Baden
Der Jazz muss swingen, der Ländler muss «fäge»

Im Kurtheater Baden gab es eine spannende Produktion zu sehen: «Wysel», eine Komposition des Wettinger Komponisten und Jazzpianisten Christoph Baumann, bringt die Entstehungsgeschichte der Ländlermusik auf die Bühne.

Jürg Blunschi
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Zur Musik gibt es aussagestarke Illustrationen von Lorenz Rieser auf der Kurtheaterbühne. Alex Spichale

Zur Musik gibt es aussagestarke Illustrationen von Lorenz Rieser auf der Kurtheaterbühne. Alex Spichale

Alex Spichale

«Wysel», die mit aktuellen Ausdrucksformen dargestellte Geschichte der Ländlermusik, erlebte im Kurtheater ihre zwölfte und letzte Aufführung – für den Komponisten Christoph Baumann ein Heimspiel. Der Wettinger Jazzpianist hat sich noch nie ausschliesslich mit Klavierspiel zufriedengegeben, sondern stets über den Tellerrand hinaus geschaut. Avantgardistische Musikkonzepte zwischen Free Jazz und E-Musik und eben auch Musiktheater lagen immer in seinem Interessenbereich – zurück bis zum «Danuser» von 1980 im Kurpark.

Baumann hat nicht erst mit «Wysel» den Fokus auf die Ländlermusik gelegt. Es ist einige Zeit her, als er für uns knapp definierte: «Jazz muss swingen, der Ländler muss ‹fäge›».

Neun meist aus dem Jazzbereich stammende Musiker hatten auf der Kurtheaterbühne Platz genommen. Auf drei grossen Leinwänden erschienen die aussagestarken Illustrationen Lorenz Riesers. Der von Franz Xaver Nager geschriebene und von Sigi Arnold in klingendem Urner Dialekt rezitierte Text erzählt die Geschichte des Ländlermusikers Wysel. Während die historische Darstellung der jungen Ländlermusik von Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg authentisch ist, stellt Wysel eine fiktive Figur dar. Unverkennbar ist Wysel aber an den aus Arth stammenden Klarinettisten und Komponisten Kasi Geisser (1899–1943) angelehnt. Wysel spielt die Geige, lernt das Schwyzerörgelispiel, vagabundiert musizierend im Land herum, ein unsteter Geselle ohne «zivile» Berufstätigkeit. Schliesslich findet er sein musikalisches Auskommen vornehmlich in Zürich. In diesem ersten Teil der Geschichte mäandert denn auch Geissers Walzer «Xandi isch das alles?» in unterschiedlichsten Bearbeitungen durch Baumanns Partitur. Die musikalischen Zwischenspiele greifen jeweils die eben gehörte Geschichte auf, illustrieren sie mit ächzenden Akkorden, schrillem Saxofon, marschmusikhaften Rhythmen, rotziger Posaune. Später kommen Jazzklänge zu Gehör und der in die Ländlermusik eingeführte Foxtrott; mit Zitaten aus Kompositionen Jost Ribarys wird dann ein Blick in die Zeit nach der Wysel-Generation geworfen.

In Zürich kreuzt Knebler Kari Wysels Weg. «Knebler» wurden die Klarinettisten genannt, und hinter dem Kari versteckt sich der historische Stocker Sepp, ein geschäftstüchtiger Kapellmeister und Musik-Manager. Stocker machte das Niederdorf zum damaligen Zentrum der Ländlermusik. Mit dem aufkommenden Radio konkurrieren Jazzklänge aus dem fernen Amerika die Ländlermusik, die an Beliebtheit verliert und Konzessionen an die neue Modeströmung machen muss.

Endlich führt Wysel, mittlerweile Familienvater, einen Existenzkampf, ehe er, wie Vorbild Geisser, an Krebs stirbt und Frau und einen kleinen Buben hinterlässt. Kasi Geisser lebt in 900 überlieferten Tänzen weiter; an Wysels werden wir uns durch den Abend im Kurtheater erinnern.