Montagsporträt
«Der Islam ist nicht schlecht – er bedeutet Frieden und Toleranz»

Die Reise war lang und beschwerlich: Die Afghanin Belqis Akbari flüchtete mit Schleppern in die Schweiz; heute betreut die Wahl-Wohlenschwilerin selber Asylsuchende.

Sabina Galbiati
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In dieser Asylwohnung betreut Belqis Akbari eine Familie aus Somalia. Chris Iseli

In dieser Asylwohnung betreut Belqis Akbari eine Familie aus Somalia. Chris Iseli

Chis Iseli

Basel 1999: Die Beamten in der Asylunterkunft durchsuchen den kleinen schwarzen Rucksack der Familie Akbari. Sie finden ein Brot und schmeissen es in den Abfall. «Mein Gott, ich hätte weinen können», erinnert sich die Afghanin Belqis Akbari heute.

Mit dem letzten Geld, das ihr Mann damals im Unterhemd versteckt hatte, habe er an jenem Morgen für sie und den 5-jährigen Sohn einen Krustenkranz gekauft. «Wir wollten das Brot erst essen, wenn wir in Sicherheit sind», erzählt Akbari.

Während zweier Monaten floh die Familie von Afghanistan in den Westen. Ihre Schlepper hatten ihnen ab und zu eine Scheibe Brot und etwas Tee gegeben. Endlich in der Asylunterkunft angekommen, nahmen die Beamten in Gewahr, was sie noch bei sich trugen – Hausschlüssel und alte Fotos. Akbari hatte sie kurz vor der Flucht in die einzigen Kleider eingenäht, die sie bei sich hatten – jene an ihrem Leib. «Die Sicherheitsvorkehrungen waren sehr streng. Nichts durften wir behalten. Sie untersuchten uns am ganzen Körper.»

Wohlenschwil Ende 2014: Der Esstisch in der neuen Wohnung ist für Gäste hergerichtet. Zimtsterne, Brunsli und Mailänderli liegen auf einer Schale; Baumnüsse, Mandeln, getrocknete Maulbeeren in einer zweiten. Belqis Akbari kocht Wasser auf für Schwarztee und erzählt von ihrer Flucht. Ihren eigenen Vater hat sie mit drei Jahren verloren. Die Leiche habe man nie gefunden. Zu weltoffen sind die beiden Väter der Familien gewesen, zu tolerant gegenüber Andersdenkenden. 1999 in Afghanistan konnte das ein Todesurteil sein. Die Taliban waren an der Macht.

Die historischen Minarette in Herat, der Heimatstadt von Belqis Akbari. Sie kleidete sich damals ähnlich wie die Frau auf dem Bild.

Die historischen Minarette in Herat, der Heimatstadt von Belqis Akbari. Sie kleidete sich damals ähnlich wie die Frau auf dem Bild.

KEYSTONE

Was genau war passiert, dass Sie und Ihre Familie so plötzlich fliehen mussten?

Das kann ich Ihnen sagen, aber Sie dürfen es nicht in die Zeitung schreiben.

Wieso?

Ich befürchte, dass es in falsche Hände geraten könnte, schreiben Sie es bitte nicht.

Belqis Akbari schenkt Tee ein und erzählt weiter. «Wir fuhren mit dem Auto von Kabul nach Herat und über die Grenze nach Turkmenistan. Dort bestiegen wir ein Flugzeug. Wo wir gelandet sind, weiss ich nicht. Es muss ein Nachbarland von Russland gewesen sein. So wie die Leute sprachen», sagt sie mit leiser Stimme.

Schlepper verraten ihre Routen nicht. Sie fürchten, dass die Flüchtlinge die Wege später der Polizei verraten. «Von irgendwo liefen wir los, durch die Landschaft, immer nachts, manchmal bis zu elf Stunden. Tagsüber versteckten wir uns in Scheunen.» 50 Flüchtlinge seien sie gewesen. «Die Schlepper haben uns herumgeschickt wie Postpakete», sagt Akbari und lacht. Überhaupt lacht die heute 38-Jährige viel und besonders dann, wenn sie schlimme Dinge erzählt. Es klingt wie ein verlegenes Lachen. Eines, mit dem man böse Erinnerungen entwaffnet.

Die damals 23-jährige Akbari und ihre Familie wollten eigentlich nie in die Schweiz fliehen, sondern nach Holland oder Deutschland. «Die Schweiz kannten wir nur wegen der Schokolade», sagt sie. Doch bevor der Zug von Basel nach Amsterdam losfuhr, griffen Grenzpolizisten die junge Familie auf und schickten sie in die Asylunterkunft.

Die Polizei bewacht Herats Strassen.

Die Polizei bewacht Herats Strassen.

KEYSTONE

Erst ein knappes Jahr später, im April 2001, konnten sie in Wohlenschwil eine Asylwohnung beziehen und ein neues Leben aufbauen. Um sich und ihren Sohn im Dorf zu integrieren, engagierte sich Akbari beim Mittagstisch in der Schule. Wenige Monate später passierten die Anschläge von 9/11. «Von da an waren wir nach Meinung von manchen Jugendlichen die ‹Scheiss-Islamisten› und mit Osama Bin Laden verwandt. Besonders mein Sohn wurde beschimpft.» Das sei sehr verletzend gewesen. «Der Islam ist nicht schlecht. Er bedeutet Frieden und Toleranz, doch diese Leute, die uns und andere terrorisieren, missbrauchen unsere Religion.»

Seit vier Jahren trägt Akbari kein Kopftuch mehr. «So fühle ich mich sicherer und die Leute sind freundlicher.» Der zweite Sohn – ein Nachzügler – bekam einen westlichen Namen, damit er wegen seiner Religion nicht gehänselt wird. In der neuen Wohnung hat sie eine orientalische Ecke mit Teppichen und dazu passenden Sitzkissen eingerichtet. «Ich wollte meine alte Heimat mit der neuen verbinden», sagt sie und deutet auf das noch verhüllte Sofa und den Stubentisch nebenan. Sie sei dankbar für ihr neues Leben. «Aber dass ich nicht so gut Deutsch spreche und es zuwenig trainieren kann, macht mir Angst.»

Seit 2012 sind Akbari, ihr Mann und die beiden Söhne eingebürgert. Gerne würde sie an Gemeindeversammlungen teilnehmen. «Aber ich schäme mich, weil ich das Gefühl habe, nicht korrekt zu sprechen, das ist mir peinlich.» Ärger schwingt in ihrer Stimme mit. «Man sollte doch Verantwortung übernehmen für das Land, in dem man lebt und seinen Kindern hinterlässt.»

Heute betreut Akbari die Asylsuchenden, die in Wohlenschwil ein vorübergehendes Zuhause bekommen. Ihre ehemalige Betreuerin hat ihr den Job vermittelt. «Ich mag diese Arbeit und die Gemeinde ist zufrieden mit mir.» Das will sie belegen und holt einen Ordner mit ihren Arbeitszeugnissen aus dem Keller. Sie hat auch eines von Stetten, aber inzwischen leben dort keine Asylsuchenden mehr, die sie betreuen könnte. Um für ihren zweiten Sohn, der die Primarschule besucht, flexibel zu bleiben, arbeitet sie auch als Haushaltshilfe.

Wollen Sie das schreiben? Schreiben Sie das nicht, das lässt mich klein dastehen.

Das finde ich nicht. Im Gegenteil, es zeigt, dass Sie arbeitsam sind und nichts serviert bekommen wollen.

Sicher? Ich hätte mich gerne mehr ausbilden lassen, um andere Arbeiten machen zu können.

Was wollen Sie denn arbeiten?

Ich weiss nicht genau. Ich würde gerne besser Deutsch sprechen und mehr Asylsuchende betreuen oder als Verkäuferin arbeiten.

Akbari schenkt Tee nach. «Für die Asylsuchenden hat sich vieles verbessert, seit wir damals hier ankamen», sagt sie. «Für meinen Deutschkurs musste ich kämpfen, weil ich keine Betreuung für meinen kleinen Sohn fand. Ich konnte ihn zuerst nicht mitnehmen. Heute gibt es das Muki-Deutsch.» Den Geflohenen versucht sie zu vermitteln, dass das Lernen der Landessprache gleich nach dem Dach über dem Kopf, Essen und Sicherheit kommt.

Bildung sei wichtig für die Kinder der Asylsuchenden. «Das versuche ich den Eltern klar zu machen.» Derzeit wohnen eine Familie aus Somalia und ein Mann aus Angola in Wohlenschwil; eine weitere Familie wird im Januar in die ehemalige Wohnung von Akbaris Familie einziehen.

Frau Akbari, was geschah eigentlich damals, nachdem die Beamten den Krustenkranz weggeworfen haben?

Wir mussten Formulare ausfüllen. Danach bekamen wir Kartoffelsalat. Das war etwas vom Besten, was ich je gegessen habe.

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