Über den Dächer Badens, im Singsaal der Bezirksschule, haben sich zwei Dutzend Menschen versammelt. Sie lockern die Glieder, lassen den ersten Ton klingen. «Singt den Ton so, dass ihr merkt: Da sind noch andere. Und es klingt so schön, wenn wir gemeinsam singen», sagt Uhlmann. Wie der Kammerchor eine Klangeinheit formt, lugt die Sonne zwischen den Regenwolken hervor, ein Regenbogen spannt sich auf.

Ein Chor mit Seele

Michel Uhlmann dirigiert den Badener Kammerchor «akusma» (griechisch: Alles was klingt) seit November vergangenen Jahres. «Da sind Menschen, die Lust auf Kultur haben und gemeinsam etwas erreichen wollen», sagt Uhlmann. Er arbeitet ansonsten an der Schola Cantorum Basiliensis, der Hochschule für Alte Musik in Basel. «Im Gegensatz zu meinen Studenten – alles Instrumentalisten – muss ich hier niemanden davon überzeugen, dass Singen schön ist», so Uhlmann. «Dieser Kammerchor hat eine Seele, die etwas Gemeinsames träumt.» Er leitet andere Chöre in Basel – doch der Kammerchor «akusma» bringe einen besonderen menschlichen Zusammenhalt mit.

In der Chorprobe singt der Chor vierstimmig «dispersit superbos», das «Magnificat 4 toni» von Francisco Guerrero (1528-1599). «Warum hat der Komponist genau an der Stelle diesen wahnsinnigen Klang gesetzt? Es ist das Hauptversprechen von Gott an die Menschen.» Einen Moment später: «An dieser Stelle muss jede Stimme etwas Dunkles und etwas Helles haben, wie ein Sternenhimmel. Nochmals bei ‹dispersit›.» Die Chorprobe ist gespickt mit Anekdoten, die Uhlmann aus seinem musikalischen Wissen schöpft. «Ich glaube wenig an getrennte Methoden. Die Werke bieten an sich schon viel Kulturelles, Spirituelles wie auch Stimmliches.» Er möchte die Menschen dort abholen, wo sie stehen. «Ich versuche nicht, an einen bestimmten Punkt hinzukommen. Am Konzert zeigt man, wo man jetzt gerade ist.»

Mit «Gassenhauer und Motetten» tritt der Kammerchor am 20. und 21. August in Wettingen und Baden auf. «Konzerte sind Feste für mich», sagt Uhlmann. Der erste Teil findet daher unter freiem Himmel statt, «ein Fest mit Trunk und Gesang», wie die Einladung verspricht. «Mendelssohn hat einige Lieder explizit für draussen geschrieben», berichtet Uhlmann. Begleitet von Prozessionsgesang werden Chor und Zuhörer danach in die Kirche ziehen.

Mensch und Stimme als Einheit

Worin liegt das Geheimnis, um mit dem Chor einen guten Klang zu erzeugen? «Ein bewährter Chorleiter hat mir einst geraten, die Leute gerne zu haben, sie ständig zu fordern und mit ihnen kontinuierlich zu arbeiten», verrät Uhlmann. «Man braucht ein gemeinsames Ziel und soll die Leute mitnehmen können.» Die Stimme sei ein Urausdruck des Menschen, unverwechselbar. «Ich möchte eine Einheit schaffen zwischen Stimme und Mensch. Es bringt nichts, wenn Leute sich für Sänger halten und etwas Künstliches erzeugen.» Ein Chor sei nicht ein Ort, wo man Illusionen pflegen soll, «aber ein Ort, an dem man träumen darf.»

«Gassenhauer und Motetten» am Samstag, 20. August, 20 Uhr, Klosterkirche Wettingen; Sonntag, 21. August, 16.30 Uhr, Stadtkirche Baden; kein Vorverkauf, Abendkasse