Sie arbeitete Tag und Nacht für den «Sonnenblick» und ihre Praxis. Die Gynäkologin Nathalie Senn hoffte bis zur Schliessung auf eine Lösung. Jetzt macht sie einen Neuanfang.

«Ich habe mich finanziell am ‹Sonnenblick› beteiligt, auch wenn ich wusste, dass es wohl nicht funktionieren würde», sagt Nathalie Senn. «Ich wollte die Arbeitsplätze retten. Meine Philosophie von Arbeit und Betreuung wurde im ‹Sonnenblick› gelebt.» Die Gynäkologin, die als Belegärztin für die Klinik Sonnenblick gearbeitet hatte, führt in der leeren Wettinger Klinik noch immer ihre eigene Praxis. «Der Geist des ‹Sonnenblicks› ist tot», sagt Senn.

Die Schliessung war ein Schock

Am 25.Mai wurde die beliebte Geburtsklinik per sofort geschlossen. Finanzielle Probleme waren schon lange bekannt. 2008 konnte der «Sonnenblick» nur mit einer Notlösung gerettet werden. Die Klinik Sonnenblick AG wurde neu gegründet und die Ärzte Thomas Hofer, Toni Locher, Walter Siegrist, Bruno Wüthrich und Nathalie Senn liessen sich finanziell und operationell einbinden. «Ich habe 100000 Franken reingesteckt. Dass ich mich trotz Unsicherheit beteiligte, war eine emotionale Sache. Ich habe teures Lehrgeld bezahlt.»

Die fünf Aktionärsärzte haben ihren operativen Arbeitsplatz und Geld verloren. «Wir müssen mit einem grossen Minus neu beginnen», sagt Senn. Das wird sie auch tun: Bald eröffnet Senn ihre Praxis an der Hardstrasse 47 in Wettingen.

Traditionelle Chinesische Medizin

Sie freut sich: «Ich kann jetzt wieder aufstarten und neu beginnen.» Die 44-Jährige macht seit 2006 eine Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin mit Schwerpunkt Geburtshilfe. In der neuen Praxis entstehen ein Akupunkturzimmer sowie ein Raum für psychotherapeutische Sitzungen in Kooperation mit einer Psychologin. «In meiner Praxis sollen Mensch, Körper und Geist ganzheitlich gesehen werden. Unter dem Motto ‹Körpersinn›.»

Nathalie Senn, die selber im «Sonnenblick» zur Welt kam, betreibt seit 2003 die gynäkologische Praxis im «Sonnenblick». «Die damalige Klinikleitung wollte innovativ sein und neue Ärzte an Bord holen», sagt Senn. Im Nachhinein sei sie wohl naiv gewesen, dass sie zugesagt habe, denn es bröckelte schon damals.

Doch für die Praxis in der Klinik gab es auch Vorteile. Senn: «Ich konnte jederzeit bei den Patientinnen vorbeischauen und so eine gute Betreuung bieten. Klinik und Praxis befruchteten sich gegenseitig.» Das Personal sei zufrieden gewesen, die Atmosphäre gut. Das habe sich auch in der Betreuung gezeigt. «Es wurde liebevolle Arbeit geleistet und das schätzten die Patientinnen. Wo und wie man geboren wird, ist wichtig.»

Senn konnte ihren Patientinnen zu 90 Prozent garantieren, dass sie die Geburt leiten werde. «Dies war ein grosses Plus dieser Klinik: Die Paare wussten, dass ihre Ärztin oder Arzt die Geburt und das Wochenbett betreuen würden.» Geburtshelferin zu sein, ist eine Berufung für Nathalie Senn. Sie leitete etwa 100 Geburten im Jahr. Als Belegärztin hatte sie in den letzten sieben Jahren fast permanent Pikettdienst. «Für das tägliche Wunder, die Geburt eines Kindes, steht man aber gerne morgens um vier Uhr auf.» Senn hat selber zusammen mit ihrer Partnerin zwei kleine Kinder.

«Aufarbeitung» ohne Antworten

Obwohl die Situation der Klinik prekär war, haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mit dieser plötzlichen Schliessung gerechnet. «Auch ich hätte nicht gedacht, dass es so drastisch ist», sagt Senn. «Es ist traurig, denn etwas ganz Grosses ist gestorben.» Honorare für die letzten vier Arbeitsmonate haben die Aktionärsärztin und -ärzte nicht bekommen. «Irgendwann haben wir resigniert und darauf verzichtet», sagt Senn.

Vier Monate lang gab es keinerlei Informationen seitens der Verantwortlichen. Eine «Aufarbeitung» mit den Verwaltungsräten und Aktionären hat zwischenzeitlich stattgefunden, für Senn ohne neue Erkenntnisse: «Ich bin wohl wirtschaftsökonomisch zu ungebildet», sagt Senn. «Es gab viel Schulterklopfen untereinander. Und niemand will schuld sein.»