Bezirksgericht Baden
Der Blumenstrauss half bei seiner Angebeteten nicht – dann zückte der Täter das Messer

Ein 41-jähriger Türke stand vor dem Bezirksgericht Baden, weil er seine Ex-Freundin angegriffen und bedroht hatte. Er gab sich reuig, spielte seine Tat aber herunter.

Rosmarie Mehlin
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Erst drohte der Angeklagte, sich etwas anzutun, dann richtete er das Messer auch gegen seine Ex-Freundin. (Symbolbild)

Erst drohte der Angeklagte, sich etwas anzutun, dann richtete er das Messer auch gegen seine Ex-Freundin. (Symbolbild)

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Der 41-jährige Yusuf war verliebt in die elf Jahre jüngere Bahire (Namen geändert) – wahnsinnig verliebt. Rund drei Jahre hatte das Glück gedauert. Im Dezember 2018 aber machte Bahire Schluss. Nun sass der Türke, beschuldigt der einfachen Körperverletzung sowie der mehrfachen, teilweise versuchten Nötigung vor dem Bezirksgericht Baden: Yusufs Kampf um Bahires Liebe war schliesslich aus dem Ruder gelaufen. «Es ist geschehen, weil ich sie geliebt habe», liess er vor Einzelrichterin Gabriella Fehr im Verlaufe seiner Befragung übersetzen.

Nach der Trennung hatte er seiner Angebeteten SMS und Briefe geschrieben, sie angerufen und ihr Blumen vor die Tür gelegt. Bahire reagierte auf nichts von alledem. Selbst Yusufs Versuch, Kollegen als Vermittler einzuschalten, brachte keinen Erfolg. Während ihrer Beziehung hatten die beiden zwar nicht zusammen gewohnt, aber im selben Gebäudekomplex. So war die Trennung rein räumlich nicht vollends klar zu vollziehen. An einem Montag Ende Februar 2019 deponierte Yusuf einen Blumenstrauss vor Bahires Wohnung und passte sie, mit einem weiteren Blumenstrauss in der Hand, in der zugehörigen Parkgarage ab. Als Bahire dort eintraf, flehte Yusuf sie an, zu ihm zurückzukehren. Sie liess ihn einmal mehr abblitzen, worauf er ihr den Zutritt zum Lift versperrte und ein Messer zückte. Er richtete dieses gegen seinen Bauch und drohte, sich etwas anzutun. Es folgte eine Diskussion sowie ein Gerangel: Als Bahire schliesslich im Lift drin war, drängte er nach, hinderte sie, den Lift zu verlassen und leistete gleichzeitig ihrer Forderung, seinerseits den Lift zu verlassen, keine Folge.

Vielmehr packte Yusuf die Frau, packte sie am Hals, würgte sie und drückte sie zu Boden. Erst als die Lifttüre, die zwischenzeitlich zugegangen war, sich wieder öffnete, liess Yusuf von Bahire los. Damit aber waren sein Drängen und das damit verbundene Gerangel längst nicht zu Ende. Auf dem Stockwerk ihrer Wohnung angekommen, folgte er ihr in diese, fuchtelte erneut mit dem Messer herum und drohte, sich oder ihr damit etwas anzutun. Schliesslich gelang es Bahire, aus der Wohnung zu flüchten und beim Nachbarn zu klingeln, worauf Yusuf sich davonmachte.

Vor Einzelrichterin Fehr gab der 41-Jährige sich zwar zerknirscht und reuig, versuchte aber gleichzeitig sein Tun zu verharmlosen. Was sich im Lift zugetragen hatte, war jedoch von einer Überwachungskamera gefilmt worden. «Ich kenne mich so nicht», kommentierte Yusuf die Videoaufnahmen. Er sei nicht stolz auf das, was er getan, doch «ich habe auf Versöhnung gehofft, aber sie hat mich beschimpft und weggestossen.»

«Geld weg – Liebe weg»

Yusuf, Vater eines Fünfjährigen, hatte nach seiner Festnahme drei Monate in U-Haft – teilweise auch in der Psychiatrie – verbracht. Den Job in einer Shishabar hatte er bereits zuvor verloren. Er ist seit längerem arbeitslos – mangels entsprechenden Beitragszahlungen ohne Unterstützung. «Geld weg – Liebe weg», resümierte er verbittert an Bahires Adresse. Dank seiner Familie könne er überleben; die Alimente kann er seit Monaten nicht mehr bezahlen, die Höhe seiner Schulden «nicht so genau» beziffern.

Bereits Ende letzten Jahres war für Yusuf gerichtlich ein Kontakt- und Rayon-Verbot gegenüber Bahire verhängt worden, das er allerdings mehrfach missachtete: «Ich war ihr ergeben.» Seine Wohnung liege so nah zur ihrigen, dass sich allein beim Einkaufen Zusammentreffen nicht ganz vermeiden liessen, betont er, und woanders hinziehen könne er aus finanziellen Gründen momentan nicht. Die weitere gerichtliche Auflage einer ambulante Therapie bei einem türkischsprechenden Psychiater befolgt Yusuf.

Und wird sie – laut dem Urteil von Richterin Fehr, weiter befolgen müssen. Der Staatsanwalt hatte eine Freiheitsstrafe von 10 Monaten bedingt gefordert. Yusufs Verteidiger betonte die emotionale Ausnahmesituation, in der sich sein Mandant befunden habe sowie auf dessen Vorstrafenlosigkeit und plädierte für 6 Monate. Richterin Gabriella Fehr bezweifelte, dass Yusuf aus lauter Liebe vermindert zurechnungsfähig war: 10 Monate Freiheitsstrafe, bedingt auf drei Jahre, umfassendes Kontakt- und Rayon-Verbot mit höchstens 150 Meter Annäherung sowie Weiterführung der ambulanten Psychotherapie und 2000 Franken Genugtuung für Bahire – so das Verdikt.