Baden
Der Badener Roger Kaysel ist in «Buchzauber» Autor und Cartoonist

Als Gründer des Kindermuseums Baden ist der Badener Fotograf Roger Kaysel weithin bekannt. Dabei betätigt sich Kaysel auch als Cartoonist und Autor. Sein jüngstes Buch ist eine Hommage an die Literatur: Ihr ist Kaysel seit Jahren verfallen.

Elisabeth Feller
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Roger Kaysel, Gründer der Badener Kindermuseums, weiss, welche Magie Bücher ausstrahlen.

Roger Kaysel, Gründer der Badener Kindermuseums, weiss, welche Magie Bücher ausstrahlen.

Der Finger ist am Abzug. Peng! Schon durchbohrt die Kugel einen Menschen. So ist es im Krimi. Diesmal aber ist der Angeschossene nicht ein Mensch, sondern nur ein Buch. Nur? Der Zeichner würde die in diesem Wörtchen aufscheinende Geringschätzung dezidiert ablehnen – Roger Kaysel ist nämlich ein Büchernarr. Vielmehr noch: ein Literaturverliebter, dem sein Beruf als Fotograf auch in der Rolle des Autors und Zeichners zupasskommt: Der Gründer des Kindermuseums in Baden erweist sich als trefflicher, nie aufdringlicher Beobachter.

«Buchzauber» heisst sein jüngstes Werk, das 120 Cartoons und einen Essay vereint. Wer ohne Eile in dem Buch blättert, wird bald merken, dass sich Kaysel mit dem Kulturgut Buch auf kritisch-anteilnehmende Art und Weise beschäftigt.Das Buch ist für den 74-Jährigen nicht etwas, was er – bei aller Bewunderung – auf den Sockel stellt; Kaysel sieht es stets auch als einen für ungewohnte Zwecke verwendbaren Gegenstand; etwa als überdimensioniertes Bauelement, das von einem Kran in die Höhe gezogen wird.

Voller leiser Ironie ist insbesondere ein Cartoon zum Thema Neue Medien. Da erblickt man ein aufgeschlagenes Buch, merkt dann: Es ist gar keines, sondern eine als Buch getarnte Computer-Oberfläche. Sogar die Marke des heute unverzichtbaren Arbeitsgerätes prangt da: Bell. Kaysel hat nun eine Computermaus gezeichnet, die voller Begierde auf diesen Schriftzug starrt. Was verbindet sie damit? Und der Leser? Statt Literatur wohl eher Wurst- und Metzgerwaren. Doch was ist, wenn die Maus nicht nur den Schriftzug anknabberte, sondern auch vor dem Bildschirm – und der Literatur nicht Halt machte? Das und noch anderes male sich jeder selbst aus.

Auf der letzten Seite von «Buchzauber» macht sich ein Strichmännchen mit einer Flaschenpost auf und davon. Dass diese nicht das übliche Schiff, sondern ein Buch enthält, ist nur folgerichtig in einem Buch, dessen Essay mit einem chinesischen Sprichwort eingeleitet wird: «Du öffnest ein Buch, das Buch öffnet dich.» Roger Kaysel macht die Lesenden bekannt mit einem Mädchen, das – man ahnt es – eine «Alice im Wunderland» ist.

Alice entdeckt zunächst Menschen, danach Bücher in einem Haus, das die Form eines riesigen Buches hat. Das Kind betritt eine Etage nach der anderen; es entdeckt das Reich der Lyrik; Romane mit den Themen Schicksal, Armut und Reichtum, Krieg und Frieden, Liebe, Leidenschaft, Verbrechen, Werkausgaben und Literatur der Klassiker. Das oberste Stockwerk – Alice hat damit ihr siebtes Lebensjahrzehnt betreten – ist den Utopien und bibliophilen Ausgaben vorbehalten. Als sich das Mädchen schliesslich zögerlich aus dem Wunderland der Bücher verabschiedet, um vom siebten Stockwerk wieder ins Erdgeschoss zu gelangen, hat sie einen langen Abstieg hinter sich. Abstieg, lässt Roger Kaysel jedoch aufscheinen, ist relativ. Denn Ankommen im Parterre bedeutet: Weiter Ausschau halten nach Büchern. Ein Leben lang.

Roger Kaysel «Buchzauber», 120 Cartoons mit einem Essay. August-von-Goethe-Literaturverlag, Frankfurt 2012, 138 S., Fr. 12.90.