Bezirksgericht Baden

Der Einbrecher war erfolglos und ohne Motiv – und fand verständige Richter

«Wissen Sie, mein ganzes bisheriges Leben war eine einzige, ständige Therapie.» Der Angeklagte zur Gerichtspräsidentin

«Wissen Sie, mein ganzes bisheriges Leben war eine einzige, ständige Therapie.» Der Angeklagte zur Gerichtspräsidentin

Die Anklageschrift war 19 Seiten lang. 38 verschiedene Straftaten wurden ihm vorgeworfen. Ein Motiv für seine Taten hatte er aber nicht. Der erfolglose Einbrecher fand verständige Richter.

Armin ist ein schlechter Einbrecher. Ein ganz schlechter sogar. Mindestens neunmal hat er es versucht, doch seine Beute blieb bescheiden. Einmal erbeutete er auf seinen nächtlichen Streifzügen einen Fernseher, einmal einen Kugelschreiber im Wert von 50 Franken, ein anders Mal ein altes «Tom Tom»-Navigationsgerät.

Er stieg auch in eine Brockenstube in Wettingen ein und stahl eine Halskette und 400 Franken. Aus dem Badi-Kiosk in Bremgarten erbeutete er 800 Franken, aus einer Minigolfanlage klaute er Getränke, 100 Franken und eine Heckenschere. Natürlich wurde er erwischt, sass ein paar Tage in Untersuchungshaft, kam frei und setze seine nächtlichen Touren fort.

In einer nebligen Novembernacht war er ohne Fahrausweis, dafür mit einem frisch gestohlenen Auto unterwegs. Als ihn eine Polizeistreife bei der Autobahnausfahrt Baden/Dättwil stoppen wollte, entzog er sich mit einem halsbrecherischen Manöver der Festnahme. Er raste Richtung Birmenstorf, hatte die Polizei eigentlich schon abgehängt.

Doch da kam er in einer Kurve von der Strasse ab und prallte in ein Gewächshaus. Er blieb unverletzt und konnte fliehen. Doch als er zu Hause ankam, wartete bereits die Polizei auf ihn. Armin hatte blöderweise sein Portemonnaie mit allen Ausweisen im Auto liegen lassen. Also nicht nur ein schlechter Einbrecher, sondern auch ein dummer Autodieb. Fast scheint es, als ob Armin sich geradezu danach gesehnt hätte, erwischt zu werden.

«Endlich erwachsen werden»

Armin hat den grössten Teil seine Kindheit in Heimen verbracht. Heute lebt er bei seinem Vater, hat eine feste Stelle auf seinem angestammten Beruf. Er hat Schulden, sein Lohn wird gepfändet und vielleicht muss er sich umschulen lassen, weil eine Handverletzung die Arbeit auf dem Bau nicht mehr zulässt.

Armin bestreitet kein einziges Vergehen, kann aber kein Motiv nennen. Er bestätigt auch, dass er manchmal ausrastet. Das geschah auch, als er im Oktober 2014 im Bezirksgefängnis Baden eine Ersatzfreiheitsstrafe antreten sollte. Armin erschien zwar im Gefängnis, beschimpfte und bedrohte aber die Beamten derart, dass sie Verstärkung holen mussten.

Bei der Verhandlung vor dem Bezirksgericht spricht Armin leise, was er getan hat, scheint ihm peinlich zu sein; immer wieder wischt er sich verstohlen Tränen aus den Augenwinkeln. Wie er sich seine Zukunft vorstelle, fragt Gerichtspräsidentin Gabriella Fehr. Er möchte endlich erwachsen werden, antwortet Armin, eine eigene Wohnung haben, mit der Freundin zusammenleben, ein ruhiges und anständiges Leben führen.

Kein typischer Straftäter

Die Anklageschrift, die alle Vergehen von Armin fein säuberlich auflistet, ist 19 Seiten lang. Entsprechend hoch fällt den auch der Strafantrag des Staatsanwaltes aus. Armin soll schuldig gesprochen werden und für 42 Monate ins Gefängnis, er soll eine Geldstrafe von zu 30 Tagessätzen zu 30 Franken und eine Busse von 1000 Franken bezahlen. Zudem muss er für den Sachschaden von rund 40 000 Franken, den er bei seinen Einbrüchen angerichtet hat, aufkommen.

Armin erwecke nicht den Eindruck eines typischen Straftäters, entgegnete der Verteidiger. Es wäre wohl sinnvoll gewesen, ein psychiatrisches Gutachten zu erstellen. Leider sei das nicht geschehen. Armin würden insgesamt 38 verschiedene Straftaten vorgeworfen. Es sei nicht zulässig, nun einfach die Strafen für die Vergehen zu kumulieren. Zudem lebe Armin jetzt in geordneten Verhältnissen, soweit das für ihn möglich sei. Er brauche aber Begleitung. Entsprechend plädierte der Verteidiger für eine Geldstrafe von 360 Tagessätzen anstelle der Haft.

Das Gericht verurteilte Armin zu 30 Monaten Haft, 24 Monate davon sind bedingt ausgesprochen, plus Geldstrafe und Busse. Und er muss für den angerichteten Schaden aufkommen.

Armin schien erleichtert. «Ich empfehle Ihnen, eine Therapie zu beginnen», sagte die Gerichtspräsidentin. «Wissen Sie», erwiderte Armin, «mein bisheriges Leben war nichts anderes als eine einzige, ständige Therapie.»

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