Montagsporträt

Der Fotograf mit sechs Fingern — sein Geburtsgebrechen bezeichnet er als «Laune der Natur»

Der Ennetbadener Nicolas Petit ist trotz Behinderung an seinen Armen ein erfolgreicher Fotograf.

Der Ennetbadener Nicolas Petit ist trotz Behinderung an seinen Armen ein erfolgreicher Fotograf.

Im Porträt: Fotograf und Grafiker Nicolas Petit hat sich trotz Geburtsgebrechen zum selbstständigen Unternehmer gemausert.

Wenn Nicolas Petit für das Badener Tagblatt mit einer Kamera posiert, muss man zwei Mal hinschauen: Er hat nur sechs statt zehn Finger und seine Arme sind zu kurz. Der 38-Jährige wurde mit Dysmelie geboren, einer seltenen Fehlbildung der Extremitäten.

Mit fünf Jahren wurde ihm das rechte Handgelenk fixiert und aus zwei Fingern ein Daumen konstruiert. Das erleichtert das Greifen nach Gegenständen. «Sie müssen noch ein Bild machen, wie ich arbeite. Denn wenn die Leute mich sehen, nimmt es sie zuallererst wunder, wie das mit meinen Armen überhaupt geht», ergänzt der attraktive Fotograf in seinem Atelier am Postplatz Ennetbaden.

Sein Geburtsgebrechen bezeichnet er als «Laune der Natur». Längst hat er sich an die verstohlenen Blicke gewöhnt und spricht am liebsten offen über seine Beeinträchtigung, die er gar nicht als solche empfindet. «Gehadert habe ich mit meinem Schicksal fast nie. Ich kann alles machen wie andere auch. Einfach auf meine Art», sagt der gebürtige Langenthaler, der in Basel und im Elsass aufwuchs.

Inszenierung von Nicolas Petit für seinen neuen Kalender.

Inszenierung von Nicolas Petit für seinen neuen Kalender.

Er kramt in einer Schublade mit Dekor und Fotozubehör. Am 6. November 2019 soll sein Postkartenkalender «Kleine Bäder» erscheinen. Dafür hat Petit mit 2 Zentimeter grossen Eisenbahnfigürchen «Badeszenen» kreiert, die er vor verschiedenen Orten wie der Ruine Stein, dem Bäderquartier oder dem Schartenfels ablichtete. Entstanden ist eine originelle und witzige Interpretation der alten Badekultur von Baden.

«Manchmal dauert die Nachbearbeitung stundenlang, bis alles perfekt ist», erklärt Petit mit funkelnden Augen. Denn erstens ist er selbstkritisch, zweitens hegt er eine enorme Leidenschaft für seinen Job. Dass er seit 10 Jahren selbstständig als Fotograf und Grafiker in seinen eigenen Räumen arbeitet, ist sein ganz persönlicher Triumph. Der berufliche Weg von Nicolas Petit war nämlich mit einigen Hindernissen gepflastert.

Die IV sah in ihm einen Rentenbezüger

«Sorry, du bist behindert. Geh zur IV, die kann dir besser helfen», hiess es einst, als sich Nicolas Petit nach Abschluss der Rudolf-Steiner-Schule in Basel bei einem Berufsberater Tipps für seine Zukunft holen wollte. Auch die IV sah in ihm bereits einen Rentenbezüger und machte anfänglich keinerlei Anstalten, ihn in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Dabei hatte der junge Mann nur einen Wunsch: «Ich wollte unbedingt einen Job, der mir Freude macht und mit dem ich mein eigenes Geld verdienen kann.»

Sein Traum, Grafiker zu werden, scheiterte im ersten Anlauf. Nach einer gestalterischen Grundausbildung in Luzern wurde er von der Kunstgewerbeschule abgelehnt. «Ich fiel aus allen Wolken und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen soll», erinnert sich Petit. Er versuchte sich in verschiedenen anderen Berufen, aber nichts schien zu fruchten. Licht ins Dunkel kam dann doch noch durch die IV, die ihn an eine private Schule vermittelte. Dort konnte er endlich die Ausbildung zum Grafiker machen und schloss mit 25 Lenzen als Klassenbester ab.

Von da an ging es aufwärts. Es folgten Praktika auf verschiedenen Agenturen. «Ich kreierte die ersten Broschüren, schuf mir mit der Zeit eine kleine Klientel und wagte schliesslich den Schritt in die Selbstständigkeit.» Petits erster grosser Kunde war die Privatklinik von Professor Hermann F. Sailer in Zürich und Gründer der Stiftung Cleft-Children International. Dieser operiert mit einem Ärzteteam in Indien bettelarme Kinder, die mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte oder anderen Deformationen geboren werden.

Petit reiste in seinem Auftrag nach Chennai, Mumbai, Kalkutta und Hyderabad und begleitete die kleinen Patienten am Tag ihrer Operation. «Dank meiner eigenen Biografie konnte ich sehr viel einbringen», sagt Petit. Zum Grafikgeschäft kam in dieser Zeit das Fotografieren dazu. «Alles, was ich brauche, habe ich mir mit E-Learning, Workshops und Fachliteratur beigebracht», erzählt der Alleinunternehmer und schaut sich in seinem Ennetbadener Atelier um, das er vor drei Jahren gemietet hat. Dank seines Verdienstes konnte er nach und nach ein professionelles Fotostudio aufbauen und zählt Stiftungen, Schulen, KMU und Privatpersonen zu seinen Kunden.

Phasen, in denen Petit an sich zweifelte

Das Credo von Petit entstammt aus dem Buch «Der einarmige Judo-Champion», in dem steht, wie man mit eigener Kraft aus jedem Nachteil einen Vorteil machen kann. «Ich musste das ganze Leben lang für sämtliche Handgriffe – und seien sie noch so alltäglich – meine eigene Lösung finden. Deshalb bin ich unglaublich kreativ geworden.»

Den Bürotisch, an dem er arbeitet, hatte er sich für seine Bedürfnisse zurechtgesägt. Er ist ständig am Ausprobieren und Optimieren. Seine körperliche Beeinträchtigung hat ihm grosse Stärken in anderen Bereichen verliehen. Gemobbt wurde Petit in der Schule zwar selten. Trotzdem hatte er Phasen, in denen er an sich zweifelte. ««Als ich im Kinderhort zum ersten Mal merkte, dass ich mit meinen deformierten Armen anders aussah als meine ‹Gspänli›, hatte ich einen Schock. Ich wollte mich nur noch verstecken.»

Die zweite Krise kam in der Pubertät. «Ich verstand mich gut mit Frauen. Aber für sie war ich immer bloss der Kollege.» Mittlerweile ist er seit 4 ½ Jahren mit der Physiotherapeutin Mona zusammen. Das Paar lebt gemeinsam mit Sohn Kian in Ennetbaden und teilt sich die Erziehung des 2-jährigen Sprösslings auf.

«Jeden Donnerstag ist Papa-Morgen, dann kutschiere ich den Junior in meinem Cargo-Velo herum», sagt der Familienmann. Und verrät, dass er in jungen Jahren Bike-Marathons gefahren sei. Dem Mitleid, das ihm oft entgegenschlägt, kontert er mit Humor. «Wenn mich jemand zum x-ten Mal fragt, wie ich mit nur drei Fingern pro Hand überhaupt fotografieren könne, frage ich zurück, wie das denn mit fünf pro Hand möglich sei. Ich hätte mit so vielen Fingern ein ‹Gnusch›», witzelt Nicolas Petit und zeigt sein entwaffnendes Lächeln.

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