Pandemie
«Der Kanton hat zu passiv reagiert»: Badener Corona-Testcenter wird überrannt und arbeitet am Anschlag

Das Badener Institut für Arbeitsmedizin bietet Coronatests ohne Anmeldung an. Und wird überrannt – ein Zelt dient als zweites Wartezimmer. Sein Team sei grenzenlos am Anschlag, sagt Geschäftsführer Dieter Kissling.

Pirmin Kramer
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Dieter Kissling: «Der Kanton müsste viel mehr Testmöglichkeiten bereitstellen.»

Dieter Kissling: «Der Kanton müsste viel mehr Testmöglichkeiten bereitstellen.»

Sandra Ardizzone

Wer Coronasymptome hat, kann sich in Baden nicht nur im Kantonsspital, sondern auch im Institut für Arbeitsmedizin am Kreuzweg testen lassen. Während man sich im Spital online anmelden muss, handelt es sich beim Institut für Arbeitsmedizin um eine Walk-in-Praxis: Eine Anmeldung ist nicht nötig. Geschäftsleiter Dieter Kissling schlägt im Interview nun aber Alarm.

Wie geht es Ihnen und Ihrem Team?

Dieter Kissling: Unser Team ist grenzenlos am Anschlag und arbeitet bis zur Erschöpfung. Wir führen pro Tag 120 bis 150 Tests durch. Die Zahl der Menschen, die sich testen lässt, nimmt fast jeden Tag zu. Seit letzter Woche haben wir draussen ein Zelt aufgestellt, weil es nicht mehr genügend Platz hat im Wartezimmer. Wenn es so weiter geht, müssen auch wir die Anzahl Tests pro Tag beschränken. Das würde allerdings unserer Haltung widersprechen.

Sie wollen dafür sorgen, dass sich jeder und jede so schnell wie möglich testen lassen kann.

Ja, es darf doch nicht sein, dass jemand Symptome hat, aber auf einen Test verzichtet, weil er eine halbe Woche auf einen Termin für einen Abstrich warten muss. Das Kantonsspital Baden tut, was es kann; gefordert wäre der Kanton. Er müsste viel mehr Testmöglichkeiten bereitstellen.

Können Sie diese Kritik präzisieren?

Dass die zweite Welle kommen würde, war absehbar. Doch leider wurden die Testzentren nicht entsprechend ausgebaut. Der Kanton hat in meinen Augen zu passiv reagiert in den Sommermonaten. Dass sich die Tests finanziell nicht lohnen für uns, kommt hinzu.

Sind die Tests für Sie ein Verlustgeschäft?

Ja. Wir erhalten vom Bund 50 Franken pro Abstrich. Unsere Kosten belaufen sich auf ungefähr 70 bis 80 Franken. Der Aufwand ist gross: Wir müssen die Personalien erfassen, den Test durchführen, den Abstrich einschicken, das Ergebnis mitteilen, dazwischen noch Fragen telefonisch beantworten. Andere Kantone finanzieren die Abstrichzentren. Der Kanton Aargau leider nicht.

Das Konzept der Walk-in-Praxis kann auch Nachteile haben: Ein Patient liess sich testen, war negativ, erhielt dann aber eine Meldung der Swiss-Covid-App, weil eine andere Person im Wartezimmer Corona hatte.

Das habe ich mitbekommen, das ist ärgerlich. Aber ich wüsste nichts davon, dass sich schon jemand bei uns im Wartezimmer oder im Wartezelt angesteckt hat. Wir schützen die ­Patienten mit unserem Schutzkonzept.

Nun kommen Corona­schnelltests auf den Markt. Wie verändert sich dadurch Ihre Arbeit?

Die Schnelltests ändern an unserer Auslastung nichts. Einerseits vergrössern sie unseren Aufwand, indem wir jetzt die Laborarbeit selbst machen. Sie verkleinern aber auch unseren Aufwand, da der Versand und die Aufarbeitung der eintreffenden externen Laborresultate entfallen. Epidemiologisch gesehen ist der Schnelltest mehr als sinnvoll und wir gewinnen Zeit für die Reduktion von Übertragungen.

Haben Sie die Bilder der Menschenmassen ohne Abstand im Shoppi Tivoli gesehen?

Ja.

Ihre Gedanken?

Leider war ich nicht überrascht. Eigentlich müsste ich die Bevölkerung noch mehr als den Kanton kritisieren. Das Coronavirus kann enorm gefährlich sein, aber es gibt Leute, die kümmert das nicht. In unsere Praxis kommen junge Leute, die einen Abend lang in einem Keller ohne Fenster Musik machten mit Freunden und überrascht sind, wenn sie positiv getestet werden.

Wenn Sie entscheiden könnten: Welche Massnahmen sind nun nötig im Kampf gegen Corona?

Maskenpflicht in allen Innenräumen, einhalten, auch am Arbeitsplatz. Und die privaten Kontakte müssen auf ein Minimum reduziert werden.

Auf Anfrage äussert sich das Departement Gesundheit und Soziales wie folgt: «Der Kantonsärztliche Dienst hat einen Unterstützungsantrag vom Institut für Arbeitsmedizin erhalten und wird diesen prüfen.»