Wir steigen über Pfützen, Holzplanken und kleine Tropfsteinsäulen. «Aus diesem Loch schaut oft eine Ratte», sagt Silvia Hochstrasser und schenkt zur Beruhigung ein Gläschen Münzlishauser Apfelschnaps aus. Das macht sie meistens so auf ihren Führungen durch die Badener Unterwelt.

Auf unserer Tour begleitet uns der Historiker Fabian Furter, der über diese grössenwahnsinnige Bunkeranlage geforscht hat. Denn was in Baden viele vom Hörensagen kennen, aber nicht genau wissen: Tief im Schlossberg liegt eine Stadt unter der Stadt.

1958 heisst es in der Zeitschrift «Zivilschutz»: «Baden liegt nicht nur in Grenznähe und in einem Verkehrsengnis, es ist auch Sitz des grössten Industriebetriebes der Schweiz und kann je nach strategischen Überlegungen das Ziel eines lohnenden Luftangriffs sein. Die Stadt hat darum allen Grund sich vorzusehen.»

Mit dem Engnis ist die Limmatklus gemeint, mit dem Industriebetrieb der Elektrokonzern Brown, Boveri & Cie., die BBC. 1958 herrscht Kalter Krieg, in Amerika ist Weltkriegsgeneral Eisenhower Präsident, die Sowjetunion will eine Atombombe auf dem Mond zünden – mittendrin die unbedeutende, reiche Schweiz. Die Stadt hat sich in der Tat vor einem Atomkrieg vorgesehen und den «grössten Fuchsbau der Schweiz» (so der Titel im «Zivilschutz») geplant.

Nur ein Drittel realisiert

60 Jahre später stehen wir an einem Sommertag tief unter dem Schlossbergplatz und bewundern die Ruinen der riesigen Zivilschutzanlage. «Es war ein gigantisches Werk. Man hatte das Gefühl, dass man die Welt im Griff hätte», sagt Hochstrasser im ehemaligen Heizkeller, in dem immer noch die elektrischen Steuerungskästen stehen.

Furter ergänzt: «Man muss sich immer vor Augen halten, was damals für eine Stimmung herrschte. Baden war ein Hort der Ingenieurskunst.» Man habe sich hohe Bundessubventionen erhofft und einfach angefangen, zu bauen. Eine Gruppe aus hohen Militärs und Ingenieuren der BBC – oft waren sie beides gleichzeitig – drängte darauf, in Baden ein Exempel zu statuieren.

Verwinkelte Zugänge gegen den Bombendruck

«Alles ist möglich», sei damals die Devise gewesen, so Furter. In der jüngsten Badener Stadtgeschichte schrieb er: «Nur im historischen Kontext ist das wahnwitzige Bauvorhaben einigermassen nachvollziehbar.» Der Kalte Krieg habe zusammen mit dem Aufschwung und den technischen Revolutionen der Zeit «eine sonderbare Melange» gebildet, die zu massiven Fehleinschätzungen geführt habe.

Realisiert wurde nur etwa ein Drittel der Bunkeranlage, die nie richtig in Betrieb war. Der Fels unter der Schlossruine Stein erwies sich bald als zu bröckelig und die Felsendecke als zu dünn. Im Vollausbau hätte es acht Eingänge und vier grosse Kavernen für die Bevölkerung und die Stadtverwaltung gegeben.

Die Zugänge sind alle abgewinkelt, um den Druck von Bomben abzumildern. Man hätte für 5000 Menschen täglich eine warme Mahlzeit gekocht. Zwei Wochen lang sollten sie hier unten autonom überleben können, mit frischem Trinkwasser, einem Notspital, Schlafsälen und Aufenthaltsräumen.

Im unterirdischen Saalbau mit 735 Sitzplätzen sollte es Unterhaltung und Gottesdienste geben. In Friedenszeiten sollte der Bunker als Parkhaus für 400 Autos dienen, der Saalbau sollte zum neuen Stadtsaal werden.


Badenfahrt-Reliquien und alte Weihnachtsbeleuchtung

Bis vor kurzem gab es hier unten noch riesige Belüftungsmaschinen mit Dieselantrieb. Sie wurden beim Bau des benachbarten Theaterplatz-Parkhauses durch eine moderne Notbelüftung ersetzt, die durch den Betonturm über dem Manor die Luft ansaugt.

Wir kommen auf unserer Führung durch den neuen Bustunnel und die Tunnelgarage, die ein Überbleibsel der Anlage ist. Im «Schnegg», der Abfahrt der Garage, lagern heute die alte Badener Weihnachtsbeleuchtung, Badenfahrt-Reliquien, allerlei Baumaterial und alte Plakate. Ein Päckchen Astor-Zigaretten: 1.30 Franken.

Die Sechzigerjahre waren in Baden die Zeit der grossen Verkehrssanierung. Der Eisenbahntunnel durch den Schlossberg musste damals dem Strassentunnel weichen, damit die Altstadt endlich von den Verkehrslawinen befreit wurde. Das war die Gelegenheit, noch tiefer in den Berg zu graben: Das Projekt der sogenannten «Vollverlegung der Eisenbahn » sah vor, einen neuen Badener Bahnhof unterirdisch in den Schlossberg zu bauen.

Man entschied sich 1955 dann doch nur für die «kleine Bahnverlegung» – dafür sollte eben der Atombunker gebaut werden. Jetzt donnern hier unten dicht neben uns die Schnellzüge nach Zürich durch den Tunnel.


«8 Millionen Franken verlocht»

1978 begrub der zwischenzeitlich neu geschaffene Badener Einwohnerrat das Projekt der Zivilschutzanlage endgültig. Der Stadtrat schrieb in seiner Kreditabrechnung, dass es «wohl doch etwas zu grosszügig angelegt» gewesen sei.

Der gigantische Bunker, dessen Ruine heute vor allem als überdimensionierte Abstellkammer dient, kostete die Stadt Baden 7,9 Millionen Franken. «Man hat sozusagen 8 Millionen einfach verlocht», sagt Furter. Und: «Die verantwortlichen Kreise wurden nicht müde, die Fehlplanung schönzureden.»


Ein Stück der Bunkeranlage im Schlossberg wird wieder begehbar sein, wenn im August die renovierte Tunnelgarage eröffnet wird. Durch die unzugänglichen Teile begleitet Silvia Hochstrasser auf ihren Stadtführungen (etwa «Baden und seine geheimnisvollen Keller», mehr Informationen unter www.fuehrungenbaden.ch oder Tel. 056 221 11 19).