Alex* ist nicht da. Dass er die erste Verabredung vergisst, hat nichts – etwas salopp gesagt – mit einem Kiffer-Hirn zu tun. Der 18-Jährige ist seit einem knappen halben Jahr «clean», wie er selber sagt. «Entschuldigen Sie, ich habe den ersten Termin vor lauter Ferien und Schulanfang vergessen», erklärt er.

Gerade 13 Jahre alt ist Alex, als er durch seinen Cousin seine erste Erfahrung mit Cannabis macht. «Danach war es eine Art Gruppenzwang unter Kollegen in der Schule», erinnert er sich. Mit 14 Jahren kifft Alex täglich, während der Pausen und nach der Schule mit seinen Freunden der Bezirksschule. Mit 16 nimmt er zum ersten Mal Speed. Später folgen andere Drogen wie Kokain, Amphetamin, Ecstasy und Pilze. Vor den Sommerferien erwischt ihn die Polizei beim Kiffen. Weil er nicht volljährig ist, wird er dazu verpflichtet, eine Cannabis-Therapie beim Beratungszentrum Bezirk Baden zu machen.

Konsum von Cannabis setzt ihm zu

Alex relativiert seine Drogen-Erfahrung zuerst: «Heute ist es üblich, dass 13- bis 14-Jährige anfangen zu kiffen.» Der Flash von Cannabis sei etwas anderes, Neues und Cooles gewesen, besser als Alkohol. Er habe nie das Gefühl gehabt, im Übermass zu kiffen, da es immer wieder Unterbrüche gegeben habe und er in der Schule gut durchgekommen sei. «Wenn ich nicht gekifft hätte, wäre ich vielleicht besser gewesen», gibt er zu. Das Tragische: In der Schule werde selten bemerkt, dass während der Pausen Gras geraucht werde.

Doch dann nimmt das Gespräch eine Kehrtwende: «Was mit einem Joint ab und zu anfing, wurde zur Gewohnheit. Irgendwann hört man auf zu überlegen und kifft einfach.» Zwei Jahre vor seinem Entzug raucht Alex jeden Tag einen Joint, an den Wochenenden mehrere. «Gegen Ende setzte mir der Konsum von Cannabis zu. Ich konnte mich schlechter konzentrieren und hatte einen komischen Kopf mit komischen Gedanken.» Alex merkt, dass es so nicht weitergeht.

Dass er von der Polizei erwischt wird, kommt für ihn sogar zum richtigen Zeitpunkt: Er muss fünf Sitzungen beim Beratungszentrum in Baden besuchen. Da sich beim Vorgespräch herausstellt, dass sich die Gruppentherapie für ihn nicht eignet, besucht er die Einzeltherapie. Und das mit Erfolg: Seither hat er die Finger vom Gras gelassen.

«Ich bin stolz, dass ich nicht mehr kiffe. Ich fühle mich freier und die Tatsache, dass ich clean und nicht immer jeden Tag berauscht bin, fühlt sich gut an.» Aufzuhören, sei ihm nicht schwergefallen. «Ich wollte mir selber beweisen, dass ich stark genug bin.» Den Kollegenkreis habe er nicht gewechselt. «Die kiffen alle noch, ich sage einfach Nein.» Für seine Eltern hingegen sei das Ganze nicht einfach gewesen.

Die Eltern setzen Grenzen

Alex hat ein gutes und offenes Verhältnis zu seinen Eltern. «Als sie es bemerkten, hatten wir viele Diskussionen», erinnert er sich. Zum Glück sei es ihnen – nicht wie vielen anderen Eltern – nicht einfach egal gewesen. «Das Problem war, dass ich eine Zeit lang nie mehr zuhause war. Das störte meine Mutter sehr.» Deshalb seien ihm Grenzen gesetzt worden. «Ich musste früher nach Hause. Das war gut. Eltern müssen Grenzen setzen.»

Als eine Einstiegsdroge sieht Alex Cannabis nicht, obschon er härtere Drogen wie Kokain konsumierte.
Seine ersten Erfahrungen mit Speed, Amphetamin, Ecstasy und Kokain macht er an Techno-Partys und an der Street Parade in Zürich; ebenso wie beim Cannabis mit seinen Kollegen. «Es war mehr ein Experimentieren. Ich bin ein vernünftiger Mensch. Es war mir völlig klar, was ich da mache.» Er habe auch mit seinen Eltern darüber gesprochen. «Meine Eltern haben selber Erfahrungen mit Drogen. Sie verteufeln sie nicht. Zudem vertrauen sie mir.»

Wer Hilfe sucht, der findet sie

Dass er eine sehr gute Beziehung zu seinen Eltern hat, sieht Alex als grosses Glück. «Ich kenne viele Jungs, die abgestürzt sind, weil sich ihre Eltern einfach nicht um sie gekümmert und kein offenes Ohr für ihre Probleme hatten.»

Wer keine Familie hat, sucht sich einen anderen Halt. «Drogen halten zusammen», sagt Alex. Wer sich helfen lassen will, müsse davon überzeugt sein, dass er aufhören will. Die Beratungsstelle helfe sehr, «aber nur denen, die sich selber helfen wollen».

*Name von der Redaktion geändert