Baden

Der Badener Asylpavillon - «Wir rechneten damit, dass unser Projekt Staub aufwirbelt»

Flurin Cajöri und Claudia Cuesta César haben den Integro-Pavillon entwickelt.

Flurin Cajöri und Claudia Cuesta César haben den Integro-Pavillon entwickelt.

Claudia Cuesta César und Flurin Cajöri lassen sich von der Kritik an ihrem Pavillon nicht entmutigen. Wer sind eigentlich die beiden Badener die das Projekt «Integro» entworfen haben?

Seit gestern steht der quadratische Holz-Pavillon der beiden Badener Jungunternehmer Claudia Cuesta César (27) und Flurin Cajöri (26) auf dem unteren Bahnhofplatz. Interessierte können noch bis morgen Abend einen Augenschein nehmen vom Asylunterkunft-Prototypen.

Gewinner der Flüchtlingskrise

Gewinner der Flüchtlingskrise

Rund 40`000 Asylbewerber kamen 2015 in die Schweiz. Ihr Unterhalt kostet viel Geld. Es gibt aber auch die, die von der Flüchtlingskrise profitieren.

Ein Besuch vor Ort beweist: Die beiden Badener lassen sich von der Kritik nicht beirren, wonach der Pavillon zwar gut gemeint, aber nicht nachhaltig und schon gar nicht als Unterkunft geeignet sei. «Wir sind von unserem Projekt überzeugt und glauben weiterhin, dass es eine gute Alternative zu herkömmlichen Container- oder Zivilschutzunterkünften darstellt», sagt Cuesta César. Ihr Freund und Geschäftspartner Flurin Cajöri ergänzt: «Wir sind die Sache nicht naiv angegangen, sondern haben aufgrund der emotionalen Debatte rund um das Flüchtlingsthema damit gerechnet, dass unser Asylpavillon Staub aufwirbeln wird.» Es sei klar gewesen, dass sie mit ihrem Projekt – so gut es auch gemeint ist – keine offenen Türen einrennen würden.

Die ersten Reaktionen auf dem Bahnhofplatz seien aber durchaus positiv ausgefallen. «Wir hatten bereits Vertreter von Kanton und Gemeinden hier, die von der Unterkunft sehr angetan waren», sagt Cajöri. Auch er sei der Meinung, dass der Platz für acht Personen eher knapp bemessen ist. 4,5 Quadratmeter stünden jedem Bewohner dann zur Verfügung. «Beim Ikea-Zelt, das lange im Gespräch war, waren es nur 3,8 Quadratmeter. Interessanterweise hat das niemanden gestört.» Cajöri betont, dass es sich bei acht Personen um die maximale Belegung handelt. «Ideal wäre sicher, wenn am Ende nur vier bis sechs Personen im Pavillon lebten.» Die Kritik, der Pavillon sei nicht nachhaltig, lässt Cajöri hingegen nicht gelten. «Mit wenig Aufwand lässt sich dieser etwa in eine Studenten-WG umwandeln, oder er kann für zum Beispiel im Bereich des sozialen Wohnungsbaus eingesetzt werden.» Man habe sogar schon Anfragen aus Ecuador erhalten.

Schauen Sie sich um: Die Architektin Claudia Cuesta César führt durch den Pavillon «Integro».

Schauen Sie sich um: Die Architektin Claudia Cuesta César führt durch den Pavillon «Integro».

Es gibt auch kritische Stimmen, die den beiden Jungunternehmern vorwerfen, sie wollten mit der Flüchtlingskrise das grosse Geschäft machen. «Wir möchten mit diesem Projekt ganz sicher nicht reich werden», betonen die beiden. Am Anfang habe sogar der Plan bestanden, das Ganze als Non-Profit-Organisation aufziehen. «Wir mussten aber ziemlich rasch feststellen, dass man uns so nicht richtig ernst nimmt, weshalb wir jetzt eine GmbH gegründet haben», so Cajöri. Das habe auch den Vorteil, dass sie so wirtschaftlich abgesichert seien. «Unter dem Strich resultiert für uns ein normales Architektenhonorar; mehr nicht.» Ob sie selber denn im Pavillon geschlafen hätten? «Nein, wir wussten nicht, ob das mit unserer Bewilligung erlaubt ist. Trotzdem haben wir beim Aufbau fast die ganze Nacht darin verbracht», so Cajöri lachend.

Idee kam auf den Azoren
Doch wie sind die beiden überhaupt auf die Idee des Pavillons gekommen? Angefangen hat alles vor mehr als 25 Jahren an zwei völlig verschiedenen Orten. Cajöris Eltern stammen ursprünglich aus dem Bündnerland, in Fislisbach wuchs er auf. Cuesta César wurde in Havanna, Kuba geboren und kam im Alter von fünf Jahren mit ihrer Mutter in die Schweiz. Er absolvierte die Kantonsschule in Baden und studiert nun Politikwissenschaften an der Uni Zürich, sie machte eine Lehre als Bauzeichnerin, studierte später Architektur und arbeitet momentan in einem Architekturbüro in Wettingen.

Etwas, das beide verbindet, ist die Leidenschaft zu reisen und das Interesse an der aktuellen Weltpolitik. So ist es nicht verwunderlich, dass das Paar während ihren Ferien auf den Azoren auf die Idee kam, eine Asylunterkunft zu entwickeln. Dort erfuhren die beiden von der kommenden Flüchtlingswelle und entschlossen sich, ihre Fähigkeiten zu nutzen, um den Asylsuchenden zu helfen: «Wir haben das Privileg, ein Hochschulstudium zu geniessen und wollten schon immer etwas davon zurückgeben an Menschen, die es nicht so gut haben.»


So zeichnete Architektin Cuesta César mehrere Entwürfe für mögliche Unterkünfte, der dritte davon war der «Integro Pavillon».

Name steht für Neubeginn

Cuesta Césars Engagement kommt nicht von ungefähr. So erzählt sie, dass es nicht einfach war, als 5-Jährige in die Schweiz zu kommen: «Als fremde, dunkelhäutige Person wurde man damals noch nicht so gut aufgenommen.» Sie habe weder die Sprache noch die Kultur gekannt und konnte sich am Anfang im Kindergarten kaum mit den anderen Kindern unterhalten. Ihre Mutter habe es jedoch noch schwieriger gehabt, sie kämpfe noch heute. «Deshalb kann ich gut nachfühlen, wie sich Flüchtlinge in der Schweiz fühlen», sagt Cuesta.

Cajöri hat vor allem die aktuelle Asylpolitik zum Handeln gebracht: «Ich ärgere mich sehr über das Klima, das im Moment herrscht. Die Asyldebatte ist zu stark emotional geladen und es gibt eigentlich keine positiven Aspekte.» Der Entwurf des Asylpavillons sei sehr pragmatisch und könne sowohl das linke als auch das rechte Lager überzeugen, glaubt er.
«Integro» bedeute im Lateinischen Neubeginn: «Das hat uns im Kontext der Flüchtlingsthematik sehr gefallen.» Mithilfe eines Crowdfunding-Projekts haben die beiden genügend Kapital gesammelt, um nun der Öffentlichkeit das Ausstellungsmodell ihres Pavillons noch bis morgen Abend vorzustellen.

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