natürlich stehen wir im Wettbewerb mit den anderen Kantis, da die Eltern grundsätzlich frei wählen können, an welche Kanti ihre Kinder gehen.» Trotzdem versuche man nicht etwa, die Schüler an Wissenschaftsolympiaden zu Höchstleistungen anzutreiben, um damit in den Medien zu prahlen.

Doch hinter den Kulissen würde die Begabtenförderung einen grossen Stellenwert geniessen. «Wir wollen leistungsstarke Schüler über den Unterricht hinaus fördern.» Denn während im Sport oder in der Kunst Höchstleistungen hoch angesehen seien, müssten sich erfolgreiche Schüler in der Wissenschaft oft als Streber abstempeln lassen. «Wir wollen diese Talente vielmehr wertschätzen.» Doch um das Profil und den guten Ruf einer Schule zu schärfen, seien Erfolgsmeldungen von Wissenschaftsolympiaden nicht das Wichtigste. «Viel entscheidender ist der Eindruck, den Schüler hier bei uns haben und wie Sie zu Hause und in ihrem Umfeld positiv von der Schule erzählen. Wir arbeiten täglich daran, dass sie dies tun.»