Bei den letzten Nationalratswahlen verlor die Grünliberale Partei (GLP) fast die Hälfte ihrer Mandate, und auch bei den Aargauer Grossratswahlen 2016 musste sie einen Sitzverlust hinnehmen. In Baden und Wettingen hingegen reitet die GLP auf einer Erfolgswelle: In beiden Parlamenten konnte sie am Sonntag je zwei Sitzgewinne verbuchen und ist neu mit je vier Politikern vertreten. Wie lassen sich die Erfolge der 2007 gegründeten Partei erklären?

Beim Blick auf die Badener Einwohnerratsliste fällt ein bekannter Name auf: Gian von Planta. Er erlangte 2013 national Bekanntheit als Kopf des Nein-Komitees gegen das neue Fussballstadion Hardturm in Zürich; damals war er GLP-Fraktionschef im Zürcher Gemeinderat, dem Pendant zum Badener Einwohnerrat. Auch die zweite Neugewählte, Fiona Hostettler, ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, sie gehört dem Vorstand der jungen GLP Schweiz an.

Sander Mallien, Fraktionspräsident der Badener Grünliberalen, streitet nicht ab, dass seine Partei auch von den bekannten Namen profitiert habe; dies alleine reiche aber als Begründung für die Wahlerfolge bei weitem nicht aus. «Es ist auffällig, dass wir am vergangenen Wochenende auch in Zofingen sowie in Parlamenten anderer Kantone, etwa in Köniz und Lyss, Sitze dazugewonnen haben.» Die DNA der Partei habe sich in den vergangenen Monaten ein wenig verändert, auch weil der polarisierende Gründervater Martin Bäumle ins zweite Glied zurückgetreten sei. «Neue Vertreter unserer Partei stehen jetzt vermehrt im Rampenlicht, das lockt neue Wähler an, vor allem der jüngeren Generation.» In Baden verzeichne die GLP seit rund eineinhalb Jahren einen starken Mitgliederzuwachs.

In Wettingen hat die GLP ihren Wähleranteil gar verdoppelt und verbucht neu 7,3 Prozent. Bezirksparteipräsident Orun Palit, der am Sonntag als Einwohnerrat bestätigt wurde, nennt gleich mehrere Gründe, die zum Erfolg geführt haben. Allen voran fällt die Kandidaten-Liste auf. Vor vier Jahren waren es fünf Kandidaten, dieses Mal 20. «Wir haben bewusst auf viele Kandidierende gesetzt mit einem Frauenanteil von 55 Prozent und einer guten Altersdurchmischung», sagt Palit. Die Partei habe einen professionelleren Wahlkampf betrieben als noch vor vier Jahren. In Wettingen habe man nebst der umfangreichen Liste auf einen aktiven Wahlkampf auf der Strasse gesetzt. «Wobei unser Budget mit 7500 Franken bescheiden war.»

Zudem habe man mit den beiden neu gewählten Einwohnerrätinnen Manuela Ernst und Yvonne Hiller zwei bekannte und gut vernetzte Wettingerinnen auf der Liste gehabt. Dank Hiller, aber auch der bestätigten Einwohnerrätin und Grossrätin Ruth Jo. Scheier werde die GLP in Wettingen nicht mehr nur als Partei mit ökologischen und ökonomischen Themen angeschaut. «Beide setzen sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein», sagt Palit. Dadurch werde man auch als Familienpartei wahrgenommen. Wie vor vier Jahren brachte dieser Umstand zusätzliche Stimmen aus dem sozialdemokratischen Lager. Palit ist überzeugt: «Auch die Politik und Wahrnehmung der Partei auf nationaler Ebene färbt auf die Gemeindewahlen ab.» Mit Kathrin Bertschy (BE) habe die Partei eine Nationalrätin, die sich starkmache für gleichgeschlechtliche Ehe. «Dadurch werden wir auch als gesellschaftsliberale Partei wahrgenommen. Und mit dem Wechsel des Parteipräsidiums von Martin Bäumle zu Jürg Grossen sind wir positiv aufgefallen.»

Die SVP und die Image-Frage

Verluste hinnehmen musste hingegen die SVP – dies in allen drei Einwohnerräten des Bezirks, also in Baden (–2), Wettingen (–2) und Obersiggenthal (–1). Der Badener Fraktionspräsident Daniel Glanzmann sagt: «Wir hatten Schwierigkeiten, ein breites Kandidatenfeld für unsere Liste zu gewinnen. Das allgemeine Image der SVP, eine polarisierende Partei zu sein, führt in ländlichen Regionen zu Erfolgen, passt aber nicht so gut zur politisch sachlichen Kultur in Baden.» Es gebe nicht viele, die sich hier das SVP-Etikett anheften möchten, «obwohl wir in der Stadt sicher keine typische SVP-Politik betreiben». Er ist überzeugt, dass die gemässigte Politik auch in Zukunft der richtige Weg sei. «Wir müssen uns aber darum bemühen, bekannte Leute wie Gewerbe-Vertreter, Juristen oder Lehrer für unsere Liste zu gewinnen, damit wir wieder salonfähiger werden.»

In Wettingen musste die SVP den Verlust ihres Gemeinderatssitzes hinnehmen. Daniel Huser tritt auf Ende Jahr zurück, und Daniel Notter konnte den Sitz am Wochenende nicht verteidigen. In Kreisen der nicht SVP-Politiker heisst es, Notter wäre zwar ein sehr fähiger Kandidat gewesen, doch er sei im Dorf weniger bekannt und vernetzt als Markus Haas (FDP), der in Wettingen aufgewachsen ist und die Wahl schaffte.

Im Wettinger Parlament ist die SVP zwar mit 11 Sitzen weiter zweitstärkste Partei, sie verlor aber einen Sitz. Bei der Parteispitze herrschte zumindest bis gestern Abend noch Ratlosigkeit ob der doppelten Niederlage. Die Partei werde sich am Abend zu einer Sitzung treffen und die Resultate analysieren. Auffallend: Die SVP-Kandidaten konnten wenig Stimmen aus anderen Lagern holen. «Das wird eines der Themen sein, das wir genau anschauen müssen», sagt Ortsparteipräsident Jürg Baumann. Ob die Partei den Fokus zu sehr auf die Finanzen gelegt hat und andere Themen zu wenig bespielte? «Das glaube ich nicht. Die anderen bürgerlichen Parteien haben ihren Fokus auch auf die Finanzen gelegt, weil es derzeit das bestimmende Thema ist.»