Erich Obrist ist ein Dättwiler Kind. Er nennt Dättwil seine «Homebase». Wir treffen ihn im alten Postbüro, das sich an der Dättwiler Dorfstrasse zwischen seinem Elternhaus und dem neuen Postgebäude versteckt. Früher haben hier sein Vater und Grossvater die Post sortiert, gestempelt und fertig zum Verteilen gemacht. Der Grossvater war Gemeindeschreiber und erster Posthalter von Dättwil. Auch sein Vater Kurt war Posthalter.

Erich Obrist wurde 1960 geboren. Als Schulbub musste er beim Sortieren und Austragen der Briefe und Päckli helfen. Und er musste einmal wöchentlich den Vorplatz wischen. «Pfadi kam für mich als Kind nie infrage», sagt Obrist lachend. «Ich hatte am Samstag genug zu tun.» Die Geschichte der Obrists ist untrennbar mit Dättwil verbunden. Die reformierte Familie kam um 1740 von Riniken her nach Dättwil und stellte im kleinen Bauerndorf zusammen mit der Familie Renold während zweier Jahrhunderte den grössten Teil der Bevölkerung.

Erich Obrists Mutter Alice, eine geborene Keller, stammte aus der Täfern. Die Wirtefamilie Keller, die den Gasthof fast 140 Jahre lang betrieb, hatte stets auch einen kleinen Bauernbetrieb. Erich Obrist half als Bub in der Täfern den Stall ausmisten, Äpfel lesen, Runkeln putzen und Kartoffeln ausgraben. Seine Mutter half sonntags und an der Metzgete in der Wirtschaft mit.

Obrists Urgrossvater Siegfried Keller hatte als erster Dättwiler Bahnhofsvorsteher 1880 die Täfern als Wohn- und Gasthaus bauen lassen. Mittags gingen hier die «Bähnler» der Nationalbahn und die Fabrikarbeiter der Gebrüder Demuth AG und der Fensterfabrik Neeser ein und aus. Im Herbst gab es Speck, Rippli und Rauchwürste.

Aufrecht: Erich Obrist (8. v.l.) als Erstklässler mit der Gesamtschulklasse Dättwil und Lehrer Hans Dietiker im Jahr 1967.zvg

Aufrecht: Erich Obrist (8. v.l.) als Erstklässler mit der Gesamtschulklasse Dättwil und Lehrer Hans Dietiker im Jahr 1967.zvg

Die Geschichte des Gasthauses geht jetzt zu Ende: In zwei Wochen schliesst die Täfern für immer ihre Türen. Obrist sieht es pragmatisch: «Es ist so, wie es ist. Die Zeiten haben sich geändert.» Von der ersten bis zur dritten Klasse ging Obrist in Dättwil zur Schule, bei Dorflehrer Hans Dietiker. Besonders gute Erinnerungen hat er nicht an diese Zeit. Dietiker sei ein sehr strenger Lehrer gewesen, sagt Obrist. In der vierten Klasse kam er ins Meierhofschulhaus, danach an die Bezirksschule in Baden. Hier fühlte er sich wohl.

Das Skizzenbuch immer dabei

In seiner Zeit an der Bez wusste er schon, was er später einmal werden wollte: Zeichenlehrer. Obrist machte an der Kanti Wettingen die Matur und an der Höheren Pädagogischen Lehranstalt in Zofingen das Lehrerdiplom. Als frischgebackener Lehrer unterrichte er zuerst zwei Jahre an der Sekundarschule Niederwil. In Basel studierte Obrist Gestaltung und unterrichtete darauf Bildnerisches Gestalten, Werken und Kunstgeschichte.

Zuerst an der Bez Baden, später auch an der HPL Zofingen und an der Kantonsschule Olten. Es sei für ihn der schönste Beruf der Welt. Er habe immer gemalt und gezeichnet. Das Skizzenbuch habe er auch heute auf Reisen immer dabei, sagt Obrist. Seit 2004 ist er Lehrer für Bildnerisches Gestalten an der Alten Kanti Aarau.

Er freue sich jeden Tag auf die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern: «Ich habe meine Schüler einfach gern.» Vor kurzem habe ihn ein Mädchen gefragt, ob er denn noch unterrichten würde, wenn er als Badener Stadtammann gewählt würde. Als er das verneinte, habe die Schülerin gesagt: «Dann will ich nicht, dass Sie gewählt werden.»

In Aarau machte Obrist schon die Füsilier-RS und dann die Unteroffiziersschule. «Obwohl ich zuerst gar nicht weitermachen wollte», wie er sagt. Er sei nie ein Militärfan gewesen. Die Armee aber wollte ihn behalten und so absolvierte er auch die Offiziersschule. Auch im Militär liess ihn die Pädagogik nicht los: Als Oberleutnant konnte er angehende Unteroffiziere coachen. «Das hat mir Freude gemacht», sagt Obrist.

Verheiratet ist Erich Obrist mit Gabriele Stemmer Obrist. Sie stammt aus dem Berner Seeland und kam 1980 als junge Primarlehrerin nach Nussbaumen. Die beiden lernten sich 1986 bei einem gemeinsamen Freund kennen. «Mein Kollege erzählte mir sechs Jahre lang von dieser Frau, ohne dass ich sie kannte», erzählt Obrist und schmunzelt. «Als es dann soweit war, hat es sofort gefunkt.»

Seine Frau Gabriele arbeitet heute als Bildungswissenschaftlerin und selbstständige Beraterin. Die beiden wohnten lange am Lindeli oberhalb der Burghalde, dann fünf Jahre in Olten. «Aber wir waren Heimwehbadener», sagt Obrist. «Wir wollten wieder zurück in unsere Stadt.» Seit 2005 wohnen sie am Lägernhang am Mühlbergweg.

«Die Badener Kultur liegt mir sehr am Herzen»

«Die Badener Kultur liegt mir sehr am Herzen»

Drei Fragen an den Stadtammann-Kandidaten Erich Obrist.

Am Pult des Grossvaters politisiert

Das Paar engagierte sich auch im Vorstand von «Traktandum 1». Der knappe Entscheid gegen die Fusion mit Neuenhof im Jahr 2010 war für Erich Obrist Auslöser, im Verein aktiv zu werden, der sich für eine starke Regionalstadt einsetzt. Er engagierte sich auch jahrelang in der Chronikgruppe Dättwil und ist Präsident des Stiftungsrates der Kulturstiftung Pro Argovia.

Sein politisches Interesse sei einst am Pult seines Grossvaters im Postbüro geweckt worden, erzählt Obrist. Hier habe er als Jugendlicher die «Weltwoche» («die alte!») und den «Spiegel» gelesen.

1997 wurde er für die SP erstmals in den Einwohnerrat gewählt. 2007 rutschte er als erster Ersatzmann auf der SP-Liste erneut in den Rat nach. «Ich habe mich immer wohlgefühlt in der SP», sagt Obrist. Über seinen Parteiaustritt verliert er nicht viele Worte. Seine wilde Kandidatur bei den Stadtratswahlen 2015 habe als Konsequenz zu einer Trennung mit der Partei geführt.

Als Stadtammann möchte sich Obrist als erstes den Finanzen widmen: «Das darf uns nicht aus dem Ruder geraten.» Deshalb stehe er kritisch zum Baukredit für das neue Sekundarstufenzentrum Burghalde. Als Stadtrat sei er jedoch für die dafür notwendige Erhöhung der Steuern. Denn: «Ohne Steuerfusserhöhung lähmt uns dieses Projekt auf Jahre hinaus», sagt er. «Man kann nicht den Fünfer und das Weggli haben.»

Die Stadt müsse ein qualitativ hohes Angebot an Kultur, Bildung und Wohnen haben. Aber dazu müsse in allen Bereichen die Eigenwirtschaftlichkeit erhöht werden. Auch das Bäderquartier sei ihm eine Herzensangelegenheit. Nicht nur der Badebetrieb, sondern vor allem die 2000-jährige Kulturgeschichte der Bäder.

Erich Obrist ist in Dättwil bekannt wie ein bunter Hund. Als wir uns vor seinem Elternhaus von ihm verabschieden, gehen drei Schulbuben auf ihrem Heimweg vorbei und rufen lautstark: «Das ist doch der Herr Obrist! Grüezi Herr Obrist!» Von gegenüber winkt die Nachbarin mit dem Besen, und Erich Obrist sagt lachend: «Ich hoffe, ich muss jetzt nicht wischen gehen.»