«War es ein Schildbürgerstreich, ein Deal unter Freunden oder ein cleveres Vorgehen eines gewieften Kunstsammlers?» Mit diesen Worten beginnt ein Leserbrief, den die Badenerin Marita Knecht zum Verkauf einer Skulptur aus der Kunstsammlung der Stadt Baden verfasst hat. Es handelt sich dabei nicht um irgendeine Skulptur: Der Künstler Franz Pabst schuf für den neu gestalteten Cordulaplatz 1969 einen Hahn aus Kupferblech.

Die Skulptur ist eng mit der Stadtgeschichte verbunden: Sie symbolisiert den Hahnenschrei am Tag der heiligen Cordula anno 1444, als Zürcher Truppen die Stadt Baden überfielen und durch das Mellingertor einzudringen versuchten. Die Skulptur stand früher exakt an der Stelle des 1874 abgebrochenen Mellingertors.

Beim jüngsten Umbau des Schulhausplatzes und der Neugestaltung der Cordulapassage entschied die städtische Kunstkommission 2016, dass der Güggel – ein Werk der städtischen Kunstsammlung – nicht wieder aufgestellt werden sollte. Mittlerweile ist die Skulptur an den Dättwiler Unternehmer und Kunstsammler Christoph Schoop verkauft worden. Marita Knecht versteht nicht, dass die Stadt ein so symbolträchtiges Kunstwerk verkauft. Sie wünscht sich, dass der «Schildbürgerstreich» rückgängig gemacht wird. Das ist aus Sicht des Stadtrats nicht möglich, da der Cordulaplatz beim Umbau des Schulhausplatzes völlig neu gestaltet worden sei. Im vergangenen Juni wurde hier zudem der «Stack» des Künstlers Kilian Rüthemann als neue Kunst am Bau aufgestellt.

Eng mit Baden verbunden

Auch wenn heute nicht mehr viele wissen, wer Franz Pabst war, ist eines klar: Er war nicht irgendein Wald- und Wiesenkünstler. Er wurde 1927 in Gebenstorf geboren und wuchs in Brugg auf. 1943-47 absolvierte er eine Lehre als Maschinenbauer bei Brown, Boveri & Cie. in Baden. Nach der Lehre schrieb er sich für drei Semester an der Kunstgewerbeschule in Zürich ein, danach studierte er an der Rijksakademie in Amsterdam und an der École nationale supérieur des beaux-arts in Paris.

Die Pariser Zeit und regelmässige Besuche in Theatern und Museen, in der Oper und im Ballet prägten ihn, wie in seiner Biografie zu lesen ist. 1955 kehrte Pabst in die Schweiz zurück und richtete in Riniken sein erstes Atelier ein. Nach einem vierjährigen Werkaufenthalt in der Provence kam er 1967 nach Baden, wo er jahrelang mit seiner Familie lebte und in seinem Atelier wirkte: Hier zeichnete er, schuf Holz- und Metallplastiken und gestaltete zahlreiche Plätze und Brunnen – etwa den Quellenbrunnen im Kappelerhof, den grossen Neumarkt-Brunnen in Brugg, den Platz um die Friedhofskirche Brunnenwiese in Wettingen, den Platz beim Schulhaus Untersiggenthal oder die Eicheln vor dem Gemeindehaus Würenlingen. Pabst starb im Januar 2000 im solothurnischen Fulenbach.

Stadtrat erkennt Versäumnis

Marita Knecht ärgert sich in ihrem Leserbrief nicht zuletzt über die fehlende Information der Stadt und über den Verkaufspreis, den die Kunstkommission verlangt hat: 5000 Franken. Die Preise für Pabsts Skulpturen hätten sich schon vor 50 Jahren zwischen 5000 und 15 000 Franken bewegt. Der heutige materielle Wert sei deshalb sehr schwer festzulegen. In einem ausführlichen Brief antwortete der Badener Stadtrat im November auf einige Fragen, die ihm Marita Knecht gestellt hatte. Den Verkaufspreis habe man aufgrund von Erfahrungswerten und Vergleichen mit ähnlichen Objekten veranschlagt.

Wie aus der Antwort des Stadtrats auch klar wird, kam Christoph Schoop mit der Anfrage auf die Stadt zu , ob er die Skulptur kaufen könne. Sie wurde 1969 in der Werkstatt der Spenglerei Schoop gefertigt, weshalb auch er eine persönliche Verbundenheit zu dem Kunstwerk habe. Der Stadtrat ist überdies aber einsichtig, dass der Verkauf nicht optimal über die Bühne ging. Er schreibt in seiner Antwort fast reumütig: «Der Stadtrat erkennt im Nachhinein, dass es ein Versäumnis war, die Skulptur ohne vorgängige Information der Erben von Franz Pabst und nahestehenden Personen zu verkaufen. Es war nie beabsichtigt, durch die fehlende Information Gefühle von Beteiligten zu verletzen.»

Stadtrat und Kulturvorsteher Erich Obrist (parteilos) sagt auf Nachfrage: «Die Kunstkommission war sich der grossen emotionalen Verbundenheit zur Skulptur – auch durch die Person Franz Pabst – nicht bewusst.» Trotzdem sei es aus seiner Sicht kein schlechter Entscheid gewesen, den Hahn zu verkaufen. Es sei eine Win-win-Situation, da die Skulptur in der Dättwiler Husmatt wieder an einem öffentlichen Ort aufgestellt werden soll. «Am Cordulaplatz hatte der Hahn keinen Platz mehr, er wäre für ungewisse Zeit im Lager des Werkhofs verschwunden.» Ein Verkauf an einen Privaten sei eine Ausnahme. Aber die Neuplatzierung von Kunstwerken in der Stadt sei ein ständiges Thema, wie Obrist sagt, der die Kunstkommission ex officio präsidiert. So würden etwa zwei grosse Objekte, die bisher bei den Schulhäusern Burghalde und Pfaffechappe standen und den Umbauarbeiten weichen müssen, bald in den Kulturweg an der Limmat integriert.

Es komme selten vor, dass Werke aus der städtischen Kunstsammlung verkauft werden, ergänzt Patrick Nöthiger, Leiter der Abteilung Kultur und Aktuar der Kunstkommission. «Es gibt aber oft Diskussionen, wie man mit beschädigten oder in die Jahre gekommenen Werken umgehen soll. Oberste Prämisse ist immer, dass Objekte erhalten bleiben.» Den Vorwurf, es sei womöglich etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen, entkräftet Nöthiger. Es gebe keine Auflagen, die Öffentlichkeit über einen Verkauf zu informieren, bestätigt Nöthiger. Er räumt aber auch ein, dass die Stadt etwas aktiver hätte vorgehen können. «Dieser Fall führt sicher dazu, dass die Kunstkommission in Zukunft der Kommunikation eine erhöhte Sensibilität einräumt.»

Symbol für die Badener Fasnacht

Ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher zeigt auch: Der «Güggel» war schon einmal im Exil im Werkhof. In den Badener Neujahrsblättern 2014 beschreibt Natalie Flückiger als Historikerin und begeisterte Fasnächtlerin die Skulptur in einem sehr lesenswerten Essay unter dem Titel: «Güggel oder Gockel – bloss eine Skulptur oder gar ein Denkmal?»

1984 wurde der «Güggel» ein erstes Mal vom Cordulaplatz entfernt. Die «Vereinigten Fasnachts Gruppen Baden» bemühten sich über Jahre, den Hahn zurück in die Stadt zu holen. Als Symbol für die Badener Bögge Nacht und bald schon für die ganze Badener Fasnacht bekam er eine neue Bedeutung. Nach langen Hin und Her und einer «Champagnerwette» wurde die Skulptur 1995 auf einem neuen Betonsockel vor der Cordulapost wieder aufgebaut – und vier Jahre später mit der Inschrift versehen: «Kräht der Hahn auf dem Mist/ so ändert’s Wetter, oder’s bleibt, wie’s ist./ Doch hier auf dem hohen Sockel/ kräht er stolz als Badens Fasnachts-Gockel.» Ob Franz Pabsts Hahn in Dättwil immer noch als Fasnachts-Gockel durchgeht, bleibt abzuwarten.