Wettingen
Der Cellist, der mit geschlossenen Augen spielt und in der Nacht Stücke übt

Jérôme Pernoo spielte Bach-Suiten und ausserplanmässig eine Hindemith-Sonate, die er in der Nacht einüben musste. Grund: Sein Auftragskomponist hatte bei einer unfertigen Partitur resigniert und konnte diese nicht fertigstellen.

Matthias Steimer
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Jérôme Pernoo bietet seinen Zuhörern eine charismatische Darbietung. MST

Jérôme Pernoo bietet seinen Zuhörern eine charismatische Darbietung. MST

Matthias Steimer

Eigentlich hätten sie die Besucher der Wettinger Kammerkonzerte gar nicht hören sollen, die hochinteressante Hindemith-Sonate Op. 25 Nr. 3. Der Cellist Jérôme Pernoo studierte sie in einer nächtlichen Notfallübung ein. Denn sein Auftragskomponist Guillaume Connesson hatte ob einer unfertigen Partitur resigniert und eingestehen müssen, seine Komposition nicht vollenden zu können – einen Tag vor der geplanten Uraufführung im Margeläcker.

Bei den Wettinger Kammerkonzerten blieb keine Zeit, sich zu ärgern; der künstlerische Leiter, Cristoforo Spagnuolo, und Jérôme Pernoo einigten sich kurzerhand auf die besagte Sonate aus dem 20. Jahrhundert als Ersatz. Sie diente als exzellente stilistische Programmergänzung.

Der Fokus lag am Freitagabend auf Johann Sebastian Bach. Pernoo interpretierte dessen Suiten in G-Dur, d-Moll und Es-Dur für Violoncello solo. So wie es Bach vormachte, liess er Emotion und Technik zu einem brillanten Ganzen verschmelzen. Keine der vielen schier unmöglich zu spielenden Passagen brachte ihn aus dem Konzept – immerzu liess er seine Augen geschlossen, schaltete sozusagen den störenden Sinn aus und konzentrierte sich auf das Auditive und Taktile. Das Publikum erfreute sich an der charismatischen Darbietung, an einem voluminösen und dennoch zartsinnigen Klang, den Pernoo seinem Instrument entlockte.

Der vielseitige, international tätige Musiker Pernoo rundete den
64. Zyklus der Wettinger Kammerkonzerte (W:KK) ab. Diese standen erstmals unter der Leitung von Cristoforo Spagnuolo.

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