Unter dem Motto «Neu gehört» erklang bereits das zweite Konzert dieser Art. Bekannte Werke werden dabei in neuer, extrem reduzierter Orchesterbegleitung zur Aufführung gebracht. Drei Instrumente, ein Klavier, ein Harmonium und ein Schlagzeug übernahmen die Aufgabe, die gewohnte orchestrale Fülle zum Erklingen zu bringen. Unvorstellbar! So der erste Impuls auf dieses Experiment, das bereits im vergangenen Oktober für Aufsehen gesorgt und am letzten Samstag in der reformierten Kirche Baden eine Zweitauflage erlebte. Diesmal standen Bruckners und Dvoraks «Te Deum» sowie Schumanns «Nachtlied» als von Renato Botti adaptierte Versionen auf dem Programm – und nötigten Aufführende und Zuhörende zu neuem Singen und anderem Hören.

Da mussten keine gewaltigen Orchestertutti und Bläserfanfaren übertönt werden, hier stand der ausgewogene Chorklang im Mittelpunkt, hier waren Transparenz und Reinheit sowie ausgefeilte Dynamik angesagt. Über diese Chortugenden verfügt der Kammerchor Baden unter seinem Dirigenten Renato Botti in reichem Masse und durfte sie aufs Schönste zelebrieren. Dem 50-köpfigen Chor standen die Solisten Mélanie Adami (Sopran), Johanna Ganz (Alt), Walter Siegler (Tenor) und Michael Raschle (Bass) zur Seite und traten ausserdem als Interpreten von Liedern Schumanns und Dvoraks äusserst sympathisch und stilsicher in Erscheinung. Auch hier war Anpassung an eine ungewöhnliche Begleitung gefragt: Vor allem die fremdartigen, akkordeonähnlichen Klänge des Harmoniums stellten eine Herausforderung für sensible Ohren dar.

Der eindrücklichen Strahlkraft des Chores, wie sie in den Lobgesängen Bruckners und Dvoraks zur Geltung kam und kaum je an Intensität verlor, setzte Schumanns selten gehörtes «Nachtlied» ein wohlklingendes Beispiel von Innigkeit und zartem Schmelz gegenüber.

So neu und ungewohnt die Interpretationen daherkamen und in ihrer schlanken Version bestimmt nicht jedermanns Sache sind, hätte das Konzert vom Samstagabend mehr Beachtung verdient. Hier wagt ein klassisches Ensemble neue Wege und macht aus der Not der hohen (Orchester)-Kosten eine Tugend. Mut und eine Prise Unverfrorenheit gehören zwar dazu, wenn jedoch die unbedingte Verpflichtung zum Sinn und Geist der ausgewählten Werke spürbar wird, lohnt sich das Wagnis und die Neu-Entdeckung wird zum überraschenden Gewinn.