Seit bald sieben Jahren bringt die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» einen eigenen Schweiz-Bund heraus. Geschrieben wird dieser nicht etwa in Zürich oder Bern, sondern im Kornhaus an der Kronengasse in Baden. Dies, weil der ehemalige Büroleiter Peer Teuwsen in Ennetbaden wohnt und ein Büro in der Nähe gesucht hatte.

Seit über einem Jahr wird die Redaktion nun vom Zürcher Matthias Daum geleitet. Die Region kennt er dank den Recherchen zu seinem Buch «Daheim» aber sehr gut. Im Interview sagt er, warum in Baden durchaus Dinge passieren, die national relevant sind – und warum der Fall Geri Müller aber in der Schweiz-Ausgabe der «Zeit» kein Thema war.

Herr Daum, wie beeinflusst die Sicht aus Baden die Berichterstattung im Schweiz-Bund der «Zeit»?

Matthias Daum: Wir versuchen, nicht nur mit dem Blick aus Zürich, Basel oder Bern auf die Schweiz zu schauen, wie dies ein Grossteil der hiesigen Medien tut. Insofern tut uns Baden gut. Der Männerchor von Nussbaumen oder die Kirche von Turgi waren bei uns schon ein Thema.

Sie haben ja mal gesagt: «Im Kleinen wird dieses Land regiert.»

Die meisten Schweizer wohnen nicht in den Kernstädten, sondern in der Agglomeration. Wir wollen auf unseren Seiten die Realität dieser relativen Mehrheit abbilden – und nicht nur die einer urbanen Minderheit. Zu meinen liebsten Geschichten gehören jene, die im Kleinen, das in irgendeiner Durchschnittsgemeinde passiert ist, etwas Grosses erklären können.

Was sagen Sie als Zürcher zu Baden?

Im Winter ist das Städtchen ein übles Nebelloch (lacht). Als Auswärtiger fällt mir immer wieder auf, wie wichtig Baden als regionales Zentrum ist – mit einer eigenen Identität. Teilweise nimmt man sich hier aber auch etwas zu ernst.

Wie meinen Sie das?

Ach, man ist schon sehr stolz, Badener zu sein. Mit diesem übertriebenen Lokalpatriotismus kann ich nicht viel anfangen – in Baden genau so wenig wie in Zürich, Basel oder Bern.

Unser Autor Hans Fahrländer sagte, Baden neige zur Selbstüberschätzung.

Das kann er sicher viel besser beurteilen als ich. Baden schwankt zwischen Selbstüberhöhung und Minderwertigkeitskomplex, weil die Stadt halt immer im Schatten von Zürich stehen wird.

Hat man das vielleicht nötig, genau weil man im Schatten steht?

Vermutlich muss sich der Kleine, der im Schatten des Grossen steht, immer etwas lauter auf die Brust trommeln. Spannend ist aber, wie im Aargau eine Verschiebung in Richtung Baden stattfindet. Und es gibt politische Themen, die – auch wenn sie nur den Unterleib eines Stadtammanns betreffen – plötzlich die Aufmerksamkeit des ganzen Landes auf Baden ziehen. Ich behaupte, wenn das in Grenchen oder Frauenfeld passiert wäre, hätte diese Geschichte kaum interessiert.

Sie sprechen vom Fall Geri Müller. Was halten Sie davon?

Nichts. Wir haben dazu in der «Zeit» keine Zeile geschrieben. Und zwar ganz bewusst. Ich sehe die Relevanz nicht.

Gibt es sonst politische Themen aus der Region, die sie verfolgen?

Die Hochhausdiskussion in Baden habe ich verfolgt, auch die Diskussion ums Bäderquartier. Mich interessieren aber mehr die Fragen, die den ganzen Aargau betreffen: Wie dieser Kanton, der irgendwo dazwischen liegt, es schafft, sich nach und nach eine Identität zu schaffen. Und wie er versucht, seine rasante Entwicklung zu steuern. Wie zum Beispiel ein Ort Ennetbaden zum Reichenhügel von Baden wird. Oder wie im Limmattal die Kantone Aargau und Zürich nach und nach zusammenwachsen, nachdem sie sich jahrelang Rücken an Rücken entwickelt haben.

In dem Fall kam es für Sie nie infrage, das Büro der «Zeit» von Baden wegzuzügeln?

Es gibt solche Überlegungen, dahinter stecken aber keine inhaltlichen, sondern arbeitsökonomische Gründe.

Freizeit verbringen Sie nie hier?

Ich war einmal an einem Auswärtsspiel des FCZ im Esp. Damals hatten die Zürcher das Siegen noch nicht verlernt.

In Ihrem Buch «Daheim» haben Sie und Paul Schneeberger von der NZZ das Aare- und Limmattal bereist. Was haben Sie gesehen?

Wir wollten in die Agglo hinaus und mit den Menschen dort sprechen. Eine der Erkenntnisse war, dass ihnen die Nähe zur Natur sehr wichtig ist. Und: In der so belächelten Agglo fühlen sie sich zuhause. Sie wohnen nicht dort, weil sie dorthin verbannt wurden.

An einer Rede am SP-Parteitag sagten Sie: «Wer in der Agglo wohnt, ist Pragmatiker aus Prinzip.» Warum?

Wer in der Agglo wohnt, für den zählt: Die gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr, also der nahe S-Bahnhof, die nahe Bus- oder Postautohaltestelle. Der Autobahnanschluss, denn die Agglo ist Auto-Land. Die bezahlbare Wohnung, das bezahlbare Haus. Und das Grün.

Was ist mit denen, die schon immer in der Agglo lebten und nun die Veränderungen durch Wachstum und Zersiedlung erleben?

Es ist nicht so, dass diese Menschen rundum glücklich sind und über gar nichts fluchen würden. Aber keiner hat uns gesagt, dass er die Umgebung, in der er wohnt, hässlich findet. Denn: Die Gegend ist sehr grün. Das widerspricht der landläufigen Expertenmeinung über die Agglo, sie sehen in ihr noch immer einen grauen Siedlungsbrei.

In einem Interview haben Sie gesagt: «Nicht mehr in den Städten, sondern in den weitgefassten Vororten wird die Schweiz weiterentwickelt.» Wie meinten Sie das?

Das regionale Denken, mit dem man auf politischer Ebene so Mühe hat, haben die Menschen in der Agglo bereits verinnerlicht. Sie wohnen etwa in Würenlos, gehen nach Wettingen in die Gärtnerei oder kaufen in Baden im Bioladen ein. Viele Bürger sind da viel weiter als die Politiker.

Warum scheitern Fusionen dann trotzdem? Das Volk entscheidet ja.

Gemeindefusionen funktionieren dann, wenn der Leidensdruck gross ist. Viele Fusionen scheitern an Steuerfragen, unterlegt von Heimatverlustgefühlen.

Fällt es dem Schweizer schwer, seine Identität im Kleinen aufzugeben?

Die lokale Verbundenheit ist in der Schweiz vermutlich ausgeprägter, weil noch immer viele politische Entscheide auf Gemeindeebene gefällt werden. Trotzdem werden in Zukunft die Regionen wichtiger. Das ist auch richtig so. Allerdings darf diese Zusammenarbeit nicht zu einem Verlust an Mitsprache der Bürger führen.

Was für eine politische Haltung hat «Die Zeit Schweiz»? Sie haben schon Artikel veröffentlicht mit dem Titel: «Wie kann man die SVP stoppen?».

Wir sind definitiv kein politisches Projekt wie andere Tages- und Wochenzeitungen. Was wir aber haben, ist die Freiheit, das Kind beim Namen zu nennen. Bei der SVP-Geschichte haben wir sechs Experten eingeladen, diese Frage für uns zu beantworten, weil wir fest davon überzeugt waren, dass die SVP übermarcht. Wenn eine Partei beginnt, an der Säule unseres Wohlstandes und unseres Zusammenlebens zu rütteln, oder die Menschenrechtskonvention künden will, dann muss man ein Ausrufezeichen setzen und in Erinnerung rufen, warum es uns so gut geht.

Dann haben Sie ja eine Haltung.

Klar. Wir stehen für eine weltoffene Schweiz, die sich gegen die nationalkonservative Strömung stellt. In der Schweiz, in der ich leben möchte, soll Leistung zählen und nicht die Herkunft. Sie soll mit ihrem Reichtum auf verantwortungsbewusste Art umgehen. Sie soll sich in der Welt und in Europa engagieren und innenpolitisch versuchen, clevere Lösung zu finden, damit der Boom der letzten Jahre nicht als Bedrohung gesehen wird, sondern als Chance, das Land weiterzuentwickeln.

Warum wollte «Die Zeit» einen Schweizer Bund?

Nachdem man vor nunmehr zehn Jahren mit Erfolg einen Österreich-Teil der «Zeit» aufgebaut hatte, erkannten die Verantwortlichen in Hamburg, dass es auch in der Schweiz eine publizistische Lücke zu füllen gibt.

Welche Zeitungen lesen Sie?

Täglich die NZZ, den Tagi und Le Temps. The Economist, dann natürlich «Die Zeit», die WOZ, die Weltwoche und die Sonntagszeitungen. Zudem lese ich viel online.

Was müssen wir tun, damit Sie jeden Tag das «Badener Tagblatt» lesen?

Würde ich selber in Baden leben, würde ich das «Badener Tagblatt» abonnieren. Das, was vor der eigenen Haustüre passiert, interessiert. Wenn man diesen Journalismus gut macht, hat er eine grosse Zukunft, ob gedruckt oder online. Man muss aber den Finger dorthin legen, wo es wehtut. Gerade regional braucht es da viel Mut, denn diesen Leuten begegnen Sie immer wieder.

Gäbe es ein Badener Thema, das Sie in der «Zeit» gerne aufgreifen würden?

Ich bin gespannt, ob Mario Botta sein Bad tatsächlich bauen wird.